Sonntag, 23. August 2009

Wandertagebuch - Richard-Massinger-Weg






"Einfach wandern." Man braucht nicht viel dazu, im Prinzip nur seine Beine.




















Angemessene Schuhe dazu (im Zweifel immer ordentliche Bergschuhe), Marschverpflegung (keine Chemie aus dem Outdoorladen, sondern Gutes vom Metzger, aus dem eigenen oder aus fremden Gärten und dem Supermarkt) sowie einen Rucksack (Rückenbelüftung ist von Vorteil, er darf also ein bisschen mehr kosten). In alpinem Gelände sind Wanderstöcke zu empfehlen, bei Problemen mit der Rückenmuskulatur auch im Flachland oder Mittelgebirgen. Allerdings sollte man dann nicht wie semi-sportliche Hausfrauen durch den Park stöckeln, sondern mit den Stöcken arbeiten, sprich: sich so mit ihnen bewegen, dass man die Muskeln in den Armen und im Rücken auch richtig spürt. Der Bewegungsablauf darf ruhig ein bisschen beknackt wirken. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben, sondern von einem kleinen Lieblingswanderweg berichten, dem Richard-Massinger-Weg, der am Karlsruher Hauptbahnhof beginnt und auf den Mahlberg sowie den Bernstein führt. Das Karlsruher Stadtwiki schreibt hier darüber. Es ist ein einfacher, ein schlichter Wanderweg, den man früh im Jahr und während schneefreier Winter immer begehen kann, bei dem Güter- und Waldwege abwechseln. Er gehört zu den unscheinbaren und wenig bekannten Wegen, den aber leider auch schon die Mountainbiker entdeckt haben.
Vorgestern feierte Anjas Firma, also ließ ich sie ausschlafen und grübelte darüber, welcher Wanderweg bei prognostizierten ca. 25 Grad Außentemperatur in Karlsruhe einen Platz für einen wohltemperierten Mittagsschlaf böte. Eine kleine Siesta nach der Brotzeit ist der Lustgipfel beim Wandern. Süße Träume sind garantiert, wenn wir einen ruhigen Platz gefunden haben, an dem höchstens die Vögel zwitschern oder von Ferne ein kleines Sportflugzeug seine Runden dreht.
Ein gutes Stück des Richard-Massinger-Weges kam mir in den Sinn. Oben, bei der Carl-Schöpf-Hütte läßt es sich prächtig dösen, und zwar ein wenig entfernt im Gras. Wir radelten also von Karlsruhe nach Ettlingen. Mit meinem über 45 Jahre alten Torpedo-Dreigang-Rad, versteht sich, quasi als Aufwärmtrainig. Mit diesem habe ich auch schon bunte Hängebauchradler durch die Felder zwischen Rüppurr und Karlsruhe gejagt. Wenn die armen Dickerchen in der Midlifecrisis ihr Mountainbike gegen ein altes Rad eintauschen bzw. die ganzen Strecken zu Fuß gehen täten, wären die Ränzen bald weg. Wandern am Samstag hat übrigens den Vorteil, dass die meisten dann ihren Cayenne putzen und einkaufen müssen. Ich hab' gut lästern: Als Freiberufler kann ich unter der Woche vormittags einkaufen, bevor die Mütter und Rentner aus dem Haus kommen...
"Einfach wandern" - durch die Städtchen, die Gärten, Vorgärten und Schrebergärten. Ein wenig zuschauen, wie ein junger Mann die Holztür seiner Garage abschleift, ein verirrtes, aber ansonsten glückliches, weil freilaufendes Huhn vom Parkplatz eines Restaurants zum Bauernhof zurück bugsieren, durch Streuobstwiesen flanieren, Birnen und Äpfel probieren wie im Schlaraffenland. Die Blütenpracht der Dorfgärten bestaunen, quasi die Früchte der Arbeit der Mitmenschen - wir Wanderer, wir Landstreicher, sind doch faules, arbeitsscheues Gesindel!
Wir stellten die Räder beim Altenheim ab, wo mein Großvater und meine Lieblingstante ihre letzten Jahre verbringen mussten, wir wanderten durch den Horbachpark, einem ehemaligen Landesgartenschaugelände, das die Landschaftsarchitekten ausnahmsweise nicht verschandelt haben und stiegen den Kreuzelberg hinauf nach Völkersbach. Der Kreuzelberg wurde vom Sturm Lothar nahezu komplett entwaldet. Wo kein dichtes Gesträuch und Mischwald nachgewachsen ist, blickt der Schweif über die Rheinebene nach Karlsruhe: Das Wildparkstadion, die Schornsteine der Kraftwerke oder die Europahalle als urbane Fixpunkte. Dann die idyllischen und wohlhabenden Dörfer rund um Ettlingen, die Hügel bis zum Baden-Badener Fremersberg mit seinem Sendeturm, die Pfälzer Berge. Bei klaren Sichtverhältnissen erscheinen im Norden die Sandsteinfelsen bei Heidelberg, ja sogar der Melibokus, ein vorgeschobener Odenwaldberg. Wer diese weiten Blicke über die Rheinebene liebt, der wird immer wieder den Kreuzelberg "besteigen". Im Netz findet sich ein hübsches Panorama-Foto. In Schluttenbach immer wieder eindrücklich die über 1100 Jahre alte Linde. Und weil wir spät waren, knurrte schon dort unser Magen, so dass wir an der Carl-Schöpf-Hütte die Reste der Firmenfete meiner Frau genossen. Viel gegrilltes Fleisch, Kartoffel- und Nudelsalat, vor allem. Ganz wichtig beim regelmäßigen Wandern: das Essen. Schmecken soll's und Kalorien soll's haben. Käse, Büchsfisch, Landjäger, Vollkornbrot, Schokolade, dazu etwas Gemüse und Obst - mehr braucht es nicht, egal, was sogenannte Fachzeitschriften oder Outdoor-Prospekte anpreisen. Das gesparte Geld sollte man anderntags in einem guten Restaurant oder in soliden Rotwein für abends investieren. Gegen den kleinen Hunger zwischendurch favorisiere ich persönlich Milka-Noisette-Schokolade, für den Quickie-Energieschub einfachen Traubenzucker und natürlich genügend Wasser.
Die Carl-Schöpf-Hütte ist auch im Winter oder Frühjahr relativ windgeschützt und sonnig mit Ausblick auf die Äcker und Felder in der Nähe und den sanften Hügeln des Nordschwarzwalds in der Ferne, wo im März oft noch nordseitig Schnee schimmert.
Normalerweise wären wir nun weitermarschiert nach Moosbronn, ein wirklich höchst idyllischer Wallfahrtsort und zurück durch das einsame, sanft-grüne Moosalbtal sowie ein Stück entlang des Graf-Rhena-Wegs nach Ettlingen, der leider von Radlern jeder Art überfüllt ist. Doch gestern flanierten wir durch Völkersbach mit seinen Fachwerkhäusern und alten Inschriften, vorbei an einem Spielplatz, wo Kinder den Weg mit Ästen und Sandhügel verbaut hatten und uns nicht durchlassen wollten, wieder zurück über Streuobstwiesen mit sehr leckeren Äpfeln, den Kreuzelberg runter zu den Fahrrädern. Normalerweise wandern wir hier also nicht den gleichen Weg zurück. Dafür machten wir dieses Mal hinter der Carl-Schöpf-Hütte eine merkwürdige Entdeckung: Aus einem Baum "wuchs" in etwa zehn Metern Höhe ein schwarzes Kabel, das knapp über meiner Kopfhöhe endete. Wir schauten zweimal, dreimal: Mitten aus dem Stamm drang diese Liane, ich zog kräftig und hängte mich mit meinen 60 Kilo daran und hätte gute Lust gehabt, ein Stückweit den Stamm hinaufzuklettern.

Fotos (c) Matthias Kehle
1) Gedenkkreuz in Malsch-Völkersbach
2) 1100 Jahre alte Linde in Ettlingen-Schluttenbach
3) Fachwerkhaus in Malsch-Völkersbach
4) Richard-Massinger-Weg
5) Carl-Schöpf-Hütte mit Anja

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