Mittwoch, 12. August 2009

Wandertagebuch - Eisseespitze (3230 m)





Toni Hiebeler war nicht nur ein prima Bergsteiger, er war auch einer der wenigen ernst zu nehmenden Alpinschriftsteller. Der Wintererstdurchsteiger der Eigernordwand kam tragischerweise 1984 im Alter von 54 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz in Slowenien ums Leben. Hiebelers Bücher waren die ersten Bergbücher meiner Kindheit. Elf oder zwölf Jahre war ich alt, als ich "SOS in Fels und Eis" las, mit zwölf Jahren verschlang ich den Band "Faszination Berg zwischen Alpen und Himalaya." Dort ist ein Satz zu finden, den ich nicht vergessen habe: "Ich lernte Bergwanderer kennen, in denen ich mehr den Alpinisten entdeckte als in vielen Kletterern, die sich in den schwierigsten Steilwänden der Alpen auskennen." Mit Alpinismus, mit Sport, dem "einfachen Gehen" oder, wie es Reinhold Messner in den alpinen Sprachgebrauch einführte, dem Steigen "by fair means" haben jene Zeitgenossen nicht viel am Hut, denen wir im vergangenen Jahr in der Nähe der beliebten und inzwischen knallpink gestrichenen Schaubachhütte begegneten. Die Hütte müßte bei schwulen Bergsteigern Kult sein.
Rund um Sulden am Ortler gibt es mehr als ein halbes Dutzend Dreitausender, die für Normalsterbliche leicht zu erreichen sind. Als da wären Hinteres Schöneck (3128 m), die Hintere Schöntaufspitze (3324 m) oder (nicht ganz so einfach) die Vertainspitze (3545 m) und einige andere. Diese Gipfel haben einen Nachteil: Sie stehen im "Seibert", einer der beiden Bibeln für "Dreitausendersammler", also jenen Menschen, die eher einen banalen Dreitausender besteigen als einen anspruchsvollen Gipfel mit einer Höhe von 2930 Metern, wie etwa das Schwarzhorn im Berner Oberland, den man allerdings auch mit einer Seilbahn "abkürzen" kann. Die Dreitausender, die im "Seibert" stehen, sind also keine einsamen Berge. Auf dem Weg zur Hinteren Schöntaufspitze begegneten uns sogar Mountainbiker, die allerdings nur zum Madritschjoch wollten. Auf der Hinteren Schöntaufspitze waren wir übrigens allein, denn erstens waren wir um 6.30 Uhr in Sulden losmarschiert und zweitens zog es sich schon am frühen Vormittag zu. Für ein paar Gipfelfotos mit dekorativen Quellwolken reichte es, Schlag 12 Uhr waren wir zurück in unserer Ferienwohnung und es pladderte justament in dem Moment los, als wir die Tür aufschlossen. Uns stand also der Sinn nach einem einsamen Dreitausender - niedrigere Gipfel finden sich rund um Sulden so gut wie keine. Im Supermarkt von Sulden gab es nämlich den Band "Die schönsten 3000er in Südtirol" von Paul Menara. Ich hatte ihn mehrfach in der Hand, blätterte darin und fand ihn zunächst entbehrlich, weil ein Großteil der dort beschriebenen Gipfel nur richtigen, echten Hardcore-Bergsteigern vorbehalten ist. Der Band steht natürlich in meiner Alpinbibliothek, ich konnte es nicht lassen.
Im Schatten der beliebten und noch vergletscherten Suldenspitze steht also der felsige Nachbar mit dem gar nicht treffenden Namen Eisseespitze. Jedenfalls von Sulden aus betrachtet. Wieder gingen wir früh los, wenn auch erst um halb Acht, der Wetterbericht versprach stabiles Wetter für den 9. Juli 2008. Erst das übliche Aufwärmtraining für Frühaufsteher und Seilbahnabstinente: Im Laufschritt ging es die Serpentinen bis zur Schaubachhütte hoch. Kurz vor der Hütte bemerkten wir eine Reihe von Geländefahrzeugen hinter uns, die vollbepackt mit bunten Jungs an uns vorbeidieselten. Oben an der Hütte stiegen die Burschen aus, läuteten mit ihren Karabinern, präsentierten Hochtourenklamotten, Seil und Gletscher-Werkzeug frisch aus dem Outdoor-Laden und dieselten alsbald weiter bis an den Gletscherrand, wo sie sich auf die weithin sichtbare Spur zur Suldenspitze begaben.
Wir folgten ihnen zu Fuß ein Stückweit bis zum Abzweig des "Stecknersteiges", ein mit grünen Punkten markierter Bergweg aus griffigem Fels, groben Blöcken und steilen Serpentinen. Im oberen Teil mussten wir ein öfter die Hände zu Hilfe nehmen, knappe zwei Stunden benötigten wir von der Schaubachhütte aus zum Gipfel. Kurz unterhalb beginnt dann der "Eissee": Auf der Südseite erstreckt sich der Langenferner und mit etwas Phantasie glaubt man, in wenigen Schritten durch den Schnee bis auf den Monte Cevedale flanieren zu können oder noch weiter bis zur Punta San Mateo.
Drüben, auf der Suldenspitze, dängten sich mehrere Dutzend Bergsteiger, hier oben waren wir allein und sonnten uns hinter der Felsmauer, die andere vor uns aufgeschichtet hatten. Etwas windig war's, wenn wir aufstanden. Wir hielten Brotzeit und genossen das Panorama: Nirgends, aber auch nirgends, wirkt die Königsspitze schöner als von der Eisseespitze. Weshalb dieser Eismuggel von Suldenspitze so beliebt ist, bleibt uns ein Rätsel. Von hier ist der "Kini" weit eleganter, eine perfekte, spitze Pyramide. Von der Eisseespitze hat man einen herrlichen Blick auf die Gipfelwächte, genannt "Schaumrolle". Man vergleiche nur das Suldenspitzen-Panorama mit dem obigen Bild der Königsspitze, ja dem ganzen "Suldener Dreigestirn" mit Königsspitze, Zebru und Ortler. "Und was ist die Latscherei über's Eis in langen Schlangen gegen unsere Blümchen", sagte Anja, "gegen die lila Primelchen und den vielen Gletscherhahnenfuß in weiß und rosa", wie sie in ihrem Tagebuch vermerkte.
Ganz ungetrübt war das Vergnügen Eisseespitze dann doch nicht, denn ein, zweihundert Meter unter uns, einen Kilometer Luftlinie, rund um die Madritschhütte, lärmten Bagger und Betonmischer. Nach der Mittagspause der Bauarbeiter donnernder Stadtlärm, fast wie zu Hause in der Karlsruher Ebertstraße mit seinen Straßenbahnlinien und den Nachtbaustellen. Und beim Abstieg, von der Schaubachhütte nach Sulden, dieselten wieder Karawanen nach oben: Ein Betonmischer folgte dem anderen, damit die Skifahrer im Winter ein wunderbares Skigebiet vorfinden, zum Kotzen der Gestank! Wir hätten es machen sollen wie jener "Alpinist", der an der Talstation in Sulden aus der Seilbahn und in sein Hoteltaxi stieg. "Einfaches wandern" hat seine Nachteile: Die Alpen sind nunmal ein zivilisatorisches Phänomen und fast nirgends "nur Natur". Und selbst, wenn man glaubt, sich in reiner Natur zu befinden, taucht neben einem Edelweiß ein verschissenes Tempotaschentuch auf, das der Regen und der Schnee an einen Stein geklebt hat.

Fotos (c) Matthias Kehle
1) Die Königssspitze ("Kini") von der Eisseespitze
2) Anja macht Brotzeit am Gipfel
3) Der Gipfelaufbau der Eisseespitze mit Zufallspitzen und Cevedale
4) Ein schöner Felsberg - die Eisseespitze

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