Liebe Leser,
es ging recht schnell, dass ich die zündende Idee zu einem Wanderbuch hatte, dessen Grundlage nun dieses Blog, diese kleine Materialsammlung ist. Ich nehme das Blog nicht offline, setze es aber vorläufig auch nicht fort. Jedenfalls werde ich in diesem Winter zusammen mit dem Bestseller-Autor Mario Ludwig, selbst leidenschaftlicher Wanderer, ein kleines Buch über das Wandern schreiben. Viel mehr will ich nicht verraten, noch steht wenig auf dem Papier, einen Verlag haben wir erst recht noch lange nicht. Eines nur: Es geht in Richtung Manuel Andrack a) für richtige Wanderer und nicht für Warmduscher und b) das Ganze in lustig!
Link zu Mario Ludwig
Samstag, 10. Oktober 2009
Sonntag, 20. September 2009
Dreitausendersammeln

Es gibt Menschen, die sich über die Klimaerwärmung freuen. Bergwanderer in den Alpen können nämlich auf immer mehr große Gipfel steigen, ohne einen Gletscher zu betreten, und so gibt es unter Alpinwanderern eine regelrechte Jagd auf Berge jenseits der magischen Marke 3000. Nahezu in allen Alpengebieten mit entsprechend hohen Gipfeln sind Dreitausender begehbar und markiert, angefangen bei einfachen Halbtageszielen bis hin zu schwierigen Touren, bei denen weit mehr erforderlich ist als ein wenig Schwindelfreiheit. "Latsch-Dreitausender" heißen die Gipfel, die man vom Auto aus mitnehmen kann. Einen knappen halben Tag muss man veranschlagen, "latscht" man etwa vom Umbrail-Pass an der italiensch-schweizerischen Grenze auf den 3033 m hohen Piz Umbrail und wieder zurück. Die fünfhundert Höhenmeter sind ohne Schwierigkeiten zu bewältigen, dafür hat man vom Gipfel aus eine exzellente Sicht auf die Ortler-Gruppe. Von einer anderen Passhöhe, dem schweizerischen Albula-Pass, läßt sich der 3036 m hohe Igl Compass besteigen. Immerhin 750 Höhenmeter sind dabei zu überwinden, an einer Stelle muss der Wanderer seine Hände zur Hilfe nehmen, um eine einfache Steilstufe zu erklimmen. Der Berg ist noch ein Geheimtipp, zumal er nur in wenigen Wanderführern verzeichnet ist, erst Recht nicht in den "Bibeln" für Dreitausenderwanderer. Wer etwa den Tourenvorschlägen von Dieter Seibert ("Leichte Dreitausender") folgt, muss zwar nicht gerade mit einem Massenansturm rechnen, aber mit "erhöhter Betriebsamkeit". Seiberts 99 Dreitausender finden sich allesamt in den Ostalpen, in jeder Berggruppe hat er einfache und schwierige Wanderdreitausender ausgesucht.
Wie beim "richtigen" Bergsteigen, gibt es auch beim Alpinwandern sechs Schwierigkeitsgrade, wobei der erste Grad bei Dreitausendern nicht vorkommt - quasi flanieren mit Turnschuhen und ohne jedes Orientierungsvermögen. Ab dem 2. Grad heißt es Bergstiefel anziehen und gründlich den Weg beachten. Auf dem 2. Grad wandert, wer von der Bergstation Diavolezza im Bernina-Gebiet die knapp 250 Höhenmeter auf Munt Pers "latscht" - ein Berg, den "richtige" Alpinwanderer zwar wegen seiner Aussicht auf den Morteratsch-Gletscher schätzen, aber wegen des Massenandrangs lieber meiden. Ab dem 3. Grad ist alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Orientierungsvermögen vonnöten, ab dem 4. sollte man mit exponierten Stellen rechnen, mit kleineren Kletterpassagen oder Firnfeldern. "Anspruchsvolles" und "schwieriges Alpinwandern" begeht man in Grad T5 und T6 - hier wird die Grenze zum Bergsteigen überschritten, der Umgang mit Hilfsmitteln wie Seil, Steigeisen und Pickel sollte beherrscht werden. Das schweizerische "Standardwerk" für Dreitausenderwanderer "Freie Sicht aufs Gipfelmeer" verzeichnet nur Gipfel bis zum 4. Grad. Wer beispielsweise auf das Wahrzeichen von Sankt Moritz steigt, den Piz Julier (3308 m), sollte keine Angst vor gesicherten Stellen und schwindelerregenden Blicken in den Abgrund haben.
Bis über 3600 Meter kann man inzwischen wandern, der wohl einfachste Gipfel dieser Höhe ist das "Üsser Barrhorn" (3620 m) in den Walliser Alpen. Ein solcher Gipfel wäre in anderen Alpengebieten eine Sensation, im Wallis ragen die Nachbarn nochmal tausend Meter höher in den Himmel. In der südlichen Ortlergruppe lockt mit dem Monte Vioz (3645m) ein wahrer Bergriese die Wanderer. Vom italienschen Pèio läßt sich der Aufstieg mittels einer Seilbahn auf etwa 750 Höhenmeter verkürzen, allerdings sollte man sich zuvor auf einem Berg mit allenfalls knapp über 3000 Meter aklimatisiert haben. Auf 3538 m Höhe bringt es Europas höchst gelegener Wallfahrtsort, die Rocciamelone in den Grajischen Alpen, die jedoch einige Kletterstellen aufweist und Konditionsriesen vorbehalten ist - das Tal von Susa überragt der Gipfel um gewaltige 3100 Meter, jeden 5. August findet übrigens eine Pilgerfahrt auf die Rocciamelone statt.
Der Umgang mit Teleskopstöcken, richtiges Verhalten in Schutt- und Blockhalden und natürlich das Lesen von Karten sollten für "Dreitausendersammler" obligatorisch sein. Die meisten Unfälle passieren auf Altschneefeldern, weshalb die Wandersaison in diesen Höhen erst Anfang bis Mitte Juli beginnt. Alpine Dreitausender sind auch ohne Eis und Schnee ernstzunehmende Gipfel, ein Wetterumschwung kann einen "Latsch-Dreitausender" lebensgefährlich machen.
Zu empfehlen sind grundsätzlich auch regionale Wanderbücher und Tipps versierter Einheimischer. So lassen sich Geheimtipps eruieren wie die Eisseespitze (3230 m), der einsame Nachbar der überlaufenen Suldenspitze im Ortlergebiet, der Ahrnerkopf (3251 m) in der Rieserfernergruppe oder der Piz la Stretta (3104 m) östlich des Bernina-Passes - selten besuchte Gipfel selbst während der Hochsaison. "Anfänger" halten sich jedoch am besten an jene Dreitausender, die in den jeweiligen "Rother Wanderführern" beschrieben sind.
Wer übrigens glaubt, er könne von Mittelbaden aus an einem verlängerten Wochenende im Berner Oberland mal ein, zwei Dreitausender "mitnehmen", täuscht sich: Ausgerechnet hier gibt es nur zwei begehbare Dreitausender: Die Büttlasse (3193 m), ein Nachbar des Schildhorns im Jungfraugebiet, weist den 5. Schwierigkeitsgrad auf, für den Wildstrubel (3243 m) über Adelboden benötigt man nach einem Akklimatisationstag auch bei der besten Kondition mindestens zwei Gehtage. Die meisten Dreitausender lassen sich im Oberengadin, von Vent in den Ötztaler Alpen oder von Sulden am Ortler aus "sammeln", ein Dutzend sind dort während eines "normalen Urlaubs" und mit guter Kondition "locker" zu machen, stabiles Wetter vorausgesetzt, und auch rund um Saas Fee und Zermatt locken zahlreiche Touren über 3000 Meter. Matthias Kehle
Literaturtipps:
Dieter Seibert: Leichte Dreitausender. Die 99 schönsten Touren mit Weg, Bruckmann-Verlag, 145 Seiten, ISBN 3-7654-3677-1
Marco Volken/ Remo Kundert: Freie Sicht aufs Gipfelmeer. 50 Wanderdreitausender zwischen Genfersee und Unterengadin. SalvioniEdizioni. per pedes, 224 Seiten, ISBN 3-9522764-0-5
Hanspaul Menara: Die schönsten 3000er in Südtirol. Bildwanderbuch mit 70 Hochtouren, Athesia-Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-88-8266-391-9
Rother-Wanderführer, insbesondere "Aosta-Tal", "Dauphiné-Ost" und "Seealpen" (www.rother.de)
(Badisches Tagblatt, 19. September 2009)
(c) alle Fotos: Matthias Kehle
(1) Gipfelaufbau der Eisseespitze, links Zufallspitzen und Cevedale
(2) Gipfelrast auf der Kreuzspitze (3455 m) in den Ötztaler Alpen
(3) Piz Palü, gesehen auf dem Weg zu Munt Pers (3207 m)
Samstag, 12. September 2009
Kleine Tricks und Kniffe (1)
Wer unterwegs heißen Tee oder Kaffee trinken möchte, kommt nicht umhin, eine Thermoskanne mitzunehmen (oder einen selbstgebauten Spirituskocher - der ist leichter als eine Thermoskanne, dazu demnächst mehr!). Wenn man allerdings am frühen Morgen, wenn es noch kühl ist, kein eiskaltes Wasser in seinen Bauch kippen will, fülle man sich heißes Wasser in eine Plastikflasche und wickle sie in eine kleine Fleece-Decke. Hübscher Nebeneffekt: Beim Päuschen machen kann man die vorgewärmte Decke über die Beine legen. Von Sigg-Flaschen und vor allem den dazu gehörigen Isoliertaschen rate ich ab. Sie fangen schnell an zu muffeln, wenn nämlich Wasser reinläuft und nicht wieder schnell abtrocknet - wie ein schlecht getrockneter Regenschirm.
Sonntag, 30. August 2009
Einfach wandern - einfach wohnen
Es gibt wunderbare Dias von meinen Eltern, meiner Schwester und mir in den Bergen: Meine Mutter im geblümten Sommerkleid, mein Vater wie aus dem Ei gepellt. Gewandert sind wir damals selten, dafür mit sämtlichen Seilbahnen des Berner Oberlandes gefahren, inclusive Jungfraujoch, Schilthorn oder Niesen. Angetan haben es mir mir die Berge schon als Siebenjähriger im Jahr 1974 - wie man in Kindern die Liebe zum Wandern weckt, darüber schreibe ich ein anderes Mal. Gewohnt haben wir in einer kleinen Ferienwohnung im Dachgeschoss der PTT (Post Telegraph Telephon) Gsteigwiler, ein mustergültiges Dorf im Berner Oberland. Nur ein paar Kilometer abseits von Interlaken ist dort auch heute noch von Tourismus wenig zu spüren - gerademal sieben Ferienwohnungen werden derzeit angeboten.
Damals bewohnten wir eine winzige Dachwohnung, und sogar wir Kinder mussten aufpassen, dass wir uns auf dem Klo oder im Kinderzimmerchen nicht den Kopf anschlugen. Aber die Familie, bei der wir wohnten, war liebenswürdig und ganz einfach "normal", wie meine eigene Familie. Jeden Morgen wuselte unser Wirt in seinem Poststübchen, donnerte mit dem Handstempel auf die Briefmarken der aufgegebenen Briefe und stieg irgendwann aufs Mofa oder Fahrrad und verteilte im Dorf die Post.
Einmal, ein einziges Mal, stieg mein Vater damals auf einen Berg, und zwar auf Bellenhöchst (2095 m) zum Sonnenaufgang, zusammen mit unserem Wirt, während die Wirtin morgens mit meiner Mutter die Post aus Interlaken abholte und im Dorf verteilte. Die beiden Herren erzählten, wie sie ihre Frauen mit dem Fernglas beobachtet hatten. Der knallorangerote Ascona meiner Eltern sei beim historischen Gsteigbrückchen, eine über 700 Jahre alte Holzbrücke über die Lütschine, fast mit einem anderen Auto zusammen gestoßen. Heute noch haben wir zu dem alten Postler Kontakt, mein Vater und die Frau des Dorfpostbeamten leben indes schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Heute suchen Anja und ich die schlichten Ferienwohnungen - in Hotels bin ich aus beruflichen Gründen oft genug. Was braucht es mehr als zwei Betten, ein Schrank, eine Küchenzeile und ein einfaches Badezimmer, wenn man täglich in die Berge geht? Abends muss ein deftiges Gericht auf den Herd, das schnell fertig ist, dazu ein Bier und nach dem Essen und Spülen brüte ich über die nächste Tour und studiere die Karte. Nur einmal waren wir in den letzten Jahren in einem Komplex mit vielen Appartements untergebracht. Das war zwar ganz nett und mit Schwimmbad, aber einer unserer Nachbarn war starker Raucher, was bei offenen Fenstern kaum zu ertragen war. Heute, in Zeiten des Internets, ist die Regel, wie man nette Unterkünfte findet, ganz einfach: Man suche primär nach dem Günstigsten. Die billigsten Ferienwohnungen sind nämlich in der Regel diejenigen, die privat vermietet werden, meist von älteren Ehepaaren, die im Dachgeschoss oder Souterrain noch eine kleine Wohnung haben, oft mit dem Charme der 70er-Jahre, aber top gepflegt. Ein bisschen Glück braucht man freilich. Vor einigen Jahren reisten wir ohne Unterkunft ins Ahrntal, marschierten am frühen Nachmittag zum Tourinfo und bekamen zwei Adressen. Die eine war eine scheußliche, dunkle Wohnung ohne jeden Charme in Sand samt einer potentiellen Vermieterin, die genauso muffig erschien wie die Unterkunft. Die zweite Adresse war eine riesige Siebziger-Jahre-Wohnung im Dachgeschoß eines Einfamilienhauses in Mühlen. Riesige Zimmer, Blick vom Schlafzimmer auf den Großen Moosstock, der einige Jahre zuvor unser erster Dreitausender überhaupt war, eine große und helle Küche, zwei Badezimmer sowie eine nette Wirtsfamilie in unserem Alter: Der Herr des Hauses stellte uns als erstes zwei Bier in den Kühlschrank und versorgte uns mit Wurst - er war Metzger - und mit Literatur über die Gegend samt Geheimtipps. Dieses Jahr im Engadin gerieten wir auf ähnliche Weise an ein älteres Ehepaar und eine zwar sehr kleine, aber schnuckelige Einzimmerwohnung ("Wohnklosett mit Kochnische", würde meine Mutter lästern). Auf dem Eßtisch empfingen uns Glückskäfer aus Schokolade, und der Wirt versorgte uns ebenfalls mit reichlich Geheimtipps. Als wir an einem Tag schlechtes Wetter hatten, plauschten wir bei Kaffee, Keksen und Kuchen. In welcher Pension, in welchem Appartmentblock oder Hotel erlebt man dieses?
Damals bewohnten wir eine winzige Dachwohnung, und sogar wir Kinder mussten aufpassen, dass wir uns auf dem Klo oder im Kinderzimmerchen nicht den Kopf anschlugen. Aber die Familie, bei der wir wohnten, war liebenswürdig und ganz einfach "normal", wie meine eigene Familie. Jeden Morgen wuselte unser Wirt in seinem Poststübchen, donnerte mit dem Handstempel auf die Briefmarken der aufgegebenen Briefe und stieg irgendwann aufs Mofa oder Fahrrad und verteilte im Dorf die Post.
Einmal, ein einziges Mal, stieg mein Vater damals auf einen Berg, und zwar auf Bellenhöchst (2095 m) zum Sonnenaufgang, zusammen mit unserem Wirt, während die Wirtin morgens mit meiner Mutter die Post aus Interlaken abholte und im Dorf verteilte. Die beiden Herren erzählten, wie sie ihre Frauen mit dem Fernglas beobachtet hatten. Der knallorangerote Ascona meiner Eltern sei beim historischen Gsteigbrückchen, eine über 700 Jahre alte Holzbrücke über die Lütschine, fast mit einem anderen Auto zusammen gestoßen. Heute noch haben wir zu dem alten Postler Kontakt, mein Vater und die Frau des Dorfpostbeamten leben indes schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Heute suchen Anja und ich die schlichten Ferienwohnungen - in Hotels bin ich aus beruflichen Gründen oft genug. Was braucht es mehr als zwei Betten, ein Schrank, eine Küchenzeile und ein einfaches Badezimmer, wenn man täglich in die Berge geht? Abends muss ein deftiges Gericht auf den Herd, das schnell fertig ist, dazu ein Bier und nach dem Essen und Spülen brüte ich über die nächste Tour und studiere die Karte. Nur einmal waren wir in den letzten Jahren in einem Komplex mit vielen Appartements untergebracht. Das war zwar ganz nett und mit Schwimmbad, aber einer unserer Nachbarn war starker Raucher, was bei offenen Fenstern kaum zu ertragen war. Heute, in Zeiten des Internets, ist die Regel, wie man nette Unterkünfte findet, ganz einfach: Man suche primär nach dem Günstigsten. Die billigsten Ferienwohnungen sind nämlich in der Regel diejenigen, die privat vermietet werden, meist von älteren Ehepaaren, die im Dachgeschoss oder Souterrain noch eine kleine Wohnung haben, oft mit dem Charme der 70er-Jahre, aber top gepflegt. Ein bisschen Glück braucht man freilich. Vor einigen Jahren reisten wir ohne Unterkunft ins Ahrntal, marschierten am frühen Nachmittag zum Tourinfo und bekamen zwei Adressen. Die eine war eine scheußliche, dunkle Wohnung ohne jeden Charme in Sand samt einer potentiellen Vermieterin, die genauso muffig erschien wie die Unterkunft. Die zweite Adresse war eine riesige Siebziger-Jahre-Wohnung im Dachgeschoß eines Einfamilienhauses in Mühlen. Riesige Zimmer, Blick vom Schlafzimmer auf den Großen Moosstock, der einige Jahre zuvor unser erster Dreitausender überhaupt war, eine große und helle Küche, zwei Badezimmer sowie eine nette Wirtsfamilie in unserem Alter: Der Herr des Hauses stellte uns als erstes zwei Bier in den Kühlschrank und versorgte uns mit Wurst - er war Metzger - und mit Literatur über die Gegend samt Geheimtipps. Dieses Jahr im Engadin gerieten wir auf ähnliche Weise an ein älteres Ehepaar und eine zwar sehr kleine, aber schnuckelige Einzimmerwohnung ("Wohnklosett mit Kochnische", würde meine Mutter lästern). Auf dem Eßtisch empfingen uns Glückskäfer aus Schokolade, und der Wirt versorgte uns ebenfalls mit reichlich Geheimtipps. Als wir an einem Tag schlechtes Wetter hatten, plauschten wir bei Kaffee, Keksen und Kuchen. In welcher Pension, in welchem Appartmentblock oder Hotel erlebt man dieses?
Donnerstag, 27. August 2009
Das Wetter
Wetten dass es an Weihnachten wieder mild ist und bis in die höchsten Mittelgebirge taut? Dass dem so ist, liegt an den Wettersingularitäten. Das sind Großwetterlagen, die für bestimmte Jahreszeiten typisch sind und statistisch gehäuft auftreten. Die Hundstage, die Schafskälte, die Eisheiligen. Wenn man seinen Kurzurlaub auf Mitte Mai verlegt, hat man rein statistisch gute Chancen, dass man in den Alpen im Neuschnee herumstakst. Seit vielen Jahren verlegen wir deshalb vor allem unsere kürzeren Urlaube in jene Zeiten, für die die Statistik gehäuft Hochdruckwetter verspricht. Der beste Wandermonat - das ist allgemein bekannt - ist der September, wobei sowohl am Anfang als auch am Ende des Monats die Wahrscheinlichkeit für "gutes Wetter" am größten ist.
Rein statistisch sind gute Wanderphasen zwischen dem 20. und 27. Mai mit einer Hochdruckwahrscheinlichkeit von 80%. Ungünstig ist der gesamte Juni, günstig die Hundstage sowie die letzten Tage im August. Mitte Oktober, vom 10. bis zum 19., verspricht die Statistik zu 69% Hochdruckwetter, und in den ersten Novembertagen unternahmen wir schon wunderbare Wanderungen im Berner Oberland oder im Schwarzwald, der Wintereinbruch steht dann unmittelbar bevor. Das Licht Anfang November ist herrlich, und von Touristen ist weit und breit keine Spur, dafür sind auch alle Seilbahnen und Hütten dicht, selbst in Interlaken kann man dann mitten auf der Hauptstraße flanieren, und nur ab und an hupen ein paar verschnarchte Autos mit Berner Kennzeichen.
Reingefallen sind wir eigentlich nur im September 2008, als wir an sieben von zehn Tagen im Bregenzerwald im Nebel wanderten und wegen Vereisung nicht über die 2400 Meter hohe Hochkünzelspitze herauskamen. Dass sich im September eine NO-Lage einstellt, kommt allerdings äußerst selten vor. Ich erinnere mich an unsere vorletzte Tour. Wir stiegen aufs Warther Horn, es war ausnahmsweise schönes Wetter und in der Ferne sahen wir gar das Tinzenhorn im Engadin. Beim Abstieg kamen wir an einer Hütte vorbei. Die Hüttenwirtin beschloss die Saison, trug die Stühle von der Terrasse hinein. Uns waren schon die ungewöhnlich vielen Murmeltiere aufgefallen. Die Wirtin meinte: "So wie sich die Murmeltiere verhalten, gibt es einen langen und kalten Winter." Recht hatte sie. Ende September bin ich (diesmal leider ohne Anja) im Bregenzerwald. Dann werde ich mal die Wirtin fragen, wie der nächste Winter werden wird.
Literatur: Fliegair
Rein statistisch sind gute Wanderphasen zwischen dem 20. und 27. Mai mit einer Hochdruckwahrscheinlichkeit von 80%. Ungünstig ist der gesamte Juni, günstig die Hundstage sowie die letzten Tage im August. Mitte Oktober, vom 10. bis zum 19., verspricht die Statistik zu 69% Hochdruckwetter, und in den ersten Novembertagen unternahmen wir schon wunderbare Wanderungen im Berner Oberland oder im Schwarzwald, der Wintereinbruch steht dann unmittelbar bevor. Das Licht Anfang November ist herrlich, und von Touristen ist weit und breit keine Spur, dafür sind auch alle Seilbahnen und Hütten dicht, selbst in Interlaken kann man dann mitten auf der Hauptstraße flanieren, und nur ab und an hupen ein paar verschnarchte Autos mit Berner Kennzeichen.
Reingefallen sind wir eigentlich nur im September 2008, als wir an sieben von zehn Tagen im Bregenzerwald im Nebel wanderten und wegen Vereisung nicht über die 2400 Meter hohe Hochkünzelspitze herauskamen. Dass sich im September eine NO-Lage einstellt, kommt allerdings äußerst selten vor. Ich erinnere mich an unsere vorletzte Tour. Wir stiegen aufs Warther Horn, es war ausnahmsweise schönes Wetter und in der Ferne sahen wir gar das Tinzenhorn im Engadin. Beim Abstieg kamen wir an einer Hütte vorbei. Die Hüttenwirtin beschloss die Saison, trug die Stühle von der Terrasse hinein. Uns waren schon die ungewöhnlich vielen Murmeltiere aufgefallen. Die Wirtin meinte: "So wie sich die Murmeltiere verhalten, gibt es einen langen und kalten Winter." Recht hatte sie. Ende September bin ich (diesmal leider ohne Anja) im Bregenzerwald. Dann werde ich mal die Wirtin fragen, wie der nächste Winter werden wird.
Literatur: Fliegair
Mittwoch, 26. August 2009
Wandertagebuch - Munt Pers
Wenn man in eine unbekannte Gegend kommt, hält man sich an die Wanderziele, die in den sattsam bekannten Führern stehen. Im Rother-Wanderführer beispielsweise. Oder man hat einen ehemaligen Chef, der vor einigen Jahrzehnten hier und dort Berge bestiegen hat und sich daran erinnert. Also standen bei unserem ersten Besuch im Engadin in diesem Jahr auf meiner Dringlichkeitsliste ganz oben: Piz Languard, Munt Pers, Piz Ot. Pflichtveranstaltungen, sozusagen. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, Geheimtipps muss man sich erarbeiten. Die Aussicht von Piz Languard und Munt Pers ist einzigartig, keine anderen Berge bieten eine solche Sicht auf die Bernina-Gruppe (hier gucken!). Dass die Berge so beliebt sind, ist also kein Wunder, bei Munt Pers kommt erleichternd hinzu, dass man bis Diavolezza (2973 m) mit der Seilbahn fahren kann. Seit ich ein kleiner Junge bin, habe ich das Panorama vom Piz Cambrena bis zum Roseg im Kopf. Jedes Spitzchen kannte ich mit Namen und korrekter Höhenangabe. Es schauerte mich regelrecht, als ich in diesem Jahr auf Piz Languard und auf Munt Pers stand, beim Panorama von der Fuorcla Surley und der Boval-Hütte ebenfalls. Ich nehme "Es schauerte mich" zurück, mir standen Tränen in den Augen, weil ich es einfach nicht glauben konnte zu sehen, was ich bisher nur sozusagen als Wunsch in mir trug.
Bislang stand das Berner Oberland auf dem ersten Platz meiner Lieblingsalpengegenden, das Engadin ist nun nah dran. Vergleicht man übrigens die Jungfrau-Region mit der Bernina-Gruppe, legt man die beiden 1:25.000 Karten nebeneinander, so ist man überrascht, wie klein letztere ist: Man könnte sie locker in die Massive vom Eiger bis zur Jungfrau "versenken". Mich beeindruckt immer wieder die schiere Größe der Jungfrau, etwa wenn wir von Lauterbrunnen über Trümmelbach nach Wengernalp steigen, quasi auf dem kleinen Fußzeh der Jungfrau oder gegenüber von Gimmelwald diesen endlosen, 840 Meter hohen Mattenbachfall verfolgen, der in mehreren Kaskaden unterhalb des Silberhorns in die Tiefe stürzt und damit "die höchste vermessene Kaskade der Schweiz" (Schwick/ Spichtig 2007) darstellt. Über 3300 Meter beträgt die Distanz vom Lauterbrunner Talboden bis zum Gipfel der Jungfrau, definitiv übrigens mein Lieblingsberg. Nirgends in den Alpen habe ich beispielsweise eine solch elegante Firnlinie gesehen wie am Silberhorn. Weder die Schneehaube des Piz Roseg, noch die Arete de Blanc am Zinalrothorn (hier klicken) verfügen über eine derart perfekte Linienführung.
Früher, als man noch nicht als Umweltsau galt, wenn man auf die Malediven oder nach Thailand flog, um Urlaub zu machen, kam ich mir ja bei meinen Bekannten und Freunden manchmal blöd vor, wenn ich zu meiner Frau sagte: "Lieber hundertmal das Silberhorn ansehen, als einmal nach Thailand fliegen." Was man in einem Urlaub in Thailand gesehen hat, vergisst man wieder. Die Jungfrau macht mich jedes Jahr glücklich - um das Pathos mit Ironie zu konterkarieren. Davon abgesehen gilt auch hier: "Man sieht nur, was man weiß." Am 11. Januar diesen Jahres standen wir mit einer Freundin auf der Hornisgrinde. Die Sicht reichte vom Bregenzerwald bis zur Jungfrau. Die Freundin ist eine begnadete Fotografin, und sie fragte mich mehrfach: "Wo ist denn die Jungfrau?" Meine Antwort: "Die kleine Pyramide ganz rechts." Für mich ganz einfach zu sehen und zu erkennen - sie sah nichts bzw. konnte nicht differenzieren. Erst als ich ihr mit dem Finger auf dem Bildschirm Eiger, Mönch und Jungfrau zeigte, erkannte sie die Berge sozusagen, und bei einem zweiten Besuch auf der Hornisgrinde wird sie die Berner Alpen mit ihren Viertausendern selbst "sehen" können. Übrigens gibt es von dem Karlsruher Lyriker Walter Helmut Fritz, der heute achtzig Jahre alt wird, wunderbare Gedichte, welche die Fallstricken der Wahrnehmung thematisieren, so auch jene Beobachtung: "Als wir vorbeikamen,/ ruhten die Schafe/ im Schatten der Mauer.// Bei der Rückkehr,/ eine halbe Stunde danach,/waren sie weg.// Aber erst jetzt/ sahen wir sie." Mich würde nicht wundern, wenn Fritz dieser Text beim Wandern ein- oder zugefallen wäre. Meine Würdigung des großen Dichters in den "Badischen Neuesten Nachrichten" ist hier nachzulesen.
Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Anja und ich sind am 14. Juli 2009 auf Munt Pers (3207 m) gestiegen. Und zwar ohne sogenannte Aufstiegshilfe, ohne die Diavolezza-Seilbahn. Genauer gesagt, stiegen wir auf den scheinbar unscheinbaren Dreitausender Sass Queder (3066 m) und nahmen Munt Pers noch mit. Wie wir einige Tage später feststellten, ist der Sass Queder von Osten gesehen übrigens ein passabler Felsklotz. Nicht ganz so massiv wie Munt Pers, aber immerhin ein eigenständiger Berg, markanter als sein Nachbar, der beliebte Klettersteig-Gipfel Piz Trovat. Der Aufstieg verlief durch zum Teil noch tiefe Altschneefelder, aber ansonsten unspektakulär, sieht man von den Ausblicken auf die Bernina-Gruppe ab, die immer wieder durch den Morgennebel schimmerte. Und davon, dass wir auf Sass Queder allein waren und Anja am Gipfel eine leere Zuckertüte (1 Kilogramm) fand, so als habe dort oben jemand Marmelade eingekocht.
Was wir später auf Munt Pers erlebten, war zumindest originell. Runter von Sass Queder im Trubel der Diavolezza sahen wir, wie mehrere Seilbahnen etwa hundert italiensche Schüler entließen. Samt ihren Lehr- oder Aufsichtskräften, die alsbald nach Kräften in ihr umgehängtes Mikrophon palaverten und die Kids in einem perfekten Kreis um sich scharten, so als hätten sie das vorher dutzendfach geübt. "Schnell weg hier", sagte ich zu Anja. Wir bewunderten die drei typischen Pfeiler des Piz Palü, verfolgten die Aufstiegspur der Bergsteigermassen, bewunderten den immer noch ordentlichen Pers-Gletscher und flanierten auf Munt Pers, vorbei an älteren Damen mit Kopftuch, frisch verliebten Pärchen in Turnschuhen oder einigen ganz normalen Bergwanderern, die wohl wie wir zum ersten Mal im Engadin und somit auch auf Munt Pers waren.
Der Gipfel mit seinen zahllosen Steinmännchen war gut besucht, aber nicht überfüllt. Wir konnten uns an den höchsten Punkt setzen, vor uns in der nahen Ferne die bei Bergsteigern heiß begehrte Firnlinie des Bianco-Grates. Anja memorierte die Gipfel, während sie unseren Proviant auspackte. Sie hat leider kein gutes Berggedächtnis, während ich nur einmal einen Berg zu sehen brauche, um ihn von jeder Seite und jeder Entfernung wieder zu erkennen. Ganze Bergpanoramen auf der Website www.alpen-panoramen.de habe ich im Alleingang beschriftet. Kaum hatten wir zu kauen begonnen, fing eine ältere Dame vor uns an zu rauchen. "Stinkt!" riefen wir halblaut und hüstelten, die Dame hatte ein Einsehen und machte sich vom Acker, um zehn Meter weiter die Bergluft zu verpesten. Einen halben Landjäger und eine Ecke Brot hatte ich verspeist, als ich sie kommen sah: Die Italiener. Einhundert Schüler in Turnschuhen, Halbschuhen, Wanderschuhen, in Hot Pants, Trainingshosen, Muscleshirts, Salewa-Klamotten, mit Goldkettchen und ohne, mit Tattoo am Bein oder mit Arschgeweih, mit Piercing im Nasenflügel oder in der Ohrmuschel, einhundert normale Jungs und Mädels, Punks, Freaks, Bunnys etc. etc. Sie verteilten sich großräumig, aber vor allem um uns herum, möglichst nahe am höchsten Punkt ihres womöglich ersten, einzigen und letzten Dreitausenders. Erster Akt: Gut 80 Prozent rauchte erstmal eine Zigarette. Im Blick hatte ich nun nicht mehr den Bianco-Grat, sondern ein hübsches Bunny links vor mir, das - zweiter Akt - wie jedes zweite Mädchen, aus ihrem Rucksack Deospray holte, oben in ihren Pulli fasste und sich erstmal vom vermeintlichen Achselschweißgeruch befreite. Direkt hinter mir postierte sich eine Aufsichtskraft Anfang Dreißig, palaverte ins Mikro und plötzlich herrschte Friedhofsstille. Dritter Akt der italienischen Bergkomödie: Nach fünf Sekunden Ruhe deklamierte die Aufsichtskraft ein dröhnendes Vaterunser, mein Bunny und alle anderen bekreuzigten sich artig und quasselten hernach sogleich weiter. Viertens: Zigarette Nummer zwo. Danach packte jede und jeder (fünfter und für uns letzter Akt) eine weiße Papiertüte aus - das Freßpaket! Darin jeweils eine blaue 0,5-Liter-Plastikflasche mit Wasser, ein weißes Plastikmesser, weiße Brötchen, Salami in Alufolie, ein Plastikdöschen Brotaufstrich und ein Plastikdöschen Nutella. Nach dem Vaterunser - das vergaß ich zu erwähnen - gab's bei den Jungs ein Schnäpschen, für die Mädels gab es, kurz bevor wir die Flucht ergriffen, ein Schlückchen Rotwein, das die Aufsichtskräfte in Plastikbechern verteilten. Während wir zusammenpackten, rammten die Kids ihr Plastikmesser ins Brötchen, mein Bunny mühte sich redlich, es nicht abzubrechen, und ich hatte für eine Sekunde den Gedanken, dem Mädel mit meinem Prachtexemplar von Victorinox-Messer zu assistieren.
Literatur:
Christian Schwick/ Florian Spichtig: Die Wasserfälle der Schweiz. Mit 53 Wanderungen zu spektakulären Naturschauplätzen. AT-Verlag Zürich 2007 (Link zum Verlag)
(Artikel ist noch in Arbeit)
Bislang stand das Berner Oberland auf dem ersten Platz meiner Lieblingsalpengegenden, das Engadin ist nun nah dran. Vergleicht man übrigens die Jungfrau-Region mit der Bernina-Gruppe, legt man die beiden 1:25.000 Karten nebeneinander, so ist man überrascht, wie klein letztere ist: Man könnte sie locker in die Massive vom Eiger bis zur Jungfrau "versenken". Mich beeindruckt immer wieder die schiere Größe der Jungfrau, etwa wenn wir von Lauterbrunnen über Trümmelbach nach Wengernalp steigen, quasi auf dem kleinen Fußzeh der Jungfrau oder gegenüber von Gimmelwald diesen endlosen, 840 Meter hohen Mattenbachfall verfolgen, der in mehreren Kaskaden unterhalb des Silberhorns in die Tiefe stürzt und damit "die höchste vermessene Kaskade der Schweiz" (Schwick/ Spichtig 2007) darstellt. Über 3300 Meter beträgt die Distanz vom Lauterbrunner Talboden bis zum Gipfel der Jungfrau, definitiv übrigens mein Lieblingsberg. Nirgends in den Alpen habe ich beispielsweise eine solch elegante Firnlinie gesehen wie am Silberhorn. Weder die Schneehaube des Piz Roseg, noch die Arete de Blanc am Zinalrothorn (hier klicken) verfügen über eine derart perfekte Linienführung.
Früher, als man noch nicht als Umweltsau galt, wenn man auf die Malediven oder nach Thailand flog, um Urlaub zu machen, kam ich mir ja bei meinen Bekannten und Freunden manchmal blöd vor, wenn ich zu meiner Frau sagte: "Lieber hundertmal das Silberhorn ansehen, als einmal nach Thailand fliegen." Was man in einem Urlaub in Thailand gesehen hat, vergisst man wieder. Die Jungfrau macht mich jedes Jahr glücklich - um das Pathos mit Ironie zu konterkarieren. Davon abgesehen gilt auch hier: "Man sieht nur, was man weiß." Am 11. Januar diesen Jahres standen wir mit einer Freundin auf der Hornisgrinde. Die Sicht reichte vom Bregenzerwald bis zur Jungfrau. Die Freundin ist eine begnadete Fotografin, und sie fragte mich mehrfach: "Wo ist denn die Jungfrau?" Meine Antwort: "Die kleine Pyramide ganz rechts." Für mich ganz einfach zu sehen und zu erkennen - sie sah nichts bzw. konnte nicht differenzieren. Erst als ich ihr mit dem Finger auf dem Bildschirm Eiger, Mönch und Jungfrau zeigte, erkannte sie die Berge sozusagen, und bei einem zweiten Besuch auf der Hornisgrinde wird sie die Berner Alpen mit ihren Viertausendern selbst "sehen" können. Übrigens gibt es von dem Karlsruher Lyriker Walter Helmut Fritz, der heute achtzig Jahre alt wird, wunderbare Gedichte, welche die Fallstricken der Wahrnehmung thematisieren, so auch jene Beobachtung: "Als wir vorbeikamen,/ ruhten die Schafe/ im Schatten der Mauer.// Bei der Rückkehr,/ eine halbe Stunde danach,/waren sie weg.// Aber erst jetzt/ sahen wir sie." Mich würde nicht wundern, wenn Fritz dieser Text beim Wandern ein- oder zugefallen wäre. Meine Würdigung des großen Dichters in den "Badischen Neuesten Nachrichten" ist hier nachzulesen.
Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Anja und ich sind am 14. Juli 2009 auf Munt Pers (3207 m) gestiegen. Und zwar ohne sogenannte Aufstiegshilfe, ohne die Diavolezza-Seilbahn. Genauer gesagt, stiegen wir auf den scheinbar unscheinbaren Dreitausender Sass Queder (3066 m) und nahmen Munt Pers noch mit. Wie wir einige Tage später feststellten, ist der Sass Queder von Osten gesehen übrigens ein passabler Felsklotz. Nicht ganz so massiv wie Munt Pers, aber immerhin ein eigenständiger Berg, markanter als sein Nachbar, der beliebte Klettersteig-Gipfel Piz Trovat. Der Aufstieg verlief durch zum Teil noch tiefe Altschneefelder, aber ansonsten unspektakulär, sieht man von den Ausblicken auf die Bernina-Gruppe ab, die immer wieder durch den Morgennebel schimmerte. Und davon, dass wir auf Sass Queder allein waren und Anja am Gipfel eine leere Zuckertüte (1 Kilogramm) fand, so als habe dort oben jemand Marmelade eingekocht.
Was wir später auf Munt Pers erlebten, war zumindest originell. Runter von Sass Queder im Trubel der Diavolezza sahen wir, wie mehrere Seilbahnen etwa hundert italiensche Schüler entließen. Samt ihren Lehr- oder Aufsichtskräften, die alsbald nach Kräften in ihr umgehängtes Mikrophon palaverten und die Kids in einem perfekten Kreis um sich scharten, so als hätten sie das vorher dutzendfach geübt. "Schnell weg hier", sagte ich zu Anja. Wir bewunderten die drei typischen Pfeiler des Piz Palü, verfolgten die Aufstiegspur der Bergsteigermassen, bewunderten den immer noch ordentlichen Pers-Gletscher und flanierten auf Munt Pers, vorbei an älteren Damen mit Kopftuch, frisch verliebten Pärchen in Turnschuhen oder einigen ganz normalen Bergwanderern, die wohl wie wir zum ersten Mal im Engadin und somit auch auf Munt Pers waren.
Der Gipfel mit seinen zahllosen Steinmännchen war gut besucht, aber nicht überfüllt. Wir konnten uns an den höchsten Punkt setzen, vor uns in der nahen Ferne die bei Bergsteigern heiß begehrte Firnlinie des Bianco-Grates. Anja memorierte die Gipfel, während sie unseren Proviant auspackte. Sie hat leider kein gutes Berggedächtnis, während ich nur einmal einen Berg zu sehen brauche, um ihn von jeder Seite und jeder Entfernung wieder zu erkennen. Ganze Bergpanoramen auf der Website www.alpen-panoramen.de habe ich im Alleingang beschriftet. Kaum hatten wir zu kauen begonnen, fing eine ältere Dame vor uns an zu rauchen. "Stinkt!" riefen wir halblaut und hüstelten, die Dame hatte ein Einsehen und machte sich vom Acker, um zehn Meter weiter die Bergluft zu verpesten. Einen halben Landjäger und eine Ecke Brot hatte ich verspeist, als ich sie kommen sah: Die Italiener. Einhundert Schüler in Turnschuhen, Halbschuhen, Wanderschuhen, in Hot Pants, Trainingshosen, Muscleshirts, Salewa-Klamotten, mit Goldkettchen und ohne, mit Tattoo am Bein oder mit Arschgeweih, mit Piercing im Nasenflügel oder in der Ohrmuschel, einhundert normale Jungs und Mädels, Punks, Freaks, Bunnys etc. etc. Sie verteilten sich großräumig, aber vor allem um uns herum, möglichst nahe am höchsten Punkt ihres womöglich ersten, einzigen und letzten Dreitausenders. Erster Akt: Gut 80 Prozent rauchte erstmal eine Zigarette. Im Blick hatte ich nun nicht mehr den Bianco-Grat, sondern ein hübsches Bunny links vor mir, das - zweiter Akt - wie jedes zweite Mädchen, aus ihrem Rucksack Deospray holte, oben in ihren Pulli fasste und sich erstmal vom vermeintlichen Achselschweißgeruch befreite. Direkt hinter mir postierte sich eine Aufsichtskraft Anfang Dreißig, palaverte ins Mikro und plötzlich herrschte Friedhofsstille. Dritter Akt der italienischen Bergkomödie: Nach fünf Sekunden Ruhe deklamierte die Aufsichtskraft ein dröhnendes Vaterunser, mein Bunny und alle anderen bekreuzigten sich artig und quasselten hernach sogleich weiter. Viertens: Zigarette Nummer zwo. Danach packte jede und jeder (fünfter und für uns letzter Akt) eine weiße Papiertüte aus - das Freßpaket! Darin jeweils eine blaue 0,5-Liter-Plastikflasche mit Wasser, ein weißes Plastikmesser, weiße Brötchen, Salami in Alufolie, ein Plastikdöschen Brotaufstrich und ein Plastikdöschen Nutella. Nach dem Vaterunser - das vergaß ich zu erwähnen - gab's bei den Jungs ein Schnäpschen, für die Mädels gab es, kurz bevor wir die Flucht ergriffen, ein Schlückchen Rotwein, das die Aufsichtskräfte in Plastikbechern verteilten. Während wir zusammenpackten, rammten die Kids ihr Plastikmesser ins Brötchen, mein Bunny mühte sich redlich, es nicht abzubrechen, und ich hatte für eine Sekunde den Gedanken, dem Mädel mit meinem Prachtexemplar von Victorinox-Messer zu assistieren.
Literatur:
Christian Schwick/ Florian Spichtig: Die Wasserfälle der Schweiz. Mit 53 Wanderungen zu spektakulären Naturschauplätzen. AT-Verlag Zürich 2007 (Link zum Verlag)
(Artikel ist noch in Arbeit)
Montag, 24. August 2009
Outdoor
"Outdoor" ist ein Wort, das ich zum Kotzen finde. "Outdoor-Shops", "Outdoor-Jacken". Wenn ich wandern gehe, brauche ich allenfalls eine Regenjacke, eine Fleecejacke oder beides. Die meisten Wanderer brauchen gar keine Outdoorjacke, weil sie bei schlechtem Wetter sowieso nicht das Haus verlassen. Vor allem brauche ich keine Outdoor-Klamotten aus dem Outdoor-Shop. Wie war am Samstag im "Badischen Tagblatt" zu lesen? "Outdoor-Jacken werden immer leichter: Auf der Fachschau 'Outdoor' wurden erstmals Drei-Lagen-Jacken mit einem Gewicht um 300 Gramm gezeigt. Der Wert sei das Limit, wenn das Gewicht nicht zulasten der Funkton gehen soll, hieß es."
Ein Windstoß und die Jacke segelt davon, entfleucht über die Nordwände, ein Aufwind trägt sie in die Lüfte, hoch über die Viertausender, dort wo die extremen Paraglider gerade noch punktgroß auszumachen sind (wie pinkeln die eigentlich?), verheddert sich in dessen Beinen und bringt so den armen Menschen in Lebensgefahr...
Ein Windstoß und die Jacke segelt davon, entfleucht über die Nordwände, ein Aufwind trägt sie in die Lüfte, hoch über die Viertausender, dort wo die extremen Paraglider gerade noch punktgroß auszumachen sind (wie pinkeln die eigentlich?), verheddert sich in dessen Beinen und bringt so den armen Menschen in Lebensgefahr...
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