Montag, 14. November 2011

Wandertagebuch - Hornisgrinde




Foto: Gute Frage - was macht das Paar hinter dem roten Schirm?





Sie ist mein Hausberg, vierzig Kilometer Luftlinie von meinem Schreibtisch entfernt. In den letzten Wochen konnte ich die Hornisgrinde von hier aus nicht sehen, denn es herrscht Inversionswetterlage. Der Rheingraben liegt im Nebel, der Dreck steht in der Karlsruher Luft, es stinkt und ist bedrückend grau. Die Webcams letzte Woche zeigten Sonne oberhalb von 800 Meter, und zwar sowohl die Kamera auf dem Schliffkopf als auch die am Mummelsee-Hotel. Mittlerweise steht die Sonne so tief, dass man, will man Sonne und Licht tanken, im Nordschwarzwald nicht viele Wandermöglichkeiten hat. Entweder man wählt die Strecke Dobel-Hohloh oder die Wanderwege auf den Kämmen der Tausender. Sonntags ist dort alle Welt unterwegs, angesichts des langen Herbstes bleibt man auch jetzt noch nicht vor den Motorradverbrechern verschont.

Ich fuhr also am Freitag, den 11.11.11 mit der Bahn nach Baden-Baden und dem Bus zum Mummelsee. In Hundseck: Nebel, in Sand: Nebel. Zwischen Untersmatt und dem Mummelsee riss der Nebel endlich auf, ein Blick aus dem beschlagenen Busfenster über das endlose Nebelmeer. Am Mummelsee: Nebel. "Das wird knapp", dachte ich, etwa 140 Höhenmeter sind es von hier auf die Hornisgrinde. Zum 42. Mal wollte ich auf den höchsten Berg des Nordschwarzwalds steigen, bloß schnell hoch in die Sonne, dachte ich. Ein paarmal schon hatte ich es erlebt, dass die Nebelobergrenze zwischen dem Mummelsee und der Hornisgrinde lag. Kurz überlegte ich, ob ich Fahrstraße nehme oder den normalerweise viel begangenen Weg am Katzenkopf vorbei zum Gipfel. Ich wählte die Fahrstraße. Alle zehn Höhenmeter ist dort eine Linie eingezeichnet: 1040 m, 1050 m bis 1160 Meter. Der Nebel riss nicht auf, die Sonne schien milchig, ein kalter Ostwind blies. Ich war froh, keinen Weg durch den Wald gewählt zu haben, denn von den Bäumen splitterte Eis und es tropfte. Der nachts angefrorene Nebel taute jetzt knapp über Null Grad auf. Naja, vielleicht kommt die Sonne noch heraus, hoffte ich, es ist früh am Morgen.
Die Hornisgrinde nenne ich gerne einen "geschundenen Berg". Heute wird die eindrückliche Grindenlandschaft von tausenden und abertausenden Touristen heimgesucht, die sich im schlimmsten Falle mit Krücken über die Fahrstraße vom Tollhaus Mummelsee heraufquälen. An den Rändern der Wege gedeihen Apfelbäumchen, Gräser und Blumen, die sonst nur im Tal wachsen, einige Schwachmatiker marschieren durch das Hochmoor-Gelände, um sich von ihrer Stöckelschuhgattin fotografieren zu lassen. Nein, es ist die militärische Vergangenheit mit den zahllosen verfallenden Bunkeranlagen und Bauruinen, die seit zwanzig Jahren zerbröseln und die Landschaft verschandeln. Die Gemeinde Seebach schaffte es zwar mit Hilfe von Spendengeldern den Hornisgrindeturm des Schwarzwaldvereins zu restaurieren und mit einer verglasten Aussichtskanzel zu versehen, aber nicht die Altlasten der französischen Armee zu beseitigen. Vor einigen Jahren stand ich während der kürzesten Tage des Jahres auf dem "kleinen Turm", dem Bismarck-Turm, der große Hornisgrindeturm war geschlossen. Ich blickte mutterseelenallein kurz vor Sonnenaufgang zu den Alpen, als der "Hornisgrinde-Schäfer" mit seinem Jeep angefahren kam und sich mit dem Fernglas zu mir gesellte. Der knarzige Schäfer duzt jeden, wir fachsimpelten, welche Gipfel wir in bis zu 234 km Entfernung wir sahen und er verriet mir, dass in den Bunkeranlagen wohl noch reichlich undichte Öltanks lagern, eine Sauerei ohnegleichen. Ich hatte Glück, der Schäfer nahm mich mit seinem Jeep mit zum Mummelsee, es war bitter kalt geworden nach Sonnenuntergang.
Am 11.11.11 rannte ich auf dem Gipfelplateau dreimal im Kreis. Richtung Norden wurde der Nebel dichter, am südlichen Ende schien eine milchige Sonne. Ich überlegte, ob ich einfach wieder nach Hause fahren sollte, aber siehe da: Der Aussichtsturm wurde geöffnet. Also trank ich erst einmal einen heißen Kaffee. Die junge Dame meinte, die letzten Tage sei die Alpensicht erstklassig gewesen und es habe bis zu 16 Grad gehabt. Sie habe Hoffnung auf Sonne! Ich drehte eine vierte Runde auf dem Gipfelplateau: Nichts als Nebelschwaden! Also stieg ich auf den Turm. Vielleicht, so dachte ich, würde die Sonne dreißig Meter über dem Gipfelplateau eher scheinen. Auf dem Turm war ich logischerweise allein, die Sonne schien etwas weniger milchig durch den Nebel, Richtung Westen zeigte sich gar blauer Himmel. Wenn der Wind von Osten kommt, reißt vielleicht der Nebel auf der Westseite auf, vermutete ich und hielt Brotzeit im beheizten Glasdach des Turms.
Für Wanderer und Naturfreunde ist die Hornisgrinde nur in den Monaten November bis Januar/ Februar zu empfehlen und das auch nur an schönen Wochentagen. Ansonsten ist der Gipfel eine Plage, genauer: Von Plagegeistern überlaufen. Vorgestern, am Sonntag, waren Anja und ich bei klarem Wetter und besten Sichtverhältnissen wieder rund um die Hornisgrinde wandern (es gibt dort immer noch einsame und wunderschöne Pfade, die ich aber nicht verrate!), tausende suchten und fanden die Sonne. Besonders schön ist es am Nachmittag, kurz vor Sonnuntergang, wenn die letzten Touristen verschwinden, denn dann treten die Alpen deutlich hervor, am Sonntag beobachteten wir über eine Stunde lang die schönsten Luftspiegelungen mit dem Fernglas. Von der Schönheit des orange-roten Nebelmeeres und den herausragenden Schwarzwaldkuppen ganz zu schweigen. Der Winter ist unsere Hornisgrindejahreszeit!
Ich beendete meine Brotzeit und stieg den Pfad an der Westseite der Hornisgrinde ab. Plötzlich blauer Himmel, strahlende Sonne und Wärme! Auf dem Katzenkopf, einer südlich vorgelagerten Schulter mit herrlichem Blockfeld legte ich mich für zwanzig Miunten auf einen flachen Felsen und genoss das Licht. Hinter mir, unter mir, über mir der Nebel, kalte Schwaden. Nach zwanzig Minuten war wieder alles dicht. Also zurück auf das Gipfelplateau, dachte ich, vielleicht ist es 60 Meter über mir jetzt endlich besser. Auf dem Turm genoss ich noch einige Minuten Sonne, dann verschwand sie endgültig im Nebel.

Berner Alpen von der Hornisgrinde
Fata Morgana vom Hohloh

Foto (c) Matthias Kehle

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