Dienstag, 8. November 2011

Latsch-Viertausender













(aus: Badisches Tagblatt, 24. September 2011, alle Rechte bei Matthias Kehle, Foto: Gipfel des Allalinhorns)

Echte Bergsteiger rümpfen die Nase: „Altweiberviertausender“ seien Berge wie das Allalinhorn (4027 m) oder das Breithorn (4165 m), beide in den Walliser Alpen. Tatsächlich gibt es eine Handvoll Berge jenseits der magischen Marke 4000, die jedem gesunden, einigermaßen trainierten und akklimatisierten Wanderer zugänglich sind. Mit Einschränkungen versteht sich, denn ohne Bergführer geht nichts, zu groß sind die Gefahren durch Gletscherspalten oder bei einem Schlechtwettereinbruch. Es sind Seilbahnen, welche die einfache Ersteigung der genannten Berge möglich machen: Von Saas Fee führt die „Metro Alpin“ auf 3500 Meter Höhe, von Zermatt schwebt man bequem auf das Kleine Matterhorn (3883 m), von wo aus sich das Allalin- bzw. das Breithorn in einem Spaziergang mit Steigeisen am Seil des Bergführers besteigen lassen - selbst an der Hornisgrinde im Nordschwarzwald gibt es steilere Passagen. Wer einen „Latschviertausender“ besteigen will, sollte sich in den Tagen zuvor auf einem Wanderdreitausender akklimatisiert haben, sei am überlaufenen und einfachen Oberrothorn bei Zermatt oder dem anspruchsvollen Mittaghorn bei Saas Fee. 200 Franken pro Person kostet ein Bergführer mindestens, will man auf das Allalinhorn steigen. Es ist wie das Breithorn eine Halbtagestour, Angebote gibt es im Internet oder vor Ort reichlich.
Etwas mehr Höhenmeter überwinden und mehr Franken auf den Tisch blättern muss der ambitionierte Wanderer, will er auf die Weissmies (4017 m), einen formschönen, vergletscherten Gipfel östlich von Saas Fee. Die Seilbahn führt nach Hohsaas, 3100 Meter hoch gelegen, der Anstieg beträgt also knapp tausend Höhenmeter. An schönen Tagen pilgern hunderte von Bergsteigern auf die genannten Gipfel, und wer zu spät losmarschiert, muss sich ab Mittag durch aufgeweichten Firn quälen – es ist also ratsam, die erste Seilbahn zu nehmen.
Die Bahn aufs Jungfraujoch und die auf 3650 Metern Höhe gelegene Mönchsjochhütte verkürzen auch den Anstieg auf manchen Berner Viertausender beträchtlich, allerdings sind von diesen nur wenige Normalsterblichen zugänglich. Nach einer Übernachtung auf der höchsten erwanderbaren Hütte Europas – eine Stunde ab Jungfraujoch – bricht man mit Bergführer in der Morgendämmerung zum Mönch (4107 Meter) auf, allerdings muss man hier leichte Felsklettereien und einen schmalen Gipfelgrat überwinden, was auch für die beiden Fiescherhörner (4049 und 4025 m) gilt. Besonderer Reiz bei den Fiescherhörnern: Man marschiert über das Ewigschneefeld, der größten zusammenhängende Firnfläche Mitteleuropas.
Strammere Waden benötigt man für das Bishorn (4153 m), dem kleinen Nachbarn des Walliser Weißhorns. Sage und schreibe 2500 Höhenmeter hat man hier zu bewältigen, beim Aufstieg hilft keine Seilbahn, als Gipfelstürmer kann und muss man deshalb in der 3248 m hoch gelegenen Tracuithütte übernachten. Ähnlich viel Kondition verlangt auch der Gran Paradiso (4061 m) in Norditalien.
Wer diese Viertausender und noch eine Handvoll mehr erklommen hat, die als „leicht“ gelten und obendrein einige anspruchsvolle Wanderdreitausender wie den Piz Julier (3380 m) in seinem Tourenbuch stehen hat, darf sich dann mit Bergführer auf jene Gipfel wagen, vor denen auch „echte“ Bergsteiger Respekt haben und die dennoch als „wenig schwierig“ gelten. Darunter sind so bekannte Namen wie die Jungfrau oder Castor und Pollux, und selbst der Montblanc ist nicht nur Hardcore-Bergsteigern vorbehalten. Diese tummeln sich lieber am Teufelsgrat im Montblanc-Gebiet oder versuchen sich an den Lauteraarhorn-Türmen im Berner Oberland. Für die größeren Viertausender muss man übrigens ein wenig mehr Kleingeld für den Bergführer bereit halten: Das Matterhorn ist ab 1369 Franken pro Person zu haben, Normalsterbliche sollten vom „Berg der Berge“ aber Hände und Füße lassen!
Falls übrigens die Gemeinde Zermatt die Vision des Künstlers Heinz Julen verwirklichen sollte, gibt es bald ein Viertausender-Erlebnis der besonderen Art: Auf dem 3883 m hohen Kleinen Matterhorn soll nämlich eine 120 Meter hohe Pyramide samt Hotel an der Spitze errichtet werden, in deren Zimmern man gefahrlos in einem Luftdruck übernachten kann, der dem in 2200 Metern Höhe entspricht. Nach Bekanntwerden der Pläne brach allerdings eine ungeahnte Protestwelle über die Gemeinde herein. Matthias Kehle

Info:
Richard Goedecke: 4000er. Die Normalrouten auf alle Viertausender der Alpen. Bruckmann Tourenführer, ISBN 3-7654-3997-5, 19,95 Euro

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