Sonntag, 30. August 2009

Einfach wandern - einfach wohnen

Es gibt wunderbare Dias von meinen Eltern, meiner Schwester und mir in den Bergen: Meine Mutter im geblümten Sommerkleid, mein Vater wie aus dem Ei gepellt. Gewandert sind wir damals selten, dafür mit sämtlichen Seilbahnen des Berner Oberlandes gefahren, inclusive Jungfraujoch, Schilthorn oder Niesen. Angetan haben es mir mir die Berge schon als Siebenjähriger im Jahr 1974 - wie man in Kindern die Liebe zum Wandern weckt, darüber schreibe ich ein anderes Mal. Gewohnt haben wir in einer kleinen Ferienwohnung im Dachgeschoss der PTT (Post Telegraph Telephon) Gsteigwiler, ein mustergültiges Dorf im Berner Oberland. Nur ein paar Kilometer abseits von Interlaken ist dort auch heute noch von Tourismus wenig zu spüren - gerademal sieben Ferienwohnungen werden derzeit angeboten.

Damals bewohnten wir eine winzige Dachwohnung, und sogar wir Kinder mussten aufpassen, dass wir uns auf dem Klo oder im Kinderzimmerchen nicht den Kopf anschlugen. Aber die Familie, bei der wir wohnten, war liebenswürdig und ganz einfach "normal", wie meine eigene Familie. Jeden Morgen wuselte unser Wirt in seinem Poststübchen, donnerte mit dem Handstempel auf die Briefmarken der aufgegebenen Briefe und stieg irgendwann aufs Mofa oder Fahrrad und verteilte im Dorf die Post.
Einmal, ein einziges Mal, stieg mein Vater damals auf einen Berg, und zwar auf Bellenhöchst (2095 m) zum Sonnenaufgang, zusammen mit unserem Wirt, während die Wirtin morgens mit meiner Mutter die Post aus Interlaken abholte und im Dorf verteilte. Die beiden Herren erzählten, wie sie ihre Frauen mit dem Fernglas beobachtet hatten. Der knallorangerote Ascona meiner Eltern sei beim historischen Gsteigbrückchen, eine über 700 Jahre alte Holzbrücke über die Lütschine, fast mit einem anderen Auto zusammen gestoßen. Heute noch haben wir zu dem alten Postler Kontakt, mein Vater und die Frau des Dorfpostbeamten leben indes schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Heute suchen Anja und ich die schlichten Ferienwohnungen - in Hotels bin ich aus beruflichen Gründen oft genug. Was braucht es mehr als zwei Betten, ein Schrank, eine Küchenzeile und ein einfaches Badezimmer, wenn man täglich in die Berge geht? Abends muss ein deftiges Gericht auf den Herd, das schnell fertig ist, dazu ein Bier und nach dem Essen und Spülen brüte ich über die nächste Tour und studiere die Karte. Nur einmal waren wir in den letzten Jahren in einem Komplex mit vielen Appartements untergebracht. Das war zwar ganz nett und mit Schwimmbad, aber einer unserer Nachbarn war starker Raucher, was bei offenen Fenstern kaum zu ertragen war. Heute, in Zeiten des Internets, ist die Regel, wie man nette Unterkünfte findet, ganz einfach: Man suche primär nach dem Günstigsten. Die billigsten Ferienwohnungen sind nämlich in der Regel diejenigen, die privat vermietet werden, meist von älteren Ehepaaren, die im Dachgeschoss oder Souterrain noch eine kleine Wohnung haben, oft mit dem Charme der 70er-Jahre, aber top gepflegt. Ein bisschen Glück braucht man freilich. Vor einigen Jahren reisten wir ohne Unterkunft ins Ahrntal, marschierten am frühen Nachmittag zum Tourinfo und bekamen zwei Adressen. Die eine war eine scheußliche, dunkle Wohnung ohne jeden Charme in Sand samt einer potentiellen Vermieterin, die genauso muffig erschien wie die Unterkunft. Die zweite Adresse war eine riesige Siebziger-Jahre-Wohnung im Dachgeschoß eines Einfamilienhauses in Mühlen. Riesige Zimmer, Blick vom Schlafzimmer auf den Großen Moosstock, der einige Jahre zuvor unser erster Dreitausender überhaupt war, eine große und helle Küche, zwei Badezimmer sowie eine nette Wirtsfamilie in unserem Alter: Der Herr des Hauses stellte uns als erstes zwei Bier in den Kühlschrank und versorgte uns mit Wurst - er war Metzger - und mit Literatur über die Gegend samt Geheimtipps. Dieses Jahr im Engadin gerieten wir auf ähnliche Weise an ein älteres Ehepaar und eine zwar sehr kleine, aber schnuckelige Einzimmerwohnung ("Wohnklosett mit Kochnische", würde meine Mutter lästern). Auf dem Eßtisch empfingen uns Glückskäfer aus Schokolade, und der Wirt versorgte uns ebenfalls mit reichlich Geheimtipps. Als wir an einem Tag schlechtes Wetter hatten, plauschten wir bei Kaffee, Keksen und Kuchen. In welcher Pension, in welchem Appartmentblock oder Hotel erlebt man dieses?

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