Mittwoch, 26. August 2009

Wandertagebuch - Munt Pers

Wenn man in eine unbekannte Gegend kommt, hält man sich an die Wanderziele, die in den sattsam bekannten Führern stehen. Im Rother-Wanderführer beispielsweise. Oder man hat einen ehemaligen Chef, der vor einigen Jahrzehnten hier und dort Berge bestiegen hat und sich daran erinnert. Also standen bei unserem ersten Besuch im Engadin in diesem Jahr auf meiner Dringlichkeitsliste ganz oben: Piz Languard, Munt Pers, Piz Ot. Pflichtveranstaltungen, sozusagen. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, Geheimtipps muss man sich erarbeiten. Die Aussicht von Piz Languard und Munt Pers ist einzigartig, keine anderen Berge bieten eine solche Sicht auf die Bernina-Gruppe (hier gucken!). Dass die Berge so beliebt sind, ist also kein Wunder, bei Munt Pers kommt erleichternd hinzu, dass man bis Diavolezza (2973 m) mit der Seilbahn fahren kann. Seit ich ein kleiner Junge bin, habe ich das Panorama vom Piz Cambrena bis zum Roseg im Kopf. Jedes Spitzchen kannte ich mit Namen und korrekter Höhenangabe. Es schauerte mich regelrecht, als ich in diesem Jahr auf Piz Languard und auf Munt Pers stand, beim Panorama von der Fuorcla Surley und der Boval-Hütte ebenfalls. Ich nehme "Es schauerte mich" zurück, mir standen Tränen in den Augen, weil ich es einfach nicht glauben konnte zu sehen, was ich bisher nur sozusagen als Wunsch in mir trug.

Bislang stand das Berner Oberland auf dem ersten Platz meiner Lieblingsalpengegenden, das Engadin ist nun nah dran. Vergleicht man übrigens die Jungfrau-Region mit der Bernina-Gruppe, legt man die beiden 1:25.000 Karten nebeneinander, so ist man überrascht, wie klein letztere ist: Man könnte sie locker in die Massive vom Eiger bis zur Jungfrau "versenken". Mich beeindruckt immer wieder die schiere Größe der Jungfrau, etwa wenn wir von Lauterbrunnen über Trümmelbach nach Wengernalp steigen, quasi auf dem kleinen Fußzeh der Jungfrau oder gegenüber von Gimmelwald diesen endlosen, 840 Meter hohen Mattenbachfall verfolgen, der in mehreren Kaskaden unterhalb des Silberhorns in die Tiefe stürzt und damit "die höchste vermessene Kaskade der Schweiz" (Schwick/ Spichtig 2007) darstellt. Über 3300 Meter beträgt die Distanz vom Lauterbrunner Talboden bis zum Gipfel der Jungfrau, definitiv übrigens mein Lieblingsberg. Nirgends in den Alpen habe ich beispielsweise eine solch elegante Firnlinie gesehen wie am Silberhorn. Weder die Schneehaube des Piz Roseg, noch die Arete de Blanc am Zinalrothorn (hier klicken) verfügen über eine derart perfekte Linienführung.

Früher, als man noch nicht als Umweltsau galt, wenn man auf die Malediven oder nach Thailand flog, um Urlaub zu machen, kam ich mir ja bei meinen Bekannten und Freunden manchmal blöd vor, wenn ich zu meiner Frau sagte: "Lieber hundertmal das Silberhorn ansehen, als einmal nach Thailand fliegen." Was man in einem Urlaub in Thailand gesehen hat, vergisst man wieder. Die Jungfrau macht mich jedes Jahr glücklich - um das Pathos mit Ironie zu konterkarieren. Davon abgesehen gilt auch hier: "Man sieht nur, was man weiß." Am 11. Januar diesen Jahres standen wir mit einer Freundin auf der Hornisgrinde. Die Sicht reichte vom Bregenzerwald bis zur Jungfrau. Die Freundin ist eine begnadete Fotografin, und sie fragte mich mehrfach: "Wo ist denn die Jungfrau?" Meine Antwort: "Die kleine Pyramide ganz rechts." Für mich ganz einfach zu sehen und zu erkennen - sie sah nichts bzw. konnte nicht differenzieren. Erst als ich ihr mit dem Finger auf dem Bildschirm Eiger, Mönch und Jungfrau zeigte, erkannte sie die Berge sozusagen, und bei einem zweiten Besuch auf der Hornisgrinde wird sie die Berner Alpen mit ihren Viertausendern selbst "sehen" können. Übrigens gibt es von dem Karlsruher Lyriker Walter Helmut Fritz, der heute achtzig Jahre alt wird, wunderbare Gedichte, welche die Fallstricken der Wahrnehmung thematisieren, so auch jene Beobachtung: "Als wir vorbeikamen,/ ruhten die Schafe/ im Schatten der Mauer.// Bei der Rückkehr,/ eine halbe Stunde danach,/waren sie weg.// Aber erst jetzt/ sahen wir sie." Mich würde nicht wundern, wenn Fritz dieser Text beim Wandern ein- oder zugefallen wäre. Meine Würdigung des großen Dichters in den "Badischen Neuesten Nachrichten" ist hier nachzulesen.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Anja und ich sind am 14. Juli 2009 auf Munt Pers (3207 m) gestiegen. Und zwar ohne sogenannte Aufstiegshilfe, ohne die Diavolezza-Seilbahn. Genauer gesagt, stiegen wir auf den scheinbar unscheinbaren Dreitausender Sass Queder (3066 m) und nahmen Munt Pers noch mit. Wie wir einige Tage später feststellten, ist der Sass Queder von Osten gesehen übrigens ein passabler Felsklotz. Nicht ganz so massiv wie Munt Pers, aber immerhin ein eigenständiger Berg, markanter als sein Nachbar, der beliebte Klettersteig-Gipfel Piz Trovat. Der Aufstieg verlief durch zum Teil noch tiefe Altschneefelder, aber ansonsten unspektakulär, sieht man von den Ausblicken auf die Bernina-Gruppe ab, die immer wieder durch den Morgennebel schimmerte. Und davon, dass wir auf Sass Queder allein waren und Anja am Gipfel eine leere Zuckertüte (1 Kilogramm) fand, so als habe dort oben jemand Marmelade eingekocht.

Was wir später auf Munt Pers erlebten, war zumindest originell. Runter von Sass Queder im Trubel der Diavolezza sahen wir, wie mehrere Seilbahnen etwa hundert italiensche Schüler entließen. Samt ihren Lehr- oder Aufsichtskräften, die alsbald nach Kräften in ihr umgehängtes Mikrophon palaverten und die Kids in einem perfekten Kreis um sich scharten, so als hätten sie das vorher dutzendfach geübt. "Schnell weg hier", sagte ich zu Anja. Wir bewunderten die drei typischen Pfeiler des Piz Palü, verfolgten die Aufstiegspur der Bergsteigermassen, bewunderten den immer noch ordentlichen Pers-Gletscher und flanierten auf Munt Pers, vorbei an älteren Damen mit Kopftuch, frisch verliebten Pärchen in Turnschuhen oder einigen ganz normalen Bergwanderern, die wohl wie wir zum ersten Mal im Engadin und somit auch auf Munt Pers waren.
Der Gipfel mit seinen zahllosen Steinmännchen war gut besucht, aber nicht überfüllt. Wir konnten uns an den höchsten Punkt setzen, vor uns in der nahen Ferne die bei Bergsteigern heiß begehrte Firnlinie des Bianco-Grates. Anja memorierte die Gipfel, während sie unseren Proviant auspackte. Sie hat leider kein gutes Berggedächtnis, während ich nur einmal einen Berg zu sehen brauche, um ihn von jeder Seite und jeder Entfernung wieder zu erkennen. Ganze Bergpanoramen auf der Website www.alpen-panoramen.de habe ich im Alleingang beschriftet. Kaum hatten wir zu kauen begonnen, fing eine ältere Dame vor uns an zu rauchen. "Stinkt!" riefen wir halblaut und hüstelten, die Dame hatte ein Einsehen und machte sich vom Acker, um zehn Meter weiter die Bergluft zu verpesten. Einen halben Landjäger und eine Ecke Brot hatte ich verspeist, als ich sie kommen sah: Die Italiener. Einhundert Schüler in Turnschuhen, Halbschuhen, Wanderschuhen, in Hot Pants, Trainingshosen, Muscleshirts, Salewa-Klamotten, mit Goldkettchen und ohne, mit Tattoo am Bein oder mit Arschgeweih, mit Piercing im Nasenflügel oder in der Ohrmuschel, einhundert normale Jungs und Mädels, Punks, Freaks, Bunnys etc. etc. Sie verteilten sich großräumig, aber vor allem um uns herum, möglichst nahe am höchsten Punkt ihres womöglich ersten, einzigen und letzten Dreitausenders. Erster Akt: Gut 80 Prozent rauchte erstmal eine Zigarette. Im Blick hatte ich nun nicht mehr den Bianco-Grat, sondern ein hübsches Bunny links vor mir, das - zweiter Akt - wie jedes zweite Mädchen, aus ihrem Rucksack Deospray holte, oben in ihren Pulli fasste und sich erstmal vom vermeintlichen Achselschweißgeruch befreite. Direkt hinter mir postierte sich eine Aufsichtskraft Anfang Dreißig, palaverte ins Mikro und plötzlich herrschte Friedhofsstille. Dritter Akt der italienischen Bergkomödie: Nach fünf Sekunden Ruhe deklamierte die Aufsichtskraft ein dröhnendes Vaterunser, mein Bunny und alle anderen bekreuzigten sich artig und quasselten hernach sogleich weiter. Viertens: Zigarette Nummer zwo. Danach packte jede und jeder (fünfter und für uns letzter Akt) eine weiße Papiertüte aus - das Freßpaket! Darin jeweils eine blaue 0,5-Liter-Plastikflasche mit Wasser, ein weißes Plastikmesser, weiße Brötchen, Salami in Alufolie, ein Plastikdöschen Brotaufstrich und ein Plastikdöschen Nutella. Nach dem Vaterunser - das vergaß ich zu erwähnen - gab's bei den Jungs ein Schnäpschen, für die Mädels gab es, kurz bevor wir die Flucht ergriffen, ein Schlückchen Rotwein, das die Aufsichtskräfte in Plastikbechern verteilten. Während wir zusammenpackten, rammten die Kids ihr Plastikmesser ins Brötchen, mein Bunny mühte sich redlich, es nicht abzubrechen, und ich hatte für eine Sekunde den Gedanken, dem Mädel mit meinem Prachtexemplar von Victorinox-Messer zu assistieren.

Literatur:
Christian Schwick/ Florian Spichtig: Die Wasserfälle der Schweiz. Mit 53 Wanderungen zu spektakulären Naturschauplätzen. AT-Verlag Zürich 2007 (Link zum Verlag)


(Artikel ist noch in Arbeit)

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