Mittwoch, 21. September 2011

"Häusliches Zielwandern"

Nach unserer Wanderbibel-Lesung in Freudenstadt schrieb mir "Kosmo" eine lange ausführliche Mail. Ich fand sie so interessant, dass ich ihn gebeten habe, Teile daraus in meinem Wanderblog veröffentlichen zu dürfen (Danke!):

"habe in unserer Tageszeitung, dem Schwabo, den Bericht über die Lesung im Bärenschlössle gelesen und mir gedacht, dass ich das Buch, obwohl es ums Wandern geht, in meinen Besitz bringen sollte. Zufällig hatte die Arkadenbuchhandlung sogar noch ein käufliches, handsigniertes Exemplar parat, welches jetzt gerade leergelesen neben mir liegt.

Ein Sachbuch mit 250 Seiten von mir mit Freude verschlungen, das gibt es selten. Und dazu bin ich auch noch, aus Imagegründen, bekennender Nichtwanderer. Es wäre wie das outen der Liebe zur Gartenarbeit, zur Modelleisenbahn oder zum Briefmarkensammeln. Es geht einfach nicht. Aber trotzdem bin ich sehr gerne zu Fuß unterwegs und hiermit komme ich zum eigentlich Grund meiner Nachricht. Denn in eurer Bibel fehlt eine Rubrik unter den Wanderarten, deren heimlicher Verehrer und Jünger ich mich nennen darf: der häuslichen Zielwanderung.

Als häuslicher Zielwanderer begebe ich mich direkt von meinem Zuhause aus auf den Weg Richtung Ziel. Manchmal zweckgebunden, wie etwa Anfang September der Marsch von Freudenstadt ins Mitteltal zur 50er-Feier eines Bekannten. Oder einfach nur so zum Spaß, wie vor Kurzem die frühabendliche Tour von Freudenstadt nach Alpirsbach, unterwegs gestärkt durch eine Fürstenberger Pilsette, was dem Ganzen leider den Nimbus einer Pilgerfahrt ins Alpirsbacher Biermekka nehmen sollte. Die häusliche Zielwanderung, kurz HZW, kam bei mir schon in jungen Jahren vor, einfach um einen Ortswechsel vorzunehmen. Sei es, um spätabends von einem Dorffest, welches aus den Fugen zu geraten schien und der einzig bevollmächtigte PKW-Fahrer keine Anstalten zur Heimfahrt machte, einfach nur nach Hause ins weiche Bett zu gelangen. Da nimmt man dann gerne mal zwei Stunden Fußmarsch in Kauf. Meist war man dabei auch nicht allein. Oder auch ganz profan, weil der Bus mal wieder nicht kam oder Verspätung hatte oder gesprengt wurde odersonstwaswar. Auch hier war marschieren angesagt.

Kurzum, die HZW hat auf mich einen mental nicht zu unterschätzenden Sinnvorteil, welcher bei einer Rundwanderung teilweise abgeht, da diese durch maximale Abkürzung auch komplett entfallen könnte. Voraussetzung ist aber immer ein Ableisten der Hin- oder Rückfahrt durch andere Verkehrsmittel es sei denn, man begibt sich auf die doppelte häusliche Zielwanderung, welche die gleiche Strecke wieder retour nimmt. Nur soviel: ich bin bekennender Retournist.

Bei der HZW kommt hinzu, dass die kürzeste Strecke den Vorzug bekommt und diese dann selten mit berühmten Wanderwegen deckungsgleich ist. Dies hat wiederum den für mich entscheidenden Vorzug, völlig allein zu wandeln. Ein Vorzug, der zu Zeiten der noch existenten und fordernden Familie mit zwei spätpubertierenden Töchtern sowie eines beruflichen Tätigungsfeldes, welches auf Kommunikation basiert, quasi in Gold aufzuwiegen wäre. Sobald die Zivilisation mit ihren Flaneuren, Hundebesitzern, Joggern, Walkern, Nordicwalkern usw. hinter einem liegt, beginnt die Zeit der Stille und Einsamkeit. Schon allein aus diesem Grund ist es mir nur schwer nachzuvollziehen, auf bekannten und vielbesuchten Wanderwegen oder in den Alpen, wochenends unterwegs zu sein. Es kommt bei mir praktisch nie vor.

Und noch eins zu den Mountainbikern, die in eurem Buch nicht besonders gut wegkommen. Da ich, als Mountainbiker der allerersten Stunde, auch hier fast ausschließlich häusliche Zieltouren unternommen habe und die Gegend um das beschauliche Freudenstadt eben recht beschaulich und weltfern erscheint und auch ist, habe ich noch nie das Problem, das angeblich zwischen Fuß- und Radvolk bestehen soll, selbst erfahren. Oft wurde sogar gesmalltalked über den jeweils weiteren Verlauf. Aber hier kann ich gut nachvollziehen, dass es eben auch andere Gegenden gibt und vor allem andere Protagonisten. Ich habe mich allerdings auch schon vor Jahren vom Wettrüsten, der Kommerzialisierung, ja vom bekleidungs- und materialtechnischen Overkill im Mountainbikesport stark distanziert. Aus dieser Distanz sehe ich tatsächlich den modernen, urban geprägten, stylisch hippen Biker als Alien.

Link zum Schwarzwälder Boten Anmerkung: Ich bin der in der roten Jacke rechts, Mario Ludwig ist der dritte von rechts.

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