Freitag, 14. Oktober 2011

Klettersteiggeher sind bessere Menschen


Es sollte das Karhorn (2416 m) sein. Und zwar am Sonntag, dem 2. Oktober. "Das ist ein langes Wochenende," dachte ich mir, "da wirst Du vielen Menschen begegnen und lustige Dinge erleben, über die Du schreiben kannst". Auf das Karhorn im hinteren Bregenzerwald führt ein "Normalweg", außerdem wurden zwei Klettersteige angelegt, ein kurzer und leichter sowie ein langer, schwieriger. Ich bin kein großer Freund (mehr) von Klettersteigen, also wählte ich den "Normalweg", der auch nicht ganz ohne ist. Bis zum Abzweig unterhalb des Warther Horns marschierte ich an zahlreichen Klettersteig-Freunden vorbei, zwei Offenburger musste ich an einem Wanderschild fotografieren, Zitat: "Ha, wer weiß, ob mir den Gipfel überhaupt erreiche." Übrigens erinnere ich mich lebhaft an meine allerersten Versuche, mit meinem Klettersteigset Erfahrungen zu sammeln. Die alten Fensterrahmen meines Arbeitszimmers gehörten dringend gestrichen. Es sind große Fenster, wir wohnen im 4. Obergeschoss, und sie gehörten auch außen gestrichen. Also schlüpfte ich in den Gurt und befestigte die Karabiner an der Wandverankerung der Heizung. Nun stellte ich mich auf die Außenfensterbank und konnte in aller Seelenruhe, zwölf Meter über dem Garten, den Pinsel schwingen. Sehr zum Vergnügen der Nachbarn, die alsbald an ihren Fenstern hingen.
Den beiden Offenburgern am Karhorn begegnete ich nicht mehr, aber bald machte ich Bekanntschaft mit zwei anderen Klettersteigfreunden, die den Normalweg hinabstiegen und mir entgegen kamen. Oder soll ich sagen entgegen torkelten? Die Karabiner klirrten, ihr Gesicht war Angst verzerrt, und sie traten jeden erdenklichen Stein los, einer traf mich an der Schulter. Es war wohl ihr erster Berg oder zumindest ihr erster Klettersteig, mit dem ungesicherten Normalweg kamen sie offenbar nicht zurecht.
Einer unserer ersten Klettersteige war etwas heftiger als der Karhorn-Spaziergang meiner Sonntagsausflügler. Es war der Mojstrovka-Nordwand-Klettersteig, ein mittelschwerer Klettersteig (Mehr Infos hier klicken), dessen oberer Teil allerdings nicht gesichert war. Vielleicht wäre die Tour vergnüglicher gewesen, hätte es mehr als zehn Grad gehabt und hätte nicht ein grausiger Sturm aus Nordosten getobt. Und wäre Anja nicht plötzlich verschwunden gewesen. Eine gute Viertelstunde machte ich mir Sorgen um die Gattin, ich stieg sogar einige Meter zurück, als sie frierend und missmutig auftauchte. Was war passiert? Sie hatte pinkeln und sich - sie ist ja kein Mann - an einem sicheren Platz aus der Montur schälen müssen, ihre Rufe, ich solle warten, waren im Sturm unter gegangen.
Am Gipfel des Karhorns angekommen, tranken die Klettersteig-Freunde ihr Gipfelschnäpschen und prahlten mit ihren Klettersteig-Erlebnissen der letzten Jahrzehnte. Ein Alpinist gab an, auf jedem Gipfel der Allgäuer Alpen gestanden zu sein, ein anderer erklärte einem Kollegen ebenso stolz wie selbstbewusst, dafür aber grottenfalsch, die umliegenden Gipfel. Und als ich meine Brotzeit auspackte, packte sich ein älterer Herr ebenfalls aus. Jedenfalls entledigte er sich seines stinkenden Hemdes und seiner Jacke und platzierte beide gefühlte zehn Zentimeter neben mir. Das war fast so widerlich wie die Hunde jenes Paares auf dem Gaißhorn, die gleich an meinem Kaminwurzen schnupperten, davon nach einer Ermahnung durch Frauchen abließen, sich dafür aber neben mir niederließen. Ich packte zusammen mit der Bemerkung, dass die possierlichen Tierchen dringend in die Badewanne gehörten und speiste zehn Meter unterhalb des Gipfels weiter.
Nein, lustige Geschichten erlebte ich leider mit den Klettersteig-Spezialisten nicht, zumal ich das Gefühl nicht los wurde, dass mich die Jungs dort oben müde belächelten. Ich bin ja nur ein dämlicher, unsportlicher Normalwanderer, der Schiss hat vor einem ordentlich verdrahteten Steig. Wie pflegte meine Großmutter - Gott hab sie selig - immer zu sagen: "Riech Du erstmal dorthin, wo ich schon hingemacht habe."

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