Donnerstag, 30. August 2012

Vier Dreitausender in 24 Stunden

Ich gestehe, die Überschrift zu diesem Beitrag ist etwas hoch gegriffen. Nein, ich habe nicht den Glockner, den Großvenediger, das Zuckerhütl und die Wildspitze im Dauerlauf bezwungen. Ein Freund sagte am Sonntag: "Pack den Rucksack, Montag und Dienstag gibt es bestes Wetter, wir machen den Glockturm." Um halb Sieben am Montag fuhren wir los, im Rucksack eine Wanderkarte Ötztal und "den Seibert" (Leichte Dreitausender in den Ostalpen). Gegen Mittag parkten wir am Ende der Kaunertalgletscherstraße und waren erschüttert: Der schwer dezimierte Weißseegletscher war mit weißer Folie abgedeckt, Heerscharen von Sommerfrischlern krochen in ein Eisloch, das von einer solchen Folie geschützt wird, platt gewalzte Autobahnen, sprich Skipisten ringsum. Zur Akklimatisation wollten wir auf den Wiesjagglskopf (3127 m). "Ich bin der Fahrer, Du bist für die Touren zuständig", verkündete mir mein von der Autofahrt erschöpfter Bergkamerad, als ich ratlos die Karte und den Seibert studierte: "Vom Parkplatz mit dem Sessellift zur Bergstation", hieß es da, wir gedachten, die 400 Höhenmeter zu Fuß gehen. Fluchend über die unschöne Landschaft stapften wir die Autobahn entlang zur Bergstation. Irgendwas stimmt hier nicht, schwante mir. An der Bergstation schließlich stand zu lesen "Karlesjochbahn 3108 m". Ich schaute in die Karte und in den Seibert und zweifelte an mir, mein Bergkamerad war entnervt. "Das ist nie und nimmer der Wiesjagglskopf, Dir bringe ich erstmal Kartenlesen bei!", bekam ich zu hören. Kleinlaut fragte ich an der Bergstation, wie denn die Spitze da heißt, die uns vielleicht um 50 Meter steil überragt. "Das ist die Hintere Karlesspitze", sagte der Tiroler. Mein Bergkamerad verfluchte mich und stieg entnervt ab. Ich kletterte trotzig auf den Turm, ein paar vergammelte Stahlseile, ein paar Felsen, ein wenig Schutt, in zehn Minuten war ich oben.

Autobahn zur Hinteren Karlesspitze (rechts des Schneefeldes)


Was hatte ich falsch gemacht? Ich hatte mich zu sehr auf den alten Seibert verlassen, denn der Sessellift Richtung Wiesjagglskopf existiert nicht mehr, dafür die Karlesjochbahn. Und wer vom Parkplatz stur den Skipisten entlang marschiert, landet eben unterhalb der Karlesspitze. Ich stieg gleich wieder ab und sah in der Ferne meinen Bergkamerad in Richtung Wiesjagglskopf marschieren, den ich auf der Karlesspitze eindeutig identifiziert hatte. Um ihn einzuholen, fuhr ich über ein Schuttfeld ab, nach einer Weile standen wir am tiefsten Punkt des Grats zwischen den beiden Gipfeln. Mühsam kletterten wir vermeintliche Wegspuren folgend zwischen bröseligen Felsen zum höchsten Punkt, beide fluchtend: Scheißlandschaft, Scheißgelände, Scheißtouristen, Scheißtag. Dafür aber eine geile Fernsicht zur Bernina und in die Silvretta. Beim Abstieg fanden wir den Weg. Genauer, den ehemaligen Weg, der völlig verfallen fünfzig Meter unterhalb des Jochs endete, an dem wir zu klettern begonnen hatten. Eine Metallstange lag herum, offenbar das ehemalige Wanderschild. Man stelle sich einmal vor: Zwei im "Seibert" beschriebene und gelobte Dreitausender in einem beliebten Ausflugsgebiet, schnell und im Prinzip einfach erreichbar ohne ein einziges Wanderschild und ohne eine einzige Markierung!

Eine Menge wegloser Schutt - Der Wiesjagglskopf

Im Gepatschhaus hatten wir ein Viererzimmer für uns allein. So scheußlich die Einstiegstour war, so wunderbar war die harmlose Wanderung auf den Glockturm, die von Seibert mit "anspruchsvoll" gekennzeichnet ist. Die Bibel für Dreitausenderfreunde sollte mal gründlich überarbeitet werden!

Auf dem Weg zum Gipfel waren wir allein, den Weg begleiten zwei adrette Seen, Felsen in allen Farben und schöne Nahblicke auf den immer noch prächtigen Gepatschferner, nach wie vor einer der schönsten Gletscher der Alpen. Auch an diesem zweiten Tag genossen wir sensationelle Weitsicht, rechts des Piz Linard machte ich gar das Berner Aletschhorn aus. Mein Bergkamerad hatte Schmerzen im Fuß und gedachte, gleich wieder in aller Ruhe abzusteigen. "Genieß die Aussicht, Du holst mich wieder ein", sagte er. "Ich nehm noch die Rifflkarspitze mit", antwortete ich, "vier Dreitausender in 24 Stunden." Ich sei ein Junkie, bekam ich zu hören, und überhaupt: "Mitnehmen klingt nach Warendiebstahl im Kaufhaus."

Mein Bergkamerad gestand mir am Auto, er habe auch die Rifflkarspitze "mitgenommen". Gelohnt hat sich dieser 3219 Meter hohe Nachbar des Glockturms allemal, denn wohl nirgends hat man einen solchen Nahblick in dessen Nordseite.

Glockturm von Rifflkarspitze

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