Freitag, 21. Januar 2011

No-Go-Areas für Wanderer - Hornisgrinde, der geschundene Berg

Auf seinem Gipfelplateau ragt ein über 200 m hoher Sendemast der Telekom in den Himmel, die Hochfläche ist ein Hochmoor, das von Wanderwegen und Bohlenpfaden zerstückelt ist. Zerfallende Bunkeranlagen liegen unter der Oberfläche verborgen und mit ihnen - vermutlich - Altlasten der militärischen Nutzung, die den Boden durchtränkt haben könnten. So sagte es mir jedenfalls einmal ein einheimischer Schäfer, als wir vor einigen Jahren Mitte Dezember kurz vor Sonnuntergang auf dem Turm standen und die Alpensicht genossen. Ansonsten war damals die Hornisgrindehochfläche ausnahmsweise wie ausgestorben. Es war ebenso bitter kalt wie klar.
Dieser "geschundene Berg" ist an jedem schönen Wochenende überlaufen wie kein anderer Berg im Schwarzwald, außer dem Feldberg. Kein Wunder, 150 Meter tiefer befindet sich der Mummelsee mit seinen riesigen Parkplätzen am Rand der Schwarzwaldhochstraße samt tausenden von Motorradverbrechern und Busladungen voller übergewichtiger Senioren aus Sachsen oder der Pfalz sowie Bier- und Bratwurstgeruch.
Die Gegend ist eine typische No-Go-Area für Wanderer, sie ist hoffnungslos "verschandelt" - eine Vokabel, die tödlich ist für jede Gegend, die Wanderer anlocken möchte. Der Wanderer ist nämlich ein Naturliebhaber, der exakt das Gegenteil liebt, nämlich Ruhe, Meditation, Beschaulichkeit und vor allem Natur und keine Hochmoorreste, an deren Ränder schon kleine Apfelbäumchen gedeihen, weil die vielen Touristen regelmäßig ihren Bioabfall mit Schwung entsorgen. "S'isch jo eh alles Natur", sagt der schwarzgekleidete, dickliche Zahnarzt Mitte 50, der im einen Arm eine junge Blondine und im anderen einen Motorradhelm hält, sich also gleich zwei Jugendträume erfüllt hat. Der Wanderer rümpft die Nase und schleicht sich von dannen, um die Gegend rund um den Mummelsee und die Hornisgrinde künftig zu meiden.
Nun lese ich heute in den "Badischen Neuesten Nachrichten": "Neues Tourismus-Konzept für die Hornisgrinde." Was plant man? Etwa einen Rückbau und sanften Tourismus? Weit gefehlt: "Natur und Sport sind für die beteiligten Gemeinden Lauf, Sasbach, Sasbachwalden und Seebach... keine Gegensätze." Angedacht sei ein neuer Skihang im Bereich Unterstmatt, "der mit einer Länge von 800 Metern das bisherige Pistenangebot entlang der Schwarzwaldhochstraße deutlich übertreffen würde."
Liebe Tourismusexperten: Es könnte sein, dass die letzten drei Winter nur deshalb so schön kalt und schneereich waren, weil der Klimawandel kurzzeitig einen Bogen um uns gemacht hat. Das war reiner Zufall! Fragt mal einen Klimatologen!
Nun gut, was lese ich weiter: "Für das neue Gasthaus auf der Hornisgrinde gibt es bereits einen Bauvorbescheid." Allerdings seien diese beiden Großprojekte (!!) noch Zukunftsmusik. Auch die weiteren Maßnahmen des Konzepts lesen sich wie ein Horrorszenario für Wanderer: "Dazu gehören die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und der Bau von Wohnmobilplätzen ebenso wie die Schaffung von großflächigen Tiergehegen für Wolf, Luchs und Auerochse." Was immer unter Letzterem zu verstehen ist. "Investieren will man in das Wegenetz für Wanderer und Mountainbiker, ebenso in Schneeschuhtrails und Loipen." Ein Wegenetz für Mountainbiker? Wenigstens das, denn sobald es Wege für Mountainbiker gibt, weiß der Wanderer: Hier kann ich in aller Ruhe auf den Mountainbikewegen wandern, denn diese Spaßterroristen fahren ja grundsätzlich auf Wanderwegen.

Da lobe ich mir doch die kleine, wunderbar gelegene und idyllische Gemeinde Dobel oberhalb von Bad Herrenalb. Wie die Hornisgrinde liegt Dobel am Westweg. Dort ist man einfach zu blöd, um auf Tourismus zu setzen. Gastronomie gibt es wenig, erst recht kein Café am Straßenrand, das die vorbeidonnernden Motorradverbrecher zum Verweilen einladen könnte, von Wanderern ganz zu schweigen, das Hallenbad wurde gleich ganz geschlossen. Stattdessen denkt man über ein Oldtimermuseum nach, und das, obwohl die nächste Autobahnausfahrt etwa 20 Kilometer entfernt ist und man außer ein paar einheimischen Einmalbesuchern kaum jemanden anlocken könnte: "What the Fuck is Dobel?",mag mancher Leser ganz richtig denken. Hans Joachim Klein, international renommierter Museumsexperte und Besucherforscher, der gerade mal ein paar Kilometer weiter wohnt und zufällig zu meinem näheren Bekanntenkreis gehört (war mal mein Chef an der Uni), Hajo Klein jedenfalls entlockte die Idee mit dem Oldtimermuseum einen Heiterkeitsanfall. Es gab kürzlich sogar einen Dobler Lokalpolitiker, der öffentlich darüber nachdachte, auf dem ganzjährig geschlossenen (!) extrem aussichtsreichen Aussichtsturms ein Drehrestaurant zu errichten - wohl nach dem Vorbild des Schildhorns im Berner Oberland, James Bond läßt grüßen.

Dabei wäre es so einfach, dieses wunderbare Örtchen touristisch aufzuwerten: Es liegt zwischen den Großstädten Karlsruhe und Pforzheim und ist als Naherholungsgebiet für die von der schlechten Luft geplagten Städter, die sich ein wenig in ihrer Heimat auskennen, sehr beliebt. Kürzlich sah meine Frau dort sogar Ministerpräsident Mappus am Rodelhang herumstehen, während sich seine Familie tatsächlich bewegte (was er besser auch mal getan hätte).
Das nächste Mal blogge ich mehr zum Thema: Touristische Dummheiten im Nordschwarzwald.

Kommentare:

  1. ...die Frage, lieber Wanderer, ist eine andere: Wer bringt mehr Geld in die Region, die ja mit Arbeitsplätzen, an denen man auch Geld verdienen kann, nicht gerade opulent gesegnet ist? Ein paar Wanderer, sogennante Naturfreunde, die sich allerdings von jeder Tour einen anderen (frisch geschnittenen) Wanderstock mitbringen und dazu auch noch eine ganze Menagerie von Plastikdosen, Tüten, Flaschen und sonstigen Nahrungsmitteln, damit man auch ja nicht in den teuren Herbergen der Einheimischen einkehren muss? Es reicht ja, wenn man dort dann nach Verzehr des eigenen Vespers die Toilette benutzen möchte, natürlich ohne Obulus, man ist ja schliesslich Naturfreund und -"besitzer"!
    Oder sind es Motorradfahrer, die sich in einem bestimmten Alter eben Leki-Spargel UND eine BMW leisten können. Wer das Geld bringt, zeigt ganz einfach die Mengenverteilung! Also bitte: Erst überlegen und dann ins Netz stellen. ...Herr Kehle, man kann auch ein wertvoller M;ensch sein, ohne zwanghaft sinnfreie Blogs ins Netz zu stellen.

    Ah, und nochwas: Ich bin vierzig, Ingenieur fahre eine Duc und eine historische Indian. Meine Hübsche ist stark 30 und wir sind beide leidenschaftliche Motorradfahrer UND Wanderer!
    Jetzt denksporteln Sie doch mal bitte, in welche Schublade Sie uns pressen wollen!
    Oder lassen Sie es, es ist uns nämlich s.....egal!

    AntwortenLöschen
  2. Getroffene Hunde bellen ;-) Schade, dass Sie als Anonymus gebloggt haben. Ich stehe jedenfalls mit meinem Namen gerade, für das, was ich schreibe. Immer!

    P.S. Der Anonymus kommt aus Ellwangen, sein Provider ist Vodafone, die IP-Adresse hab ich auch...

    AntwortenLöschen
  3. Haben sie denn sonst nichts zu tun als spießige texte zu schreiben und negative laune zu verbreiten? Jeder genießt die gegend auf seine weiße, sie als "wanderer", ich als 'motorradverbrecher". Die schönheit der gegend auf eine art zu genießen, wie auch immer diese aussieht, darauf haben wir alle das gleiche anrecht, lieber herr kehle und bevor man sich unbeliebt macht, postet man lieber anonym, denn den ruf hat man schnell weg, besonders bei UNS im schwarzwald ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei Facebook gibt es eine schöne Gruppe: "Hooligans gegen Rechtschreibung..." Ich genieße jetzt jedenfalls mal einen weißen Wein. Aber vielleicht kann mein anonymer Leser dies schon nicht mehr lesen, denn es gab heute wieder einige tote Motorradfahrer im Schwarzwald. Ruhet in Frieden. Amen.

      Löschen