Sonntag, 6. November 2011

Wandertagebuch - Bunderspitz (2546 m)















Foto: Links Winter, rechts Herbst. Blick von der Bunderchrinde auf Albristhorn und Gsür. Im Tal Adelboden. (c) Matthias Kehle



Es scheint so, als würde das Jahr 2011 alle Wetterrekorde brechen und sogar wärmer werden als 2003, jedenfalls, was die Wetterdaten hier in Karlsruhe betrifft. In Saas Fee sagte unser Bergführer an einem der wenigen schönen Tage im Juli, dass es im Winter 2010/2011 auf dem Feegletscher zwölf Meter Schnee weniger hingelegt habe als sonst. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es nun, Anfang November, möglich ist, Wanderungen auf Südwestseiten bis an die 3000 Meter Höhe zu unternehmen. Am 31. Oktober machten wir unsere vorletzte Alpenwanderung in diesem Jahr. Die Tage sind kurz, die Schatten lang, trotz strahlender Sonne ist es in dunklen Hochtälern frisch. Es sollte die Bunderspitz (2546 m) bei Adelboden sein, ein wenig bekannter Berg nördlich der Lohnergruppe. Wäre er gangbar, könnte man den Grat von der Bunderspitz bis zu First, Stand und Elsighorn marschieren. Bunderspitz hin und zurück, das ist eine Fünfstundentour vom Parkplatz Bonderle aus, hinter dem gleichnamigen Ortsteil, den man erreicht, wenn man am ersten Kreisel in Adelboden nach links abbiegt. Der felsdurchsetzte Grasgipfel leuchtete in der Morgensonne, die Lohnergruppe klirrend kalt im Schatten vor uns. Sonnenaufgang war gegen halb zwölf etwas oberhalb der Bunderalp - binnen zehn Sekunden wurde es so warm, dass wir uns mehrerer Lagen entledigten und kurzärmlig dem Gipfel zusteuerten. Übrigens mag zwar das Matterhorn den beiden Toblerone-Erfindern als Vorbild gedient haben, doch bekanntermaßen werden die Schokodreiecke "in Reihe" verkauft. Die beiden Chocolatiers Theodor Tobler und Emil Baumann waren wohl im Jahr 1907 oder 1908 in der Adelbodener Gegend wandern, denn nur hier gibt es echte Toblerone-Felsformationen in den Bergen. Am schönsten sieht man sie, wenn man in Richtung Gsür wandert oder aber Richtung Bunderspitz bzw. Bunderchrinde (einem Passübergang nach Kandersteg). Hier am Nünihorn sind die Felsdreiecke perfekt aneinandergereiht, und am frühen Morgen an einem Spätherbsttag mit entsprechender Sonnenbrille wirken die Felsen schokoladenbraun. Erst recht, wenn sie am Spätnachmittag in der untergehenden Sonne leuchten. Unsere Schokolade (Milka Noisette) futterten Anja und ich, bevor wir um halb zwölf in die wärmende Sonne kamen, an der verlassenen Hütte der Vorderen Bunderalp. Natürlich liegt diese Alp um diese Jahreszeit den ganzen lieben langen Tag im Schatten des Lohners, und es war bitterkalt, eine undichte Wasserleitung hatte schon für riesige Eisplatten gesorgt. Fünf Minuten später und 50 Höhenmeter höher hätten wir nicht mehr jämmerlich gefroren.
Kaum in der Sonne, stellte Anja fest, dass bei der Sendung über Tirol, die sie am Abend zuvor gesehen hatte, ihr jener Landstrich gründlich vergällt wurde. Die Zillertaler Musik sei etwas zu fröhlich, zu aufgesetzt, sie habe gar nichts Heiteres. Beim Aufstieg auf die Bunderchrinde lästerte sie über die Österreicher, die Tiroler. Die Häuser und Dörfer seien überkandidelt, hier eine Lüftlmalerei, dort ein Herrgöttle. Die Diskutanten in der Sendung bei Markus Brock unterschieden gar zwischen Tirolern und Menschen, sprich: "Es gibt Tiroler und Menschen." Das klingt wie: "Es gibt Tiere und Menschen", meint aber wohl etwas anderes, nämlich das Gegenteil. Und stolz waren die Tiroler auf ihre Kitzbüheler Promi-Gäste! Kitzbühel sei ja der mondäne Ort schlechthin! Und wen fuhren sie in der Fernsehsendung auf? Thomas Gottschalk, Arnold Schwarzenegger und Uschi Glas. Wir als bekennende Helveticophile amüsierten uns prächtig. Als wir einmal an einem Ostermontag in Montreux am Genfer See flanieren waren, liefen uns Film- und Rockstars gleich reihenweise über den Weg. Die berühmtesten Tiroler sind hingegen Toni Sailer und der Andreas-Hofer-Hut. Gut. Wir stiegen also auf einen Schweizer Berg und lästerten über Tiroler.
Einer der Reize beim Anstieg auf die Bunderspitz ist die Tatsache, dass nach und nach die großen Berner Gipfel auftauchen - ein erhebendes Gefühl, zumal es an diesem Mittag glasklar war. Tief unten ruhte der Oeschinensee buchstäblich, im unbewegten Wasser spiegelten sich die Felswände der Blümlisalp. Ich hatte die Befürchtung, dass der zerfurchte Klotz des Chly Lohners uns die Sicht auf das Balmhorn verdecken könnte, aber der 3699 Meter hohe Doppelgipfel Balmhorn-Altels ragte bald darüber. Ein einsamer Wanderer stieg ab, als wir den Gipfel betraten. Erst einmal genossen die Rundsicht und die Tiefblicke ins Gasteretal, ein dunkles Loch mit einem See, der vor zwei Wochen beim letzten Hochwasser entstanden war. Bietschhorn, Hockenhorn und Aletschhorn lugten durch die Lücken der vorderen Bergreihe, wir hatten schöne Blicke auf Adelboden, das immer noch hübsch anzuschauen ist (im Gegensatz etwa zum Tiroler Obergurgl lästerte Anja weiter), nur ein protziger Neubau trübt den idyllischen Eindruck von oben. Hier in Adelboden machen diejenigen Ferien, die dafür bezahlen, dass man ihnen ein ursprüngliches, nicht verschandeltes Dorf bietet, lästerten wir weiter, wer sich das nicht leisten kann, geht nach Tirol. Als Postscriptum zur Lästerei ist anzumerken, dass wir selbst gerne in Tirol Urlaub machen. Zum Beispiel im Ötztal. Vent lieben wir heiß und innig, aber dazu ein anderes Mal. Dann lästere ich über die Schweizer. Am Gipfel gab es eine einsame Brotzeit im Windschatten des Gipfelsteinmanns mit dem leckersten Brot der Welt, dem Schweizer Ruchbrot. Bei knapp über null Grad konnten wir sogar eine kleine Siesta in der Sonne halten. So lange sie vom wolkenlosen Himmel knallt, ist es auch Ende Oktober noch kuschelig warm. Sobald jedoch eine dünne Schleierwolke vorüberzieht, wirds knackig frisch. So richtig eindösen konnten wir auch deshalb nicht, weil in der Ferne immer wieder Militärflugzeuge dröhnten. Sie flogen wohl durchs Haslital. Dort kann man werktags vor lauter Lärm oft überhaupt nicht wandern, einmal beschwerten wir uns sogar entnervt im Touristenbüro. Wofür brauchen die Schweizer noch ihr Militär? Die armen europäischen Nachbarn werden wohl kaum in der Alpenrepublik einfallen, sonst werden sie mit ein paar Milliarden Fränkli aufgekauft und in Kantone umgewandelt. In der Schweiz geht immer noch nur eines über den Tourismus, nämlich das Militär. Wie sagte unser alter, vor vier Wochen verstorbener, Schweizer Freund Ernst einmal so schön: "Wir hätten den Adolf nicht mit Mistgabeln empfangen" und zeigte uns stolz seinen Waffenschrank, obwohl er ein höchst friedliebender, wenn auch stockkonservativer Mensch war, der mit seiner Frau übrigens mein Berg- und Schweizbild von Kindheit an geprägt hat, als meine Eltern mit uns Kindern in dem mustergültigen Berner Oberländer Dorf Gsteigwiler regelmäßig Ferien machten.
Wegen dieser banalen Zirruswolke, die uns alsbald schlottern ließ, brachen wir unsere Siesta ab und verabschiedeten uns von dem Prachtpanorama inclusive kompletter Niesenkette mit seinen drolligen Bergnamen wie Drümännler, Mäggisserhore, Tschiparellehore oder Drunengalm. Beim Abstieg wählten wir eine Variante und querten durch die riesigen Schuttfelder des Chly Lohners zur Bunderchrinde, dem erwähnten Passübergang nach Kandersteg. Etwa abenteuerlich erschien uns das schon, hatten wir doch schon beim Aufstieg die verschneite, schattige Zickzackspur gesehen und hofften, dass darunter kein Blankeis war. Es ging zuletzt an der Felswand des Chly Lohners entlang mit seinen eigenwilligen, spitzkantigen Verwitterungsformen, für Kletterer wahrscheinlich höchst unangenehm.
Ende Oktober, Anfang November herrscht in den Alpen Ruhe. Man hört lange Zeit nichts, absolut gar nichts außer die Geräusche, die man selbst verursacht. Bleibt man einmal für einige Sekunden stehen, ist es nur das Rauschen im eigenen Schädel, das man vernimmt, sonst nichts. Keine Kühe, keine Kuhglocken, keine Arbeitsgeräusche auf Almen, kein ferner Motor- oder Motorradlärm, keine jodelnden Sommerfrischler. Nichts. So flanierten wir in dieser Seelenruhe dahin, bis uns eine gewaltige Detonation fast zu Tode erschrecken ließ. Der Einsturz des World-Trade-Centers war dagegen ein kleines Fürzchen, denn der Knall wurde von sämtlichen Bergwänden reflektiert und verstärkt. Nur kurz überlegten wir, was das wohl war, binnen weniger Sekunden war klar: Nein, das war kein Bergsturz, das war wieder mal ein gemeiner Militärjet, der die Schallmauer durchbrochen hatte. iIr fragten uns, wann wir zum letzen Mal in Deutschland einen Überschallknall gehört hatten - es musste wohl in unserer Kindheit gewesen sein.
Der Ausblick von der Bunderchrinde ins Gasteretal: Noch tiefer, noch schwärzer. Und der Abstieg auf dem Zickzackweg war hamlos. Dort in den Kessel, der zur Oberen Alp führt, war seit den letzten Schneefällen wohl kein Sonnenstrahl eingedrungen, kein Blankeis versteckte sich unter dem Schnee, der Abstieg war das reinste Vergnügen. Kurz vor der vorderen Bunderalp, als wir wieder in der wärmenden Sonne auf einem Güterweg marschierten, stellte ich einen "Antrag ans Universum", was ich bei Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" gelernt habe. Eine seiner Mitwanderinnen stellte eben jene Anträge (sie benötigte beispielsweise eine Isomatte) und bekam diese aus unerfindlichen Gründen erfüllt, so wie Kinder vom Christkind ihre Weihnachtswünsche erfüllt bekommen. Mein Antrag lautete: "Liebes Universum, bitte schicke uns bis zum Abzweig des Wanderweges in den kalten Wald ein Auto vorbei, das uns bis zum Parkplatz mitnimmt." Wir standen exakt am Abzweig des Wanderweges vom Fahrweg, als uns drei ältere Schweizer einluden, die ihre Hütte winterfest gemacht hatten. Mit den Anträgen ans Universum sollte man übrigens keinen Missbrauch treiben und etwa unsinnige Anträge stellen. Wobei das Universum durchaus Humor hat. Mit leerem Magen stellte ich beim Aufstieg auf die Bunderspitz delirierend und nach einer kurzen Diskussion mit Anja über den Euro und den teuren Schweizer Franken den Antrag, ich möge auf dem Gipfel doch eine Goldmünze finden, ein Vreneli vielleicht, besser natürlich einen Goldbarren. Das Universum belohnte mich mit einer circa ein Kilogramm schweren Eisenstange. Ich erinnere mich, dass Anja auf einer anderen Wanderung einmal den Antrag auf einen 100-Franken-Schein stellte, worauf sie am Gipfel immerhin ein 5-Franken-Stück fand. Ungelogen!

1 Kommentar:

  1. Hallo,
    ich bin selber leidenschaftlicher Wanderfan und mir gefallen Ihre Wandertagebücher sehr gut!
    Mich würde inertessieren welche Wanderführer Sie dabei verwenden!? Haben Sie Vorlieben bei der Wahl oder wonach entscheiden sie? Wenn ich Ihnen eine Empfehlung aussprechen darf: ich persönlich halte die Wanderkarten von http://www.publicpress.de/ für gute Wanderkarten. Vor allem schätze ich die große Auswahl und die verlässlichkeit, die ich bei manch anderen Anbietern leider bemängeln muss...
    Über eine Antwort würde ich mich freuen!

    lg Anna

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