Dienstag, 27. September 2011

Die Tourismus-Flaute im Nordschwarzwald

Die Tourismus-Flaute im Nordschwarzwald 

In der Debatte um den geplanten Nationalpark spielt der Fremdenverkehr eine besondere Rolle

von Rainer Haendle (mit freundlicher Genehmigung der Badischen Neuesten Nachrichten):

Darbt der Tourismus im Nordschwarzwald und könnte er deshalb einen Nationalpark als zusätzliche Attraktion gut gebrauchen – oder ist die Urlaubsregion schon so hervorragend aufgestellt, dass ein derartiges Projekt gar keinen Sinn macht? Seit die Debatte um ein Großschutzgebiet zwischen Ruhestein und Kaltenbronn wieder entflammt ist, wird viel über den Fremdenverkehr in der Region debattiert. Das Problem: Es sind viele verschiedene Zahlen im Umlauf, weshalb der Laie schnell den Überblick verliert.
Im Moment klingelt es in den Kassen der Hotels und Gaststätten. Von Januar bis Juli schnellten die Übernachtungszahlen gegenüber dem Vorjahrszeitraum landesweit um fünf Prozent nach oben – vor allem dank eines Zustroms ausländischer Gäste. Im Nordschwarzwald lag das Übernachtungsplus immerhin noch bei 2,8 Prozent und damit leicht über den Gesamtzahlen des Schwarzwaldes (2,5 Prozent). Also alles in Butter? Ist der Nordschwarzwald „als eine der schönsten Urlaubsregionen Deutschlands bestens gerüstet und hervorragend aufgestellt“, wie die Nationalpark-Gegner in ihrem Flyer behaupten? Diese Aussage trifft wohl nur auf Baden-Baden und Baiersbronn zu, wie die Recherchen zeigen, für den großen Rest der Fremdenverkehrsgemeinden sieht es eher düster aus.
Landestourismus-Chef Andreas Braun verweist auf ein extremes Stadt-Land-Gefälle im Nordschwarzwald. Das aktuelle Wachstum gehe in erster Linie auf das Konto der drei großen Städte Karlsruhe, Baden-Baden und Pforzheim. Braun ist ein Befürworter des Nationalparks, er sieht darin vor allem im Wettbewerb um mehr ausländische Gäste ein Alleinstellungsmerkmal. Die könnten nicht nur die ländlichen Gebiete im Nordschwarzwald, sondern auch die im Mittleren Schwarzwald gut gebrauchen. Denn auch an dieser Region ist der aktuelle Boom der Tourismusbranche mit einem mickrigen Übernachtungsplus von 0,1 Prozent völlig vorbeigegangen.
Da Tourismuszahlen von Jahr zu Jahr immer Schwankungen ausgesetzt sind, lohnt in der Nationalpark-Debatte der Blick über einen längeren Zeitraum. Die Schwarzwald Tourismus GmbH hat für die BNN die Übernachtungszahlen einiger Gemeinden, die im möglichen Einzugsgebiet eines Nationalparks liegen, für die vergangenen drei Jahrzehnte zusammengestellt. In diesen Zahlen des Statistischen Landesamtes sind seit 1981 alle Beherbergungsstätten mit mehr als acht Gästebetten erfasst. Beim Blick auf die Grafik wird eines sofort deutlich: Mit Ausnahme von Baden-Baden, das mit dem Festspielhaus und dem Burda-Museum eine touristische Renaissance erlebt, befinden sich alle anderen Orte im extremen Sinkflug. Beispiel Forbach, wo der Protest gegen den Nationalpark besonders groß ist: Die Murgtal-Kommune hat 60 Prozent eingebüßt. Noch schlimmer dran ist Bad Wildbad, wo heute die Fachtagung zum Nationalpark stattfindet: Trotz Rossini-Festival und Palais Thermal verlor das einst so stolze Staatsbad drei Viertel seiner Übernachtungen.
Viele altgediente Tourismusexperten aus dem Nordschwarzwald bestätigen das Bild, das die Langzeit-Statistik zeichnet. Mit Ausnahme der drei genannten Städte und der Fremdenverkehrsgemeinde Baiersbronn, die dank starker Hotels und erstklassiger Gourmetadressen eine Sonderrolle einnehme, befinde sich der Fremdenverkehr in der Region eher auf dem absteigenden Ast. Immer wieder gebe es leerstehende Hotels und Gaststätten. Hätte Forbach nicht eine Jugendherberge und Gernsbach nicht das Papiermacherzentrum wäre die Situation im vorderen Murgtal noch verheerender, heißt es beispielsweise. Einig sind sich die Experten, dass sich das touristische Angebot in den zurückliegenden Jahren deutlich verbessert habe. Als Beispiele werden der Wildnis- und der Lotharpfad an der B 500 sowie die Murgleiter von Gaggenau auf den Schliffkopf als Premium-Wanderweg genannt. Doch damit würden bislang eher die Naherholungssuchenden angelockt. Tagesgäste aus Karlsruhe oder Stuttgart würden jedoch viel weniger Geld im Schwarzwald lassen als beispielsweise ein Urlauber aus dem Ruhrgebiet, der sich für eine Woche einquartiert habe.
Viele der Gesprächspartner wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie in der aufgeheizten Debatte Nachteile befürchten. Eine Ausnahme ist Tino Rettig. Der Geschäftsführer der Tourist-Info Bühlertal sagt klipp und klar: „Der Nordschwarzwald hat ein erhebliches Imageproblem. Wenn wir uns halten wollen, dann muss endlich etwas passieren“. Der Nationalpark könnte als „ganz starke Marke“ so etwas wie eine Vitalspritze für den kränkelnden Fremdenverkehr im Nordschwarzwald darstellen. Rettig hat sich im Sommer im Nationalpark Bayerischer Wald intensiv umgeschaut und ist mit einem sehr differenzierten Bild zurückgekommen. Bei der Gründung des Nationalparks vor 40 Jahren sei das dortige Zonenrandgebiet völlig unterentwickelt gewesen, weshalb der Tourismus in der Folgezeit für ein florierendes Wachstum gesorgt habe. Im Nordschwarzwald sei ein vergleichbarer Boom sicher nicht zu erwarten, da die Region viel stärker wirtschaftlich geprägt sei, sagt Rettig. Umgekehrt liege hier auch ein Teil der Probleme begraben: Weil es Bosch oder Daimler immer gut ging, sei der Tourismus oft nur das fünfte Rad am Wagen gewesen. Zudem habe die Hotellerie im Kampf um Ausbildungsplätze stets die schlechteren Karten gegenüber der Industrie gehabt.
„Bei uns krankt es auch an privaten Investoren im Fremdenverkehr“, sagt der Bühlertaler Geschäftsführer. Durch einen Nationalpark könne sich dies ändern, hofft er. Und er fügt hinzu: „Für unsere Betriebe würde es dann wieder interessanter, sich um den klassischen Feriengast zu bemühen, statt nur noch auf Geschäftsreisende zu setzen.“

(Aus: Badische Neueste Nachrichten, 24. September 2011)

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