Dienstag, 22. Februar 2011

Höhenangst


Ich bin eine alte Bergziege, und schon als Siebenjähriger kletterte ich auf die höchsten Bäume. Nicht nur das. Mit meinem alten Kinderfreund Michael klaute ich auf Baustellen morsche Seile, dazu alle möglichen Eisenstifte und Hämmer. Wir radelten ins Albtal, wo wir zwischen Ettlingen und Busenbach (ja, so heißt dieser Ortsteil von Waldbronn tatsächlich) in einem stillgelegten Sandsteinbruch klettern wollten wie Bergsteiger. Zum Glück wussten das unsere Eltern nicht. Weit kamen wir nicht, wir wussten die Eisenstifte und Seile nicht einzusetzen, weil der Steinbruch aus zum Teil überhängenden Blöcken bestand. Heute sind große Teile eingestürzt und zugewuchert.
Umso erstaunlicher war es für mich, dass ich im zarten Alter von 40 Jahren plötzlich eine ausgewachsene Höhenangst entwickelte - nach hunderten von Wanderungen im Hochgebirge. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich von der Lombachalp im Berner Oberland eine meiner Lieblingswanderungen unternahm. Mit meiner Frau stieg ich zum sechsten oder siebten Mal auf das Augstmatthorn. Im oberen Teil gelangt man auf einen wunderbaren und harmlosen Grat mit 1600 Metern Tiefblick auf den Brienzer See und Weitblick zu den Riesen des Berner Oberlandes. Der Grat ist an seiner schmalsten Stelle etwa zwei Meter breit. Ich hatte urplötzlich höllische Angst abzustürzen, in mir machte sich Panik breit. Meine Frau schüttelte den Kopf, ich war nahe daran, junge Eltern zur Sau zu machen, weil sie ihre kleinen Kinder auf diese gefährliche Tour mitgenommen hatten. Anderntags stiegen wir vom Klein-Titlis auf den Titlis, gut anderthalb Meter rechts von mir die senkrechten Südabstürze des Berges, links relativ flaches, harmloses Gletschergelände. Statt den klaren Tag und die popelige Tour zu genießen, schiss ich mir wieder in die Hosen. Eine kleine Kletterei auf den höchsten Punkt erschien mir wie eine Tortur, am Gipfel hatte ich Angst vor dem Abstieg und konnte den Weitblick bis zum Nordschwarzwald, zum Ortler und zu den Walliser Alpen kaum genießen. Die weiteren Touren in diesem Herbst suchte ich so aus, dass mir keine "exponierten" Stellen mehr unter die Füße kamen.
Was mit mir geschehen war, kann ich erst heute im Nachhinein beurteilen, nachdem ich eine typische Midlife-Crisis inclusive Depression mitgemacht habe. Die Höhenangst, die Phobie inclusive Schweißausbrüche, Panikattacken und Herzrasen war Teil dieser Depression. Ich will keinen Leser mit meiner persönlichen "Leidensgeschichte" langweilen, deshalb an dieser Stelle ein Link für weitere Informationen zum Thema Höhenangst:
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Im Herbst 2009 begegnete mir ein junger Mann im Bregenzerwald, dem es ähnlich ging. Ich turnte wieder mit großem Vergnügen den schmalen, leicht exponierten Grat aufs Glatthorn hinauf, und er litt. Womöglich war seine Höhenangst auch ein Vorbote einer Midlife-Crisis oder Depression, jedenfalls empfahl ich ihm vorsorglich eine Verhaltenstherapie. Angst ist kein körperlicher Dauerzustand, Angst läßt nach, wenn man sich ihr aussetzt. Und so habe ich in den folgenden Jahren nach 2007 mir die Höhenangst wieder abtrainiert. An Stellen mit außerordentlichem Tiefblick oder an exponierten Passagen blieb ich stehen, hielt mich sofern das ging, an einem Felsen fest und blickte in die Tiefe. Und zwar so lange, bis das Herz aufhörte zu rasen und die Angst entfleuchte. Und das immer wieder.
Zwei Jahre später war ich meiner Frau schon wieder zu waghalsig, im vergangenen Jahr machte ich quasi den finalen Therapieschritt: Wir stiegen auf Piz Julier, ein Wanderberg mit einigen steilen Passagen, vor allem mit drei, vier sehr ausgesetzten Stellen mit einem Tiefblick von 800 Metern auf einem Gratstück von - sagen wir - einem halben Meter Breite. Ich hatte zwar noch gehörig Fracksausen, aber ich packte den Berg, ohne das Bedürfnis zu haben umdrehen zu müssen.
Auf die weitere Entwicklung meiner Höhenangst darf ich nach einem Sturz im letzten Herbst gespannt sein. Auf einem völlig banalen Wanderweg rutschte ich aus und zog mir eine kläffende Fleischwunde unterhalb des Knies zu. Welche merkwürdigen Dinge inclusive Hubschrauberflug ich dabei erlebte, wie teuer die Geschichte war und wer den mittleren vierstelligen Betrag bezahlte - das alles ist ab Mai in der "Wanderbibel" nachzulesen.

(c) Foto: Matthias Kehle. Über dem Abgrund am Piz Julier

Kommentare:

  1. Super Bericht, hab mich gleich wohlgefühlt. Ich bin heute auf den Hundskopf (Karwendel, Tirol) - leichte, luftige Kletterei in den oberen Bereichen, welche ich schon mit 10 Jahren locker bewältigte. Bin dann in meinen "frischen" Jugendjahren zig Mal hinaufgestiegen, ohne mir Gedanken zu machen. UND HEUTE: Über den Grat (ca. 1/2 m breit)bin ich heute auf allen Vieren gekrochen (mit Hubschraubergedanken im Kopf), konnte nicht mehr vor und nicht mehr zurück, konnte nicht mehr aufrecht gehen, weil mir total schwindelig war. Hatte auch Höllenangst vor dem Abstieg. Irgendwie bin ich dann doch zum Gipfel gekommen (mir war speiübel). Der Abstieg war wesentlich leichter, als gedacht, war zwar etwas unsicher, aber glücklich zu Hause. Morgen muss ich wieder rauf!

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  2. Höhenangst kenne ich auch. Das Gefühl, keinen Schritt mehr nach vorne, aber auch keinen zurück oder gar zur Seite gehen zu können.

    Ich habe nicht daran gearbeitet, die Höhenangst wieder loszuwerden. Für mich ist sie ein Indikator, dass bestimmte Gebiete einfach nicht zu mir passen, schließlich bin ich keine Bergziege ;-)

    Aber es gibt ein nettes Video über eine Wanderung über den "El Caminito del Rey", da bekomme ich alleine schon beim zusehen ein flaues Gefühl im Magen.

    http://www.youtube.com/watch?v=ZmDhRvvs5Xw

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  3. Zwar 3 Jahre später, aber ich kenne das! Irgendwann war sie da die Höhenangst. Hoffnung, denn ich möchte in den nächsten Jahren eine Alpenüberquerung planen.

    Danke!


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