Montag, 12. Dezember 2011

Weihnachtswandern

Eigentlich wollte ich in der Karlsruher Nordstadt nur eine Kleinigkeit erledigen. Ein Paar meiner Straßenschuhe war nach dem morgendlichen Dauerregen durchweicht, das andere war beim Schuhmacher - mehr als zwei Paar Halbschuhe braucht ein Mann ohnehin nicht. Nach meinem Schriftsteller-Mittagsschläfchen war die Bewölkung etwas aufgelockert, also zog ich die Wanderstiefel an und marschierte los. Zugegeben, es war grau und finster, in den Kleingärten, die ich abseits der Hauptstraßen passierte, lag nur brauner Blättermatsch. In den Vorgärten blinkten dafür Rentiere und Nikoläuse, Gevatter Weihnachtsmann seilte sich aus manchem Fenster ab, was bei mir Neid hervorrief, denn Bergsteigen ist im Moment ja wirklich nicht drin. Hier funkelten LED-Sterne, was mich sogleich an Loriots grandioses Weihnachtsgedicht erinnerte, dort buk eine junge Mutter hinter hell erleuchteten Küchenfenstern Weihnachtsgebäck. Überhaupt kann man beim winterlichen Stadtwandern wunderbar in die Wohnungen anderer Menschen sehen und - so man will - Milieustudien oder anderes betreiben. Wenn man schon die sommerlichen Anblicke hübscher und leicht bekleideter Frauen entbehren muss, dann regen des Winterstadtwanderers Phantasie wenigstens verschwommene Silhoutten hinter Badezimmerfenstern aus Milchglas an. Meine Erledigung vollbrachte ich also im Norden der Nordstadt. Wir wohnen südlicher als die Südstadt, also war ich ein erkleckliches Stück marschiert. Die Sonne war am Untergehen, ich überquerte den Alten Flugplatz, ein geschütztes Stück Brachland am Stadtrand. Mich überraschten mümmelnde Karnickel und ein Schauerchen, das allerdings einen Kawenzmann von Drei- oder Fünffachregenbogen hervorbrachte - die Sonne stand sehr tief. Beflügelt von meinen Milchglasphantasien kam ich an der Kunstakademie vorbei - hinter hell erleuchteten Lehrsälen vermutete ich im 3. OG nackte Modelle. Und schließlich kam ich rechtschaffen hungrig zum Karlsruher Weihnachtsmarkt. Eine Bratwurscht hatte ich mir redlich verdient nach dieser Weihnachtswanderung, so dachte ich gierig. In der Schlange vor mir bestellte ein Geschäftsmann eine Wurscht, und kaum hielt ich kurz darauf meine Wurscht in der Hand, hatte er seine verschlungen und eilte zum Glühweinstand. Gegenüber parlierten zwei Kunststudentinnen bei Glühwein. Sie hatten offenbar besseres zu tun als sich im 3. OG der Kunstakademie zu üben. Hübsch waren sie, die Wangen leicht errötet ob des Weines. Nein, ich würde nun keinen Glühwein trinken und mich zu ihnen gesellen. Nach dem rechtschaffenen Hunger hatte sich eine ebenso rechtschaffene Müdigkeit eingestellt, da hätte Alkohol verheerende Folgen und ich täte mich blamieren. Zumal mit meinen Wanderstiefeln. Ich aß also in aller Seelenruhe meine Bratwurscht und freute mich auf Weihnachten.

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