Sonntag, 10. Juni 2012

100 Jahre Graf-Rhena-Weg - Wandern im Albtal


Heute (in gekürzter Fassung) in "DER SONNTAG":


Die Wanderer von damals würden ihn heute nicht wieder erkennen, den Graf-Rhena-Weg. Seit genau hundert Jahren führt der nicht einmal zwanzig Kilometer lange Wanderweg von Ettlingen nach Bad Herrenalb. „Damals klagten die Wanderer, sie würden im Staub ersticken, den die vielen Autos aufwirbelten“, sagt Hans Ulrich Graf, erster Vorsitzender des Schwarzwaldvereins Karlsruhe. Von Ettlingen nach Herrenalb führte nämlich eine staubige Buckelpiste. Heute würden diese Wanderer verzweifeln. Nicht nur wegen des Auto- und Motorradlärms der Landstraße, sondern wegen der vielen Radfahrer, Jogger und Marathonläufer, die den beliebten Weg vor allem am Wochenende massenhaft bevölkern. 4200 Mark kostete der Ausbau der teilweise felsigen Strecke damals, fast wäre er gescheitert, denn die ersten Angebote lagen bei 6000 Mark. Ohne das Testament des jung verstorbenen Graf Rhena gäbe es den Weg vielleicht heute noch nicht, denn am 15.10.1908 verfügte der Adlige, der drei Wochen nach Testamentsniederschrift unter mysteriösen Umständen verstarb, dass der Karlsruher Schwarzwaldverein für den Ausbau von Wegen 5000 Mark erhalten sollte. Pünktlich zum 25jährigen Jubiläum des heutigen Traditionsvereins wurde der Weg schließlich am 9. Juni 1912 eröffnet. „Es gehen Gerüchte, der Graf habe Selbstmord begangen“, erzählt Hans Ulrich Graf. Zwei Stunden nachdem sein Kammerdiener seinen selig schlummernden Herrn in dessen Zimmer gesehen habe, lag er tot unterhalb des Fensters. Plausibler ist, dass der an Herzproblemen leidende 31-Jährige wohl an Atemnot litt, das Fenster öffnete und unfreiwillig hinab stürzte. „Selbstmord ist auszuschließen, denn der junge Herr war frisch verlobt“, so Graf. Viel bekannt über die Geschichte des Weges ist heute nicht mehr, nur noch dass ein Mitglied der bekannten Karlsruher Familie Eisenlohr an der Planung beteiligt war. Sofern man ungestört ist, vor allem früh im Jahr an Wochentagen, entfaltet der Weg seinen Reiz. Er führt vorbei an zum teil skurrilen Kleingärten, entlang der Alb, an dem junges Grün sprießt und erreicht eine beliebte Quelle in der Nähe des Campingplatzes Neurod. Hier parken täglich im Halbstundentakt Autos, deren Besitzer die Kofferräume kanisterweise mit dem Quellwasser füllen. „Von diesem Wasser ist abzuraten“, sagt Graf, „es ist mit Fäkalkeimen aus der oberhalb befindlichen Landwirtschaft belastet und hat keinesfalls Trinkwasserqualität.“ Herrlich ist im weiteren Verlauf der Anblick der Klosterruine Frauenalb, vor allem im Frühling. Kurz vor dem Ziel Bad Herrenalb überschreitet der Wanderer die badisch-württembergische Grenze, die mit einer Infotafel markiert ist. Die Kriterien eines qualitativ hochwertigen Weges inclusive Zertifikat des „Deutschen Wanderinstituts“ wird der Kultweg allerdings wohl kaum erreichen, denn es ist ein typischer breiter Güterweg, zumeist mit Schotterbelag. Ortskundige Wanderer, die sich Ruhe wünschen, weichen auf parallele Wege oberhalb des eigentlichen Graf-Rhena-Wegs aus oder suchen die Einsamkeit im abzweigenden Moosalbtal. Dass auf der anderen Seite der Landstraße ein deutlich attraktiverer Radweg von Ettlingen nach Bad Herrenalb führt, der die Herzen von Mountainbiker höher schlagen läßt, ist nach Angaben von Graf viel zu wenig bekannt. Und so ist der Weg zwar beliebt, aber ehrlich gesagt doch eher eine graue Maus. Selbst der Klimawandel vergällt im Sommer und Frühherbst so manchem Wandersmann das Naturvergnügen, ist er doch auf großen Strecken zugewuchert mit Springkraut. Matthias Kehle Friedrich Graf von Rhena wurde 1877 in Karlsruhe als Sohn von Prinz Karl, dem Bruder von Großherzog Friedrich I, geboren. Dieser war seit 1871 mit Rosalie Luise Freiin von Beust verheiratet. Da diese nicht ebenbürtig war, wurde die neue Familie von der Erbfolge ausgeschlossen. Friedrich Graf von Rhena besuchte das Karlsruher Gymnasium, wurde Leutnant des 2. Garderegiments und studierte in Heidelberg und Leipzig Jura. Als promovierter Jurist war er im diplomatischen Dienst in Berlin, Bern und Lissabon. Am 20. November 1908 starb er unter nicht näher geklärten Umständen. Sein Vater war 1906 verstorben, seine Mutter wenige Tage vor ihrem Sohn – die Familie war mit dem Tod von Friedrich Graf von Rhena ausgelöscht. maske

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