Mittwoch, 2. Februar 2011

Wandertagebuch - Monte Vago (3059 m)







































Ich habe mich ja schon als Dreitausender-Sammler geoutet, aber im Engadin fällt es dem konditionsstarken Bergwanderer schon schwer, keinen Dreitausender zu besteigen. Reihenweise gibt es dort "Latschdreitausender" (Munt Pers), "Logenplätze" (Munt Pers) oder höchst anspruchsvolle Dreitausender (Munt Pers). Und natürlich Gipfel wie Piz Ot (ein herrlicher leichter Kletterberg), Piz Julier (einmal und nie wieder), Piz Languard (Rubrik "Logenplätze") sowie Geheimtipps (Munt Cotschen).
Zu den Geheimtipps (auch in Anführungszeichen) gehört sicherlich Monte Vago, der streng genommen, bereits zu den Livigno-Alpen zählt und - eben aus dem Livigno-Tal gesehen - ein ansehnlicher Gipfel ist. Das Livigno-Tal ist übrigens einen Besuch wert. Nicht nur wegen des zollfreien Sprits (78 Cent für einen Liter Diesel am 18. Juli 2010), sondern wegen seiner Hollywood-Kulissen. Jeder Ortsteil, jeder Straßenzug scheint ein anderer Klon von Alpendorfklischee zu sein. Es finden sich Pseudo-Bauwerke aus aller Herren Alpenländer, und zwar überzeichnet zu gnadenloser Scheußlichkeit. Nun, von oben, von Monte Vago, sieht man das nicht. Dafür schaut man schnurstracks geradeaus durch das Livigno-Tal, wo sich anscheinend ein großes friedliches Dorf ausgebreitet hat, das an einem See endet, der wiederum an einem Tunneleingang endet, durch den man zurück ins Engadin entfleuchen kann: Für ein paar Euro Maut gelangt man auf die Ofenpass-Straße. Die eingesparten Spritkosten wären wieder dahin, aber man will ja nicht noch einmal zurück durch dieses Tal und über den Bernina-Pass ins Quartier. So ging es jedenfalls uns.
Noch ein kleiner Umschweif: Ich glaube ja eigentlich nicht an ominöse, höchst seltene Nebenwirkungen von Medikamenten, aber in diesem Urlaub plagten mich die Nebenwirkungen eines Antibiotikums, die auf dem Beipackzettel unter "Ferner liefen" laufen: Meine Hände waren extrem Kälte- und Schmerzempfindlich. Ab einer Außentemperatur von etwa 10 Grad fühlte es sich an, als würden in zwei Quadratzentimetern Haut ein Dutzend Stecknadeln stecken. Und zwar exakt in den Schmerzpunkten. Auf Monte Vago hatte es null Grad, auf Munt Cotschen noch weniger. Dass mich meine Frau am Gipfel nicht füttern musste, weil ich die Hände in den Handschuhen nicht aus den Hosentaschen nehmen konnte, war gerade alles.
Nun zu Monte Vago. Wir hatten eine kleine Bergtour vor, Piz Julier schoben wir noch respektvoll vor uns her. Auf der Passhöhe Livigno parkten wir unseren alten Golf, der Bruckmann-Tourenführer "Engadin" (von Peter Deuble, sehr zu empfehlen) veranschlagte eine Gesamtgehzeit von vier Stunden. Wir lasen: "Ein idealer Einstiegsdreitausender, um sich auf größere Ziele wie Piz Julier oder Piz Ot einzustimmen." Der Aufstieg ist schlicht großartig. Der Beginn oberhalb des Passes ist zwar unspektakulär - mal geht es durch Bergwiesen, mal durch steinige Passagen, dann allerdings folgt ein Bergsee, indem sich die Bernina-Gruppe in ungewohnter Perspektive spiegelt. Auf etwa 2900 Metern Höhe schließlich beginnt ein kurzer Grat, der zum Gipfel führt. Festes Gestein, grobe Blöcke, das Klettern und Steigen ist Vergnügen pur. Mal steigt man ein wenig südlich des Grates, mal ein wenig nördlich. Wenn die Schmerzen in den Händen nicht gewesen wären...
Am Gipfel waren wir allein. Fast allein. Gegen später hechelte ein junger Italiener neben uns, für den Monte Vago der erste Dreitausender war. Er beherrschte keine der gängigen Fremdsprachen, wir leider kein Italienisch. Ein wenig Radebrechen und er entfleuchte schon wieder. Stundenlang hielten wir uns an diesem glasklaren Tag am Gipfel auf und genossen die Nahblicke in die Berninagruppe und die Fernblicke in die Silvretta sowie in die eigenwilligen Nationalparksberge. Wir futterten, wir dösten, die Sonne heizte meine Hände durch.

(c) Fotos Matthias Kehle. Von oben nach unten
- Werbung am Gipfel
- Gipfelensemble mit Gattin
- Tele Piz Julier
- Lago Vago und Berninagruppe

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