Freitag, 17. Februar 2012

Mit Wind und Kegel - Sturmwandern auf Lanzarote














Lausig kalt war der Februar 2011, die Reiseindustrie vermeldete jedoch keine vermehrten Buchungen in den Süden. Kein Wunder, wer kann es sich schon erlauben, einfach abzuhauen, wenn das Russlandhoch zuschlägt, die „Russenpeitsche“, wie es in den Internetforen der Wetterfreaks genannt wurde. Wir erlaubten es uns. Meine Frau schrieb samstags eine SMS an ihre Chefin, sie brauche dringend eine Woche frei, und ich bin sowieso mein eigener Chef. Dumm nur, dass sich das Russlandhoch mit dem Azorenhoch verband und auf Lanzarote Tiefdruck herrschte. Mit dem Ergebnis, dass die Einheimischen mit Stiefeln, Schal und Mütze hinter Norwegern und Schotten in Shorts und Badelatschen bei 18 Grad plus und leicht bewölktem Himmel durch die Straßen von Puerto del Carmen her schlotterten.
Lanzarote ist ein Wanderparadies. Nicht unbedingt für Alpinwanderer, aber für Normalos. 35 Touren verzeichnet der Rother-Wanderführer mit sehr exakten Routenbeschreibungen, teils Strand- und Klippenwanderungen, teils Wanderungen rund um oder auf einige der etwa 300 Vulkankegel. Sechs Tage hatten wir Zeit, 13 Touren „arbeiteten wir ab“ - kein Kunststück, nur ein kleiner Teil der Touren dauert länger als drei Stunden. Morgens auf einen Kegel, nachmittags an den Strand oder umgekehrt.
An den 26. Dezember 1999 erinnere ich mich lebhaft. Ich saß am Schreibtisch, die Dreißigmeter-Fichte im Garten schwankte bedenklich, von den Nachbarhäusern stürzten Ziegel und Kamine, „Lothar“ rasierte die Schwarzwaldhügel. Dass ich selbst einmal bei Sturmstärke wandern würde, wäre mir nie in den Sinn gekommen – kein Problem auf Lanzarote, wenn der Nordostpassat richtig tobt. Aber das ist immer noch angenehmer als bei minus zehn bis fünfzehn Grad in Karlsruhe beim mäßigem Nordostwind der Russenpeitsche einkaufen gehen zu müssen.
„Sturmwandern“, so vermutete ich, ist keine eigene Unterkategorie von des Deutschen beliebtestem Freizeitsport, doch ein wenig googeln half mir auf die Sprünge. Einige Berichterstatter im Netz beklagen unfreiwillige Sturmwanderungen, etwa bei „unwürdigem Wetter“ in Spanien, doch auf der Insel Rügen werden von den örtlichen Veranstaltern „Sturmwanderungen“ angeboten, Treffpunkt Kap Arkona, Schinkelturm. Die Seite „www.kreidefelsen.de“ berichtet jedoch von einer „Sturmwanderung ohne Sturm“ Ende des Jahres 2007, so genau lassen sich Stürme eben nicht terminieren: Eine „traditionelle Sturmwanderung“ findet jedenfalls immer an Silvester statt.
Die Kanaren, insbesondere Lanzarote, gelten als sicher, was Sonne betrifft. Am ersten Tag wanderten wir bei zunächst erträglichem Wind durch schier endlose Weinbaugebiete. Inmitten der schwarzen Lavalandschaft sind unzählige u-förmige Mäuerchen aufgeschichtet, welche die noch kahlen Weinstöcke vor dem Wind schützen, offen nach Südwest. 603 Meter hoch ist die Montana die Guardilama und damit einer der höchsten und zugleich spitzesten Vulkankegel der Insel. Der Wind erwies sich als vorzügliche Aufstiegshilfe – er blies uns regelrecht nach oben. Der Rundblick auf die eigenwilligen, in allen Brauntönen leuchtenden Vulkane, ist grandios. Die Caldera Colorada leuchtet gar tiefrot. Ein kleiner Junge, der mit Papi und Brüderchen gerade den Gipfel verließ, hatte am höchsten Punkt eine Marzipankarotte hinterlassen, wir hielten auf der Südwestseite in einer windstillen Kuhle Brotzeit und Siesta.
Dass man sich als erfahrener Alpinwanderer im Laufe der Jahre verschiedene Techniken aneignet, um sich den Abstieg zu erleichtern, ist klar. Blockhüpfen, Abfahren in Schutt und Asche, Hinab-Joggen mit Teleskopstöcken. Auf Lanzarote erprobten wir eine neue Technik. Beim Abstieg fing uns nämlich der Sturm auf. Mit ausgebreiteten Armen hüpften wir die Montana hinab, der Sturm hielt dagegen. Wären wir bei Windstille auf diese Weise den Berg hinabgestiegen, wir wären mehrfach auf der Nase gelandet, und zwar buchstäblich, weil wir die Arme ja weit von uns streckten. Das reine Vergnügen war der Abstieg, beim Aufstieg auf den hundert Meter niedrigeren Nachbarvulkan blies der Sturm jedoch schon so heftig, dass wir kaum noch aufrecht gehen konnten. Obwohl die Wanderungen objektiv keinerlei Gefahren aufweisen, warnt der Wanderführer, man solle die eine oder andere Tour bei Sturm meiden. Wir wussten jetzt, weshalb.

Als wir in Arrecife landeten und mit dem Mietauto in die Touristenhochburg Puerto del Carmen fuhren, waren wir erst einmal entsetzt. Die Insel erschien uns wie eine riesige Abraumhalde. Auch die Vokabel „Bauerwartungsland“ fiel uns ein oder die Pyramide des Müllbergs im Industriegebiet von Karlsruhe mit seinen Windrädern. Es dauerte keine zwei Tage, bis wir die Farben Lanzarotes entdeckten, den giftgrünen See der Lagune von El Golfo, den feuerroten Vulkankegel Caldera Colorada oder die Vielfalt der Farben vulkanischer Auswürfe bis hin zum schwarzen Lavameer, das 60 Quadratkilometer der Insel bedeckt, mit seinen Blümchen und Sukkulenten. Von den Stränden ganz zu schweigen, ebenso von den Licht- und Schattenspielen auf den Vulkanen in der nachmittäglichen Sonne. Die Insel ist bunt, doch man muss lernen, die Farben zu sehen, sie ist die reinste Schule des Sehens, wird dann aber um so faszinierender. Mancher langjährige Lanzarote-Freak mag die Insel inzwischen für verbaut halten, doch nur einen einzigen Wolkenkratzer (etwa neun Stockwerke) haben wir gesehen, selbst Puerto del Carmen ist im Vergleich mit anderen Touristenkäffern Europas wahrhaft idyllisch – dank der Einflussnahme des wohl berühmtesten Inselkindes, des Architekten César Manrique. Irgendein Trottel hat den armen Manrique schließlich mit dem Auto aus dem Leben befördert. Gegen Ende des kurzen Urlaubes wurde unsere Sichtweise auf die Vulkane etwas differenzierter. Die Bergkuppe des Atalaya de Femés mit seinen Funktürmen und Antennen auf dem Gipfel, sowie seinen erstarrten und übereinander geschichteten Lavaströmen am Südhang erinnerte uns fatal an einen Dönerspieß mit seinen Fleischlappen.

Wie erwähnt, alpinistische Herausforderungen sind auf Lanzarote kaum zu finden, es sei denn, man sucht sie. Eine überschaubare Vormittagstour, so dachten wir, ist die Besteigung des den Norden der Insel dominierenden Monte Corona. Eineinhalb Stunden von der Kirche von Yé aus, den Rückweg eingeschlossen. Bis zum Vorgipfel sollte die Wanderung gehen mit schönen Blicken in den Krater und die Lava-Felslandschaft. Wir standen also auf dem windigen Vorgipfel und genossen die Sicht. Für Alpinwanderer ist ein Vorgipfel eine doch recht unbefriedigende Angelegenheit, also gedachten wir, über ein paar vermeintlich harmlose Felsen auf den Gipfel zu steigen. Allenfalls 150 Höhenmeter lagen noch vor uns. Wir sind kläglich gescheitert: So gut wie kein Regen auf Lanzarote, das bedeutet auch: Die Lava ist spitzkantig und scharf, der lockere Auswurf der Vulkane, hat die viele Passagen zu reinsten Schutthängen gemacht. Drei Schritte vor, zwei zurück, ständig brachen anscheinend feste Felsen aus, das reinste Gebrösel. Doch das hätte uns nicht sehr gejuckt, wir hätten uns durchgewurschelt. Wäre nicht der zunehmende Sturm gewesen. Nach einigen Tagen Sturm hat man nicht nur ein Geräusch im Ohr, das einen bald Tinnitus befürchten läßt, man hat auch einfach die Schnauze voll, jedenfalls Anja, die sich die Kapuze des Anoraks tief ins Gesicht gezogen hatte und keine Lust mehr hatte. Wir scheiterten also am 605 Meter hohen Monte Corona auf 570 Metern Höhe.
Natürlich kann man dem Wind bzw. dem Sturm auch entfliehen, wenn man nicht gerade auf die Kegel steigt, zumal der Wind fast ausschließlich aus Nordost kommt. Zum Beispiel an der sonnensicheren Südseite der Insel rund um die Playa Blanca. Einmal wanderten wir bei zeitweiser Windstille von Strand zu Strand, ein anderes Mal wählten wir die mit vier Stunden fast längste Tour des Wanderführers von Femés hinab, stiegen vom einen Strand auf die nächste Klippe und weiter zum nächsten Strand, zur nächsten Klippe, zum nächsten Strand undsoweiter.
Aber um noch einmal auf einen Gipfelsturm zurückzukommen: 595 Meter hoch ist der Bergriese der Montana Blanca, ein ebenfalls heftig bröselnder Berg: Ein Tritt mit dem Wanderstiefel an die Seitenwand des Wanderweges und ganze Felsbrocken fallen herunter, Heerscharen von Liebespaaren haben dort mit den Fingern ihre Initialen in den „Fels“ gestreichelt. Auf dem Gipfelgrat tobte der Sturm so stark, dass es mir die Sonnenbrille von Ohren und Nase wehte, der Wind schleuderte uns zu Boden, und nur mit Mühe und Not schafften wir es in eine Art Schützengraben, die dort oben irgendjemand wohl sturmgeplagt gebuddelt hat. Gerade noch mit dem Kopf schauten wir heraus, genossen das Panorama entlang der Küsten und in die Vulkankegellandschaft und waren froh um die Paar Gramm Weihnachtsspeck, die wir noch auf den Rippen hatten: Wer unter 50 Kilo wiegt, sollte auf Lanzarote nicht wandern gehen, der Sturm ist einfach zu heftig.

(c) Foto und Text: Matthias Kehle

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen