Samstag, 28. Juli 2012

Wandertagebuch Piz Minor und Piz dals Leijs

(Aufstieg auf Piz Minor. Der oberste der Laghi Forcola, im Hintergrund Piz la Stretta)


Halbzeit meiner Bergsaison. Drei Wochen war ich mit Anja in der Schweiz. Eine Woche Täsch, eine Woche Engadin, eine Woche Berner Oberland. Und am Ende saßen wir mit einer Flasche Wein beim Abendessen und grübelten, welches wohl die schönste Tour war. "Zwei Viertausender, zehn Dreitausender und ein bisschen Kleinkram", zählte Anja durch. Es ist schon ein Kontrast, vom stark verkabelten Zermatt ins herbe und kühle Engadin zu wechseln und anschließend zu den Giganten des Berner Oberlandes. Man nehme mal die zwei Karten 1:25.000 "Bernina" und "Jungfrau" und vergleiche: Die komplette Bernina-Gruppe vom Piz Cambrena bis zum Piz Roseg ließe sich bequem im "Dreigestirn" Eiger, Mönch und Jungfrau versenken. Wäre nicht die leichte Hochtour (mit Bergführer) auf den Mönch gewesen und die "Wanderklassiker"-Kombination Mettelhorn (3406 m) und Platthorn (3346 m) als Edellogen inmitten der Walliser Alpen mit ihren insgesamt 2000 Höhenmetern Aufstieg und 2000 Höhenmetern Abstieg, dann hätten zwei unscheinbare Gipfel im Engadin unbestritten den ersten Platz eingenommen.
Wie bitteschön verfällt man auf Piz Minor (3049 m) und Piz dals Leijs (3044m)? Ganz einfach, sie stehen im Bruckmann-Wanderführer "Engadin". Die Bruckmann-Wanderführer haben gegenüber jenen von Rother den Vorteil, dass sie für den etwas fortgeschrittenen Wanderer geschrieben sind, während man so manche Rother-Tour auch noch mit dem Rollator unternehmen kann. Allerdings sind einige Bruckmann-Führer etwas schnell gestrickt. Da kann es schonmal passieren, dass eine Wanderkarte vergessen wurde. Überhaupt lassen die graphischen Wanderbeschreibungen sehr zu wünschen übrig in Sachen Genauigkeit. Autor Peter Deuble ist außerdem kein sonderlich begabter Schriftsteller, vielleicht sollte er einmal eine Schreibschule besuchen. Da Anja und ich immer auf der Suche nach entlegenen Zielen sind, vor allem, wenn wir zuvor auf überlaufenen "Wanderklassikern" marschiert sind, kamen uns Piz Minor und sein Nachbar gerade recht. "Zu den einsamsten Gipfeln weit und breit" zählten sie, so Deuble, und nur für orientierungssichere Berggänger geeignet. "Orientierungssicher" bedeutet dabei wohl: Mit Hilfe der Deuble-Beschreibung den Weg zu finden. Dabei ist der Aufstieg einfach und lakonisch zu beschreiben. Man parke an der Forcola die Livigno (im Livigno-Tal haben wir zollfrei getankt, 96,5 Ct. der Liter Diesel, ein guter Grappa kostet dort auch nur ein paar Euro!). Dann folge man den Wanderschildern rechterhand zu "La Stretta" und weiter zu den Laghi Forcola auf Plauns dals Lejs. Ist man dort angelangt, wird man von sagenhaft schönen Berg-Seen überrascht, die Hinterlassenschaften eines einstigen Gletschers, ein Vorteil muss der Klimawandel ja haben. In den Seen spiegeln sich prächtige Wandergipfel wie der Monte Vago mit seinem wunderschönen Gipfelgrat oder Piz la Stretta, von dem man eine grandiose Sicht in den Schweizer Nationalpark genießt mit seinen eigenwilligen "Munts" und "Pizzen" - die "Munts" sind gletscherüberformte Kuppen, die "Pizzen" ragten in der Eiszeit aus den Gletscherströmen als Nunatakker heraus und bekamen ihre spitzen Köpfe nicht abgehobelt. Den Wanderschildern folgt man bis zum Lej Grand, dem größten der sieben Seen. Ich habe sie gezählt, es sind wirklich sieben Seen. Seltsamerweise gibt es überall in den Alpen sieben Seen zu er- oder umwandern. Hinterm Triglav in Slowenien findet sich eine Sieben-Seen-Wanderung, bei Zermatt ebenso und wahrscheinlich werden bei der Wanderung First-Schynige Platte (ein "Wanderklassiker"!) auch sämtliche Tümpel zu sieben Seen zusammengezählt, wobei mir gerade nur zwei einfallen, der Bachalpsee (ein "Wanderklassiker") und das Sägistalseelein. Hat man das letzte Wanderschild erreicht, rät Deuble den Anfängern ab weiterzugehen. Nächste Anweisung vom Autor Kehle: Dem Südufer des Lej Grand entlang, am Ende stur südlich halten bis man zu einem etwas höher gelegenen kleinen See gelant. Der Bach mäandriert hier wunderbar durch die Landschaft und die Sommerblümchen, wer dreckige Wanderstiefel hat, bekommt sie hier gereinigt. Vor dem kleinen See stehend, erblickt man südwestlich den scheinbar doppelgipfeligen Piz dals Lejs und rechterhand einen steilen und markanten Schuttkamm. Man steige - stets den Gipfel im Blick - links vom Bach nach oben und behalte den Schuttkamm im rechten Auge. Kurz bevor der Schuttkamm in Fels übergeht, an seiner niedrigsten Stelle, kämpfe man sich nach oben. Der wenig Trainierte wird - drei Schritte vor und zwei zurück - ein wenig hecheln, sieht aber auf einem Plateau angelangt die Einsattelung zwischen Piz dals Lejs und Piz Minor. Man steige weglos oder einigen Steinmännern folgend den Sattel hinauf (nicht wie in Deubles Beschreibung!) und kann wählen, ob man nach Nordwesten Piz Minor oder nach Südosten Piz dals Lejs besteigt oder aber beide Gipfel nacheinander. Es ist also eine einfache und einsame Tour mit Ausblicken der Extraklasse in die Berninagruppe, die Livigno-Berge mit Piz Paradisin oder dem markanten Piz dal Teo oder in die Ferne in die Silvretta, zur Ortlergruppe oder zum markanten Kristall des Piz Julier, auch ein "Wanderklassiker", allerdings ein Zwergenschinder mit Adrenalingarantie (T5). Der Abstieg von den beiden Pizzen wurde uns übrigens durch große Schneefelder versüßt, über die wir abfahren konnten. Übrigens: Nur jene Schneefelder abfahren, die man beim Aufstieg aus der unmittelbaren Nähe begutachtet oder gar begangen hat!
Da fällt mir noch etwas ein: Sehr viele (sehr viele!) Besucher dieser Website kommen auf diese Website, weil sie "Dreitausender" oder "Leichte Dreitausender" in die Suchmaschine eingegeben haben. Liebe Dreitausendersammler: Wenn Ihr richtig mitgezählt habt, habe ich von vier Dreitausendern erzählt, die sich in zwei Tourentagen machen lassen.

Fotos (c) Matthias Kehle.
Bild 1 zeigt den Blick auf den scheinbar doppelgipfeligen Piz dals Lejs. Man folgt dem Bachbett, das hier unter der Schneerinne verborgen ist leicht links erhöht bis zu jenem Punkt (im rechten Bildfünftel), wo der Schutthang in Fels (hier noch schneebedeckt) übergeht. Oben gelangt man auf ein schiefes Plateau und dann offensichtlich zu den Gipfeln.
Bild 2: Piz Bernina, Piz Prievlus und Piz Morteratsch von Piz Minor.
Bild 3: Betreten verboten!



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