Sonntag, 20. September 2009

Dreitausendersammeln












































Es gibt Menschen, die sich über die Klimaerwärmung freuen. Bergwanderer in den Alpen können nämlich auf immer mehr große Gipfel steigen, ohne einen Gletscher zu betreten, und so gibt es unter Alpinwanderern eine regelrechte Jagd auf Berge jenseits der magischen Marke 3000. Nahezu in allen Alpengebieten mit entsprechend hohen Gipfeln sind Dreitausender begehbar und markiert, angefangen bei einfachen Halbtageszielen bis hin zu schwierigen Touren, bei denen weit mehr erforderlich ist als ein wenig Schwindelfreiheit. "Latsch-Dreitausender" heißen die Gipfel, die man vom Auto aus mitnehmen kann. Einen knappen halben Tag muss man veranschlagen, "latscht" man etwa vom Umbrail-Pass an der italiensch-schweizerischen Grenze auf den 3033 m hohen Piz Umbrail und wieder zurück. Die fünfhundert Höhenmeter sind ohne Schwierigkeiten zu bewältigen, dafür hat man vom Gipfel aus eine exzellente Sicht auf die Ortler-Gruppe. Von einer anderen Passhöhe, dem schweizerischen Albula-Pass, läßt sich der 3036 m hohe Igl Compass besteigen. Immerhin 750 Höhenmeter sind dabei zu überwinden, an einer Stelle muss der Wanderer seine Hände zur Hilfe nehmen, um eine einfache Steilstufe zu erklimmen. Der Berg ist noch ein Geheimtipp, zumal er nur in wenigen Wanderführern verzeichnet ist, erst Recht nicht in den "Bibeln" für Dreitausenderwanderer. Wer etwa den Tourenvorschlägen von Dieter Seibert ("Leichte Dreitausender") folgt, muss zwar nicht gerade mit einem Massenansturm rechnen, aber mit "erhöhter Betriebsamkeit". Seiberts 99 Dreitausender finden sich allesamt in den Ostalpen, in jeder Berggruppe hat er einfache und schwierige Wanderdreitausender ausgesucht.

Wie beim "richtigen" Bergsteigen, gibt es auch beim Alpinwandern sechs Schwierigkeitsgrade, wobei der erste Grad bei Dreitausendern nicht vorkommt - quasi flanieren mit Turnschuhen und ohne jedes Orientierungsvermögen. Ab dem 2. Grad heißt es Bergstiefel anziehen und gründlich den Weg beachten. Auf dem 2. Grad wandert, wer von der Bergstation Diavolezza im Bernina-Gebiet die knapp 250 Höhenmeter auf Munt Pers "latscht" - ein Berg, den "richtige" Alpinwanderer zwar wegen seiner Aussicht auf den Morteratsch-Gletscher schätzen, aber wegen des Massenandrangs lieber meiden. Ab dem 3. Grad ist alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Orientierungsvermögen vonnöten, ab dem 4. sollte man mit exponierten Stellen rechnen, mit kleineren Kletterpassagen oder Firnfeldern. "Anspruchsvolles" und "schwieriges Alpinwandern" begeht man in Grad T5 und T6 - hier wird die Grenze zum Bergsteigen überschritten, der Umgang mit Hilfsmitteln wie Seil, Steigeisen und Pickel sollte beherrscht werden. Das schweizerische "Standardwerk" für Dreitausenderwanderer "Freie Sicht aufs Gipfelmeer" verzeichnet nur Gipfel bis zum 4. Grad. Wer beispielsweise auf das Wahrzeichen von Sankt Moritz steigt, den Piz Julier (3308 m), sollte keine Angst vor gesicherten Stellen und schwindelerregenden Blicken in den Abgrund haben.

Bis über 3600 Meter kann man inzwischen wandern, der wohl einfachste Gipfel dieser Höhe ist das "Üsser Barrhorn" (3620 m) in den Walliser Alpen. Ein solcher Gipfel wäre in anderen Alpengebieten eine Sensation, im Wallis ragen die Nachbarn nochmal tausend Meter höher in den Himmel. In der südlichen Ortlergruppe lockt mit dem Monte Vioz (3645m) ein wahrer Bergriese die Wanderer. Vom italienschen Pèio läßt sich der Aufstieg mittels einer Seilbahn auf etwa 750 Höhenmeter verkürzen, allerdings sollte man sich zuvor auf einem Berg mit allenfalls knapp über 3000 Meter aklimatisiert haben. Auf 3538 m Höhe bringt es Europas höchst gelegener Wallfahrtsort, die Rocciamelone in den Grajischen Alpen, die jedoch einige Kletterstellen aufweist und Konditionsriesen vorbehalten ist - das Tal von Susa überragt der Gipfel um gewaltige 3100 Meter, jeden 5. August findet übrigens eine Pilgerfahrt auf die Rocciamelone statt.

Der Umgang mit Teleskopstöcken, richtiges Verhalten in Schutt- und Blockhalden und natürlich das Lesen von Karten sollten für "Dreitausendersammler" obligatorisch sein. Die meisten Unfälle passieren auf Altschneefeldern, weshalb die Wandersaison in diesen Höhen erst Anfang bis Mitte Juli beginnt. Alpine Dreitausender sind auch ohne Eis und Schnee ernstzunehmende Gipfel, ein Wetterumschwung kann einen "Latsch-Dreitausender" lebensgefährlich machen.
Zu empfehlen sind grundsätzlich auch regionale Wanderbücher und Tipps versierter Einheimischer. So lassen sich Geheimtipps eruieren wie die Eisseespitze (3230 m), der einsame Nachbar der überlaufenen Suldenspitze im Ortlergebiet, der Ahrnerkopf (3251 m) in der Rieserfernergruppe oder der Piz la Stretta (3104 m) östlich des Bernina-Passes - selten besuchte Gipfel selbst während der Hochsaison. "Anfänger" halten sich jedoch am besten an jene Dreitausender, die in den jeweiligen "Rother Wanderführern" beschrieben sind.
Wer übrigens glaubt, er könne von Mittelbaden aus an einem verlängerten Wochenende im Berner Oberland mal ein, zwei Dreitausender "mitnehmen", täuscht sich: Ausgerechnet hier gibt es nur zwei begehbare Dreitausender: Die Büttlasse (3193 m), ein Nachbar des Schildhorns im Jungfraugebiet, weist den 5. Schwierigkeitsgrad auf, für den Wildstrubel (3243 m) über Adelboden benötigt man nach einem Akklimatisationstag auch bei der besten Kondition mindestens zwei Gehtage. Die meisten Dreitausender lassen sich im Oberengadin, von Vent in den Ötztaler Alpen oder von Sulden am Ortler aus "sammeln", ein Dutzend sind dort während eines "normalen Urlaubs" und mit guter Kondition "locker" zu machen, stabiles Wetter vorausgesetzt, und auch rund um Saas Fee und Zermatt locken zahlreiche Touren über 3000 Meter. Matthias Kehle

Literaturtipps:
Dieter Seibert: Leichte Dreitausender. Die 99 schönsten Touren mit Weg, Bruckmann-Verlag, 145 Seiten, ISBN 3-7654-3677-1
Marco Volken/ Remo Kundert: Freie Sicht aufs Gipfelmeer. 50 Wanderdreitausender zwischen Genfersee und Unterengadin. SalvioniEdizioni. per pedes, 224 Seiten, ISBN 3-9522764-0-5
Hanspaul Menara: Die schönsten 3000er in Südtirol. Bildwanderbuch mit 70 Hochtouren, Athesia-Verlag, 260 Seiten, ISBN 978-88-8266-391-9
Rother-Wanderführer, insbesondere "Aosta-Tal", "Dauphiné-Ost" und "Seealpen" (www.rother.de)

(Badisches Tagblatt, 19. September 2009)

(c) alle Fotos: Matthias Kehle
(1) Gipfelaufbau der Eisseespitze, links Zufallspitzen und Cevedale
(2) Gipfelrast auf der Kreuzspitze (3455 m) in den Ötztaler Alpen
(3) Piz Palü, gesehen auf dem Weg zu Munt Pers (3207 m)

Kommentare:

  1. "Wer übrigens glaubt, er könne von Mittelbaden aus an einem verlängerten Wochenende im Berner Oberland mal ein, zwei Dreitausender "mitnehmen", täuscht sich: Ausgerechnet hier gibt es nur zwei begehbare Dreitausender:"

    und halt noch das HOckenhorn mit 3297 (oder so)...

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    1. Da muss man aber entweder den Hatsch von Kandersteg ins Gasteretal hinnehmen oder aber durchs Lötschbergtunnel und dann vom Lötschental aus aufsteigen. Einfach "mitnehmen" läßt sich das Hockenhorn also nicht... Wenn man etwas mehr Zeit hat, läßt es sich mit dem Wasenhorn kombinieren.

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  2. Der Ahrnerkopf ist 3051m hoch und befindet sich in der Venedigergruppe - aber wirklich eine schöne Tour!

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