Dienstag, 11. August 2009

Wandertagebuch - Piz Surgonda (3196 m)



Am letzten Tag des Engadin-Urlaubs noch auf den Piz Julier steigen? Inzwischen - wir schreiben den 27. Juli 2009 - ist auch der letzte Alt- und Neuschnee soweit weggetaut, dass dort wohl keine Überraschungen drohten. Der Piz Julier ist anspruchsvoll und angeblich ausgesetzt. Ein älteres, einheimisches Ehepaar, das wir auf dem Piz Nair trafen (auf den wir natürlich by fair means zu Fuß von Celerina in Gänze hoch- und runtermarschierten, quasi zum Einlaufen zu Beginn des Urlaubs), ein Ehepaar meinte, Piz Ot und Piz Julier mache man nur einmal. Die beiden Burschen seien unangenehm. Doch Piz Ot war überhaupt nicht unangenehm, im Gegenteil, er hatte ein paar nette, einfache Kletterstellen, wir konnten sogar ein wenig Blockhüpfen. Gegen Piz Julier gab es zwei Argumente: Erstens haben wir schon Schwaben und Bayern gesichtet, d.h. auch die letzten deutschen Volksgruppen fallen nun über die Alpen her, sprich: Der Modeberg Julier dürfte auch an einem Montag zumindest gut frequentiert sein, zweitens sollte man am Tag vor der Abreise einen hübschen, unterhaltsamen und freundlichen Berg nehmen. Also wählten wir den Nachbarn, Piz Surgonda, stattliche 3196 m hoch. Der Wanderführer pries ihn an als "Berg mit der Tricolore". Unterhalb der Julierpasshöhe parkten wir unseren alten Golf (weshalb Abwrackprämie kassieren? Der fährt seit über 20 Jahren und wird auch noch die nächsten 20 fahren) auf dem Parkplatz "La Veduta". Nur für Restaurant-Gäste, montags zum Glück Ruhetag. Der erste Teil der Tour führt auf markierten Wegen um den markanten Dolomitklotz Corn Alv ins hinterste Tal L'Agnel Richtung Fuorcla d'Agnel. Wir marschierten früh morgens mal an der linken, mal an der rechten Seite des Baches entlang. Die Sonne verschwand wieder hinter Corn Alv und tauchte ein paar Dutzend Schritte weiter wieder auf. Rechterhand beweist ein gewaltiges Blockfeld, dass der Dolomit des armen Corn Alvs wohl nicht sehr stabil ist. Der Wanderführer kündigt nun bald wegloses Gelände an mit vereinzelten Spuren, man solle nur auf den Schuttrücken zusteuern, der in den Südgrat übergeht. Logische Wegführung: Über den Schuttrücken, auf den Südgrat zum Vorgipfel und weiter zum Hauptgipfel. Und tatsächlich ist der Piz Surgonda ein drei- ja vierfarbiger Berg. Der Schuttrücken besteht zum großen Teil aus weißem Gestein, das an die Kalkklötze der Julischen Alpen erinnert und in der Sonne fast blendet. Auf dem recht steilen, aber ansonsten harmlosen Südgrat tatsächlich zarte, serpentinenartige Wegspuren und grauer Fels bis zum Vorgipfel mit seinen Steintürmen. Und siehe da: Die Walliser Alpen tauchten in der Ferne auf, sogar das "Hörnli" hinter dem Allalinhorn. Der Vorgipfel wird auf der Westseite umrundet. Über einen flachen, roten Schuttrücken (schön hier zu sehen), vor Jahrzehnten noch vom Gletscher glatt geschliffen, gelangten wir in wenigen Minuten in grünem Fels auf den Hauptgipfel, grün leuchtet auch der Nebengipfel. Unter uns schrumpft der immer noch passable Nordseitengletscher Vadret d'Agnel, vom Vadret Trauter Ovas sind dagegen nur noch traurige Reste übrig. Alle Felsfarben scheinen hier im Engadin versammelt: Gegenüber, auf der feuerroten Tschima da Flix, krochen ein paar Ameisen. Noch vor der Brotzeit sahen wir ausgiebig fern: Glasklar stand die gewaltige Ostwand der Monte Rosa in über hundert Kilometer Entfernung, die weiße Linie des Strahlhorns, das Rimpfischhorn, der kleine Knubbel des Allalinhorns mit dem Matterhorn im Hintergrund, der platte Buckel des Alphubels, der Dreizack der Mischabelgruppe, die oberste Nase des Weißhorns. In der Ferne identifizierten wir Teile der Berner Alpen, auf dem Klein-Titlis erkannten wir sogar die Masten der Swisscom. Auch immer markant: die Drei Türme im Rätikon, die sich mit der wandernden Sonne so sehr veränderten, dass sie nach zwei Stunden kaum wiederzuerkennen waren. Teile des Bregenzerwaldes waren an diesem für den Sommer 2009 erstaunlich klaren Tag zu sehen, die Silvretta und die Ötztaler Alpen - allerdings wird die Wildspitze vom Kesch verdeckt. Wir zählten uns die Gipfel der Ortlergruppe auf, von links nach rechts und die der Berninagruppe, soweit sie nicht vom alles dominierenden Piz Julier verdeckt wird - ein Panarama, das ich schon als Zehnjähriger inclusive Höhenangaben intus hatte. Das Bergell läßt sich vom Surgonda aus herrlich studieren. Die mustergültige Schaufel des Badile und seine steilen Nachbarn sowie die beiden ehemals großen Gletscher, die zwischen diesen Granitnadeln dahinschmelzen. Nach der Brotzeit döste Anja auf dem heißen Stein. Ich nahm mir vor, sie zu wecken, sobald das "Hörnli" in den Quellwolken abgetaucht war, was Gott sei Dank lange dauerte. Den Abstieg versüßten uns die Altschneefelder der Westseite: Vom obersten, etwas zu steilen Schneefeld abgesehen, fuhren wir ab und ersparten uns den Südgrat und einen Teil des Schutthanges. Bis zum markierten Weg hüpften wir streckenweise im Bach von Stein zu Stein, um die Blümchen nicht zu zertreten.
Übrigens war an diesem Tag niemand außer uns auf Piz Surgonda, kein Schwabe, kein Bayer. Ein Pärchen schaffte es bis zum Vorgipfel. Sie fanden wohl den Pfad auf der Westseite und somit den Weg zum Hauptgipfel nicht.

Info:
Literatur: Peter Deuble; Engadin und Mittelbünden. 50 Gipfeltouren und Höhenwege. Bruckmanns Tourenführer, siehe Amazon, mit 19,90 Euro ein etwas überteuerter Wanderführer.
Wir hatten deutlich bessere Sichtverhältnisse als jener Fotograf

Fotos (c) Matthias Kehle: Blick vom Gipfel des Piz Surgonda ins Bergell/ Westseite des Piz Surgondas

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