Freitag, 16. September 2016

Kürzere Tage, kürzere Touren

Die Zeit der langen Wanderungen und Bergtouren ist vorbei. Die Tag- und Nachtgleiche steht bevor, es wird kühler, die Hütten schließen nach und nach. Zum Nachglühen habe ich mir deshalb eine Fünfeinhalbstunden-Tour im Karwendel ausgeguckt, zumal ich noch nie im Karwendel war. Der südwestlicheste Eckpfeiler sollte es sein, die Reither Spitze (2374 m). Der Karte nach müsste ich einen sagenhaften Rundblick haben. Nicht nur in die Stubaier, wo ich mich schon mehrfach herumgetrieben habe, sondern natürlich in den Karwendel, den ich gar nicht kenne, in das Wettersteingebirge, das ich gar nicht kenne und in die Mieminiger Kette, die ich überhaupt nicht kenne.
Reither Spitze mit Nördlinger Hütte
Fünfeinhalb Stunden braucht es auch mit dem Zug von Karlsruhe nach Seefeld, wo ich ich mich für zwei Nächte in ein Hotel einquartierte. Der Faulpelz kann eine der Seilbahnen nehmen. Entweder die Härmelekopfbahn, von der es wirklich nur ein Katzensprung auf den Gipfel ist (da reichen hin und zurück 2,5 Stunden) oder aber die Seilbahn zum Seefelder Joch. Wie ich es tat. Die Touristiker haben den Höhenweg vom Joch (2064 m) über die Seefelder Spitze (2220 m) zur Reither Spitze und schließlich zur aussichtsreich gelegenen Nördlinger Hütte (2230 m) "Königstour" genannt. Und das ist sie in der Tat, die vermutete Sicht hatte ich, mehr noch: Man blickt durch das Inntal nach Westen bis ins Verwall, bis zum Hohen Riffler und zur Parseierspitze. Als Abstieg wählte ich eine Zick-Zack-Route über die Reitherjoch-Alm nach Seefeld. Zwar wenig ausgelastet nach einem üppigen Bergsommer, aber glücklich, eine neue Ecke entdeckt zu haben, die auch noch schnell per Zug erreichbar ist.
Naturlich kann man auch die Seilbahnfahrt weglassen. Am Gipfel sind einige Seilsicherungen angebracht, die mehr Stolperfallen als hilfreich sind, der Weg ist fast so gut gestuft wie ein Treppenhaus, das halbwegs in Schuss ist.
Empfehlenswerter Wanderführer:
Rother Karwendel (inklusive Karte 1:60 000)
 alternativ:
Tourenbeschreibung Reither Spitze

Samstag, 10. September 2016

Wieviel Masse verträgt ein Massenlager? Teil 3!

Dieser Tage war ich im Rätikon wandern. Auf dem Großen Turm, unter anderem. Eine grandiose Tour. Die zwei Nächte in der Lindauer Hütte waren jedoch ein Debakel. Nicht nur, weil die Hütte eine Großbaustelle ist. Die Nachmittage waren mit einem Geräuschpegel erfüllt, wie ihn arme Schwaben von Stuttgart 21 kennen. Das Haus wird komplett umgebaut, den zahllosen Bergfreunden standen nur wenige Lagerplätze zur Verfügung. Doch die Bergfreunde waren offenbar keine Menschenfreunde. Beim Frühstück sang eine Alpenvereinshorde trutzige Lieder aus einem Liederbuch, von dem gebildete Menschen gehofft hatten, es sei in Versenkung verschwunden ("Die Mundorgel"). Selten habe ich mein Müsli so schnell verspeist wie auf der Lindauer Hütte. Die gleiche Beschallung nach dem Abendessen. Mit dem Unterschied, dass die Horde sehr schnell dazu überging, Lieder zu grölen, die ich zum letzten Mal bei meiner Abiturfeier vor 30 Jahren gehört und ganz schnell wieder vergessen habe („Das rote Pferd“). Regel Nummer eins, liebe Bergfreunde: Kollektives Grölen auf einer Berghütte verstößt gegen die UN-Konvention der Menschenrechte.
Abstellraum für Bergwanderer

Meinen Schlummertrunk nahm ich also vor der Hütte zu mir. Ich schlurfte ins Nebengebäude und ging gleich wieder rückwärts, um einen weiteren Schlummertrunk zu nehmen. Das Nebengebäude ist eine Art umgebauter Abstellraum, in dem etwa zwanzig normal gebaute Bergsteiger schlafen können. Zumindest theoretisch. Tatsächlich versuchten dort etwa doppelt so viele zu schlafen. Nach meinem letzten Schlummertrunk musste ich noch eine Stunde warten, denn mir war klar: Einmal in diesem Schuppen würde ich vor dem nächsten Morgen nicht mehr herauskommen, ohne schwerwiegende Verletzungen zu erleiden. Sprich: Die Blase musste vollkommen entleert sein. Verletzungen deshalb, weil der Gang zugestellt war mit Schuhen, Rucksäcken, Wanderstöcken, Seilen, Kletterutensilien jeder Art und zwei Kindertragen. Wäre ich Mitglied der Feuerwehr, ich hätte wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen. Kommen wir zur Regel Nummer zwei des Hüttenknigges: Kleinkinder unter einem Jahr haben in Massenlagern nichts verloren. Mein nächtlicher Wutanfall galt zwei Familien, die ihren Mitmenschen unbedingt beweisen mussten, dass ihre Schreihälse die besten, schönsten und wichtigsten Geschöpfe auf diesem Planeten sind. Der fusselbärtige Vater eines der beiden Großfamilien empfahl mir, draußen zu schlafen. Arschloch. Eine ältere einheimische Wanderin, die das Glück hatte, im eigenen Bett nächtigen zu könen, erzählte übrigens, dass sie einmal in einem Lager zusammen mit einem Hund nächtigten musste. Regel Nummer drei: Nur ein toter Hund ist ein guter Hund.

P.S. Die Kritik gilt zuvorderst dem Hüttenwirt und der Sektion Lindau des DAV.
Zur Ehrenrettung der Hütte ist anzumerken, dass der Koch sein Handwerk versteht und die sanitären Anlagen auffallend sauber waren.

Freitag, 2. September 2016

Wieviel Masse verträgt ein Massenlager? Teil 2!

Ich bin halbtaub. Ehrlich: Auf dem linken Ohr höre ich rein gar nichts. Das hat seine Vorteile, was meine Frau allerdings anders sieht, vor allem, wenn sie etwas von mir will. Auf Berghütten, in Massenlagern jedoch, werde ich beneidet. Von jenen Mitschläfern, die wegen Schnarchern, Sägern und Röchlern nachts wachliegen. Ich drehe mich hingegen auf mein rechts Ohr, höre nichts und schnarche. Ab und an jedenfalls. So habe ich leider zum Glück auch jene Episode nicht wirklich mit erlebt, die mir Mario Ludwig erzählte, mein Mitwanderer auf der Turtmannhütte und Co-Autor der Wanderbibel. Das Buch war samt dem Kapitel "Wieviel Masse verträgt ein Massenlager" schon in Druck, als er sich an einem wunderbaren Morgen aus dem Hüttenschlafsack schälte und fragte, ob ich diesen unglaublich debilen Schweizer gehört hatte. Natürlich nicht. Mitten in der Nacht schreckte Mario aus dem Schlaf, weil eben dieser Schweizer ihm mit der Stirnlampe ins Gesicht leuchtete, so als wolle er ihn zum nächtlichen Verhör wecken und anbrüllte: "Ischt schon halb fünf?" Mario sah wohl verdattert auf die Uhr und informierte ihn, dass es erst halb drei sei. Worauf der Schweizer das gesamte Massenlager ausleuchtete und brüllte: "Er sagt, es ischt erscht halb drei!"
Was mich allerdings trotz Taubheit auf einem Ohr garantiert weckt: Das Rascheln im Massenlager! Weshalb raschelt immer ein halbes Dutzend Wanderer oder Bergsteiger unmittelbar nach dem Aufstehen? Was haben sie in ihren Plastiktüten zu suchen, zu verstauen, umzuräumen, wegzupacken, auszupacken? Wenn ich aufstehe, schleiche ich mit halb geschlossenen Augen und schmerzendem rechten Ohr (auf dem ich die ganze Nacht lag), sofort und unmittelbar zum Frühstück, um als allererstes die Rosinen aus dem Müsli zu sortieren.
Schlafplatz an der Fluchttüre der Franz-Senn-Hütte
Eine Nacht werde ich allerdings auch nicht vergessen und mit mir eine Horde holländischer Kinder, die schon knapp in der Pubertät waren. Sie nächtigten mit mir und meiner Frau im Notlager der Hochvernagthütte. Ganz oben, unterm Dach. Wir mussten eine steile Stiege erklimmen, um dort überhaupt hin zu gelangen. Was bedeutete, dass nach zwei Bier Schluss war, denn erstens wollte ich nicht ein Dutzend Mal des Nachts zur Toilette absteigen müssen, und zweitens wäre dies lebensgefährlich gewesen. Wobei mir übrigens einmal ein Hüttenwirt erzählt hatte, dass er die Hochbetten abgeschafft habe, weil ein Gast nachts aus dem Bett stürzte, sich den Fuß brach und mit dem Helikopter abgeholt werden musste.
Die Aufsicht der holländischen Kinder hatte offenbar ihr Nachtlager nicht im Notlager. Weshalb die Kids auf ihren Smartphones allerhand Geräusche ertönen ließen, vor allem quäkende aktuelle Hits, die sich sie auch noch mitsangen. Unterbrochen von Gelächter und kehligen Lauten, die deren Sprache so unglaublich melodisch machen, so dass ich mir wünschte, doch ganz taub zu sein. Jedenfalls für gut eine halbe Stunde. In dieser hatte ich die Kinderchen zweimal gebeten, doch die Hüttenruhe einzuhalten. Was sie nicht im Geringsten scherte, auch als ich beim zweiten Mal etwas nachdrücklicher reagierte. Beim dritten Mal stand ich auf, ging zu den Krawallisten und drohte ihnen lautstark: "Falls Ihr nicht innerhalb von fünf Minuten ruhig seid, sorge ich höchstpersönlich dafür, dass Ihr die ganze Nacht nicht schlafen könnt. Und ich meine die ganze Nacht." In diesem Moment hatte ich noch keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen könnte, weil ich ganz auf die Autorität der Stimme eines schmalen Männchens von 1,70 Metern Körpergröße hoffte.
Die Holländer gaben keine Ruhe. Ich hatte indes den rettenden Einfall: Ich schnarchte. Ich schnarchte, was mein Rachen hergab, die Nasenflügel rasselten, mein Zäpfchen vibrierte, ich röchelte, schnaubte und hoffte, dies nicht allzulange durchhalten zu müssen. Es hätte wohl mit einer Kehlkopfentzündung oder Schlimmerem geendet. Zwei Minuten oder weniger vergingen, als die Kinder mich vorsichtig baten, mit dem Schnarchen aufzuhören: "Gönnen Schie uns verschdehen?" Nein, ich verstand sie nicht und schnarchte weiter. Weitere etwas lautere, dennoch zaghafte, aber verzweifelte Bitten drangen an mein Ohr. Ich reagierte nicht, denn ich schlief ja tief und fest, musste mich aber beherrschen, um nicht lachend loszuprusten. Es vergingen keine fünf Minuten, und alle Kinder hatten sich um mich herum versammelt. Ein Mädchen zupfte am Fußende an meiner Decke und erwischte sogar einen meiner Zehen. Ich jedoch schnarchte weiter. Ich sägte, ich holzte imaginär den kompletten Schwarzwald ab. Die Kinder verkrochen sich bald in ihre Schlafsäcke, ich fällte nach einer gewissen Karenzzeit den letzten Baum und gab Ruhe. Die holländischen Kinder ebenfalls.

Teil 1 von "Wieviel Masse verträgt ein Massenlager" ist in dem Buch "Die Wanderbibel" (zusammen mit Mario Ludwig), erschienen beim Heyne-Verlag nachzulesen. Es kostet 10 Euro, ist in jeder Buchhandlung und signiert bei mir erhältlich!
Zur "Wanderbibel" hier klicken!

Mittwoch, 31. August 2016

Elfer, Zwölfer, Habicht

Der Habicht ist ein Dreitausender für Faulpelze. Von Neustift in Tirol kann man sich mit dem Taxi bis zur Karalm fahren lassen, dann zur Innsbrucker Hütte aufsteigen und am nächsten Tag die 900 Höhenmeter bis zum 3277 Meter hohen Gipfel und zurück bewältigen. 1,5 Stunden sind es von der Karalm bis zur Hütte, drei Stunden bis zum Gipfel. Der eilige Bergwanderer kann das an einem normalen Wochenende erledigen. Da es viele eilige Bergwanderer gibt oder auch solche, die die Innsbrucker Hütte auf dem Stubaier Höhenweg mitnehmen, ist die Hütte am Wochenende entsprechend überlaufen. Der Genießer mit etwas mehr Zeit wählt am besten eine andere Variante.
Ausgang der Tour ist wiederum Neustift, genauer die Bergstation der Elferbahn. Wer sich das Taxi (55 Euro) gespart hat, kann gemächlich zur Elferhütte aufsteigen und dort übernachten. Ich hatte Glück und ein Bett für mich allein in einem Achterzimmer. Mehr noch: Ich war am einzigen glasklaren Woche im August unterwegs, konnte das ganze Stubaital überblicken, den Karwendel, die Kalkkögel und quasi in jedes Fenster in Innsbruck schauen. Theoretisch, denn ich hatte kein Fernglas dabei.
Elferhütte, im Hintergrund das Karwendel-Gebirge
Es gibt nur wenige Hütten in den Alpen, von denen man einen ähnlich phantastischen Ausblick hat. Am nächsten Morgen stieg ich knapp 500 Höhenmeter zum höchsten der vielen Gipfelchen des Elfers auf (2505 m). Es ist eine Kalkinsel in den Granitbergen, die dem Habicht vorgelagert sind, zerklüftet in hunderte Türmchen, bizarre Überhänge, Spalten und Kamine.
Gipfel des Elfers
Der Gipfel ist so winzig, dass ganz oben nur das Kreuz Platz hat und nur erreichbar für Menschen, die keinen Knödelfriedhof vor sich hertragen, denn es geht abschließend durch einen engen Kamin. Der Elfer ist übrigens auch ein Eldorado für Klettersteiggeher. Ganz entzückend jedenfalls fand ich den recht einfachen Weg.
 Statt schnurstracks über den Zwölfernieder und den Panoramaweg zur Karalm weiterzumarschieren, beschloss ich, noch auf den Zwölfer zu steigen (2564 m), ein Granitnachbar. Doch es war eine Tortur ohne Mehrwert, sieht man von dem Blick in die Kalktürmchen ab - es waren nämlich auch die heißesten Tage des Augusts 2016. Also: Wer nicht gerade Gipfel sammelt, kann den Zwölfer getrost auslassen, die Sicht ist so ziemlich die gleiche wie vom Elfer. Die Wege sind übrigens bestens markiert und beschildert, die Zeitangaben stimmen in dieser Ecke der Stubaier für mäßig schnelle Wanderer. Insgesamt 2300 Höhenmeter Auf und Ab sind es von der Elferhütte über den Elfer, den Zwölfer und die Karalm bis zur Innsbrucker Hütte. Am Nachmittag hatte es hier noch 25 Grad. Mich plagten heftige Krämpfe im Oberschenkel, eine Zimmergenossin war Ärztin und empfahl mir, erst einmal ein Bier trinken zu gehen: Da sei alles drin. Recht hatte sie, denn die Krämpfe gingen weg.
Blick über den Gschnitzer Tribulaun in die Dolomiten vom Gipfel des Habicht (3277 m)
 Tags drauf, es war ein Samstag, stieg ich inmitten wahrer Hundertschaften auf den Habicht (3277 m), einer der einfacheren Wanderdreitausender und einer der ersten, auf den überhaupt ein Weg angelegt wurde. Der Habicht steht frei, er galt lange Zeit als höchster Berg der Stubaier, entsprechend begehrt ist er. Mir war diese Wuchtbrumme von Berg schon von vielen Seiten ins Auge gesprungen, er stand deshalb schon lange auf meiner Liste. Hätte ich allerdings nicht eine derart gute Fernsicht gehabt, hätte ich gesagt: "Naja, der Berg ist ganz nett, die Hütte mittelprächtig, hätte nicht uuuunbedingt sein müssen." Doch vom Habicht präsentierten sich die Dolomiten glasklar, jedes Spitzchen stand glasklar vor mir, der Schweif blickte 180 Kilometer weit bis zum Dachstein. Glück muss der Wanderer haben!

Info: Der Habicht ist ab der Innsbrucker Hütte in drei Stunden erreichbar. Schwierigkeiten: Blockgelände, einige seilgesicherte Passagen. T4-. Markierung bestens, der Weg ist nicht zu verfehlen. Die Innsbrucker Hütte ist nichts für Liebhaber einsamer Unterkünfte. Mangelhaft ist die Auswahl beim Frühstück, die Qualität der Küche ist gut bis befriedigend, die sanitären Anlagen lassen zu wünschen übrig. Rechtzeitige Reservierung dringend empfohlen!
Sehr empfehlenswert dagegen in jeder Hinsicht die Elferhütte.

Link zur Elferhütte
Link zur Innsbrucker Hütte

Montag, 22. August 2016

Tourentipp: Aperer Turm in den Stubaier Alpen

Franz-Senn-Hütte
Entlang des Stubaier Höhenwegs findet man keine Bergeinsamkeit. Oder etwa doch? Ich hatte für diesem Sommer einen "Schwerpunkt Stubaier" geplant. Viel übrig blieb nicht, denn die meisten Ecken kenne ich schon. Für drei Nächte und zwei Touren habe ich mich jedoch in die überaus beliebte Franz-Senn-Hütte einquartiert. Ich fragte den Hüttenwirt, welche beiden Wanderungen ich denn unbedingt machen müsste. Er empfahl mir die Rinnenspitze und den Aperen Turm.
Aperer Turm vom Alpeiner Tal
Nun, vergesst die Rinnenspitze! Es ist ein Berg für "Ersties" und entsprechend überlaufen. Der Berg ist 3003 Meter hoch, manche Karten zeigen nur exakt 3000 Meter, und womöglich geht es ihm bei der nächsten Vermessung wie vor vielen Jahren dem armen Fletschhorn, das vom Viertausender zum Fast-Viertausender degradiert wurde und heute nur noch mit 3996 Meter "geführt" wird. Jedenfalls tummelten sich allein während der Zeit, als ich auf dem Gipfel war, dort vier "Ersties", also Wanderer, die zum ersten Mal die magische Marke von 3000 Meter überschritten hatten. Das wäre an sich nicht tragisch, aber darunter waren viele Italiener, denn das Wochenende währte drei Tage: Es war für Italiener, Österreicher und Bayern dank Mariä Himmelfahrt verlängert. Die vielen Italiener wären auch nicht tragisch, aber die meisten hatten einen Hund dabei. Mindestens einen Hund. Hunde machen in Rudeln reichlich Radau, und sie stinken. Mithin: Sie gehören nicht auf einen Berggipfel! Die Rinnenspitze, trotz hübscher Aussicht in die Gletscherreste der Ostseite der Stubaier, war mir also ein wenig vergällt. Zumal ich kein Erstie bin.
Tag Nummer zwo also wollte ich auf den Aperen Turm steigen. 2984 Meter ist er hoch. Deutlich unter der magischen Marke also. Von der Franz-Senn-Hütte erscheint er im Südwesten als eindrucksvolle Pyramide, von der Östlichen Knotenspitze, die ich zwei Tage später bestieg, ist es ein dunkler, wenig auffälliger Knubbel. Doch der Wirt hatte Recht: Die Wanderung ist großartig! Sie führt erst am mäandrierenden Bach des Alpeiner Tales entlang, dann in meditativen Schleifen aufwärts bis in die Hochebene, die der Alpeiner Gletscher hinterlassen hat, vorbei an mächtigen Wasserfällen.
Über dem Alpeiner Ferner
Anschließend geht es auf die 1850er-Seitenmoräne des Alpeiner Gletschers, dessen bescheidenem Rest man immer näher kommt, bis er schließlich seine Spalten sozusagen tief unter einem öffnet. Ein wenig Blockkletterei folgt, ein Felsklotz wird umrundet, und schließlich sieht man den Gipfel vor sich. Bis hierhin bin ich keiner Menschenseele begegnet, erst ganz oben tummelte sich eine Großfamilie, die sich allerdings eine stille Siesta gönnte.
Der Apere Turm ist so weit ins Alpeiner Tal vorgeschoben, dass man dieses komplett überblickt, die Gletscherszenerie ist wunderbar, in der Ferne erkennt man sogar Reichenspitze und Großvenediger, ein idyllischer, aber sackkalter Gletschersee liegt unterhalb des Gipfels eingebettet.

Gipfelkreuz Aperer Turm mit Knotenspitzen
Die Route ist in den gängigen Wanderkarten eingezeichnet, sehr gut markiert und auch bei Nebel und Blindheit nicht zu übersehen. Die Franz-Senn-Hütte erhält von mir leider nur die Gesamtnote "befriedigend". Das Essen war mittelprächtig, die sanitären Anlagen nicht besonders sauber, aber das Personal sehr hilfsbereit und nett.

Reine Gehzeit: 5 bis 6 Stunden.


Infos:
Karte mit Wanderroute

Franz-Senn-Hütte

(alle Bildrechte: Matthias Kehle)