Sonntag, 5. August 2012

Wandertagebuch Heimspitze (2685 m), Vorarlberg

Teleaufnahme von der Heimspitze: Gr. Litzner, Seehorn und Verstanclahorn (c) Matthias Kehle

Ich bin mein eigener Chef mit Sommerpause von Juli bis September. Naja, so einfach und paradiesisch ist es als freier Schriftsteller dann doch nicht, aber ab und an packe ich meinen Rucksack und entfleuche für drei, vier Touren in die Berge. Vergangene Woche quartierte ich mich in Gargellen ein, in eine kleine private Pension mit Frühstück, sehr netter Wirtin und schönen, ruhigen Zimmern für 22 Euro pro Nacht. Wie man solche netten und günstigen Pensionen findet, ist übrigens in der "Wanderbibel" nachzulesen. Eigentlich wollte ich auf die Madrisa steigen, doch kein Einheimischer wollte oder konnte mir den Weg auf den Gipfel verraten, schließlich hieß es: "Nur mit Bergführer". Kein Risiko, dachte ich mir, Du bist allein unterwegs. Frau Wirtin empfahl mir am zweiten Tag die Heimspitze, ein Gipfel mit "sehr schöner Aussicht", sozusagen der Gargellener Hausberg.

Die Wanderschilder kündigten einen Vierstundenmarsch an, nach drei Wochen Hardcore-Wandern in der Schweiz benötigte ich knappe drei Stunden. Fünfeinhalb Kilometer flanierte ich entlang eines Güterwegs bis zur Vergaldaalpe, ein angenehmer Aufstieg durch Bergwiesen und zuletzt ein paar harmlose Felsen brachte mich auf den Gipfel. Um 12 war ich oben und genoss beste Sommersicht in die Silvretta, vor allem zum markanten Stinkefinger des Großen Litzners sowie ins Graubünden, etwa zu Piz Ela, vom Verwall und dem Bregenzerwald ganz zu schweigen. Mit ganz großem Glück übrigens, sieht man das Heimspitzchen sogar vom Nordschwarzwald aus, vom Schliffkopf, aber eine solche klare Sicht kommt nur alle vier, fünf Jahre im Winter vor.

Zwölf Uhr und einsam, dachte ich mir, doch ab Viertel nach Zwölf trudelten die anderen Wanderer ein. Sommerfrischler, um genau zu sein, denn von Gaschurn und Sankt Gallenkirch aus, von Norden also, läßt sich der Aufstieg verkürzen. Beliebt ist die Gratwanderung über die Versettla und Madrisella zur Heimspitze. Der Gipfel füllte sich gründlich, derweil ich es mir am Gipfelkreuz gemütlich gemacht und die Brotzeit hinter mich gebracht hatte. Franzosen trinken Rotwein am Gipfel, essen Käse und Baguette, Spanier diskutieren lautstark, Italiener telefonieren mit zwei Handys. All diese Vorurteile haben sich schon bestätigt, all das habe ich schon erlebt. Dass aber Holländer einen Camping-Kocher auspacken, um sich ein Süppchen am Touristengipfel kochen, haben erstmals drei Jungs aus den Dutch Mountains vorgeführt, nachdem sie arg transpirierend auf dem leibhaftigen Berg angekommen waren.
Nach einer Weile trudelte eine junge Familie ein, zuerst Vater (Typ Jürgen Rüttgers, allerdings ohne Sprachfehler) und Söhnchen. "Das hast Du super gut gemacht, ganz toll, ich bin stolz auf Dich, schau einmal wie schön es hier ist", bekamen alle Gipfelstürmer zu hören. Dann kam Mutter Susann angestolpert, die nach Anselm rief und nach Mo: "Mo, komm bitte her, das ist gefährlich, setz Dich zu mir. Anselm, halte Mo fest! Nicht ans Gipfelkreuz, da sind zu viele Felsen." Susann, die stark untergewichtige Blondine, hatte sich den Pullover um den Kopf gewickelt, die Sonne schien ihr doch zu heftig. "Am Riedkopf", so begann ein Einheimischer zu erzählen, "ist gestern ein Holländer abgestürzt. Direkt am Gipfelkreuz. Just als seine Frau von ihm ein Gipfelfoto machen wollte." Ein falscher Schritt und er lag hundert Meter tiefer, sofort tot. Seine Wandergruppe habe ihn dahin segeln gesehen. Von Rettungs- und kreisenden Polizeihubschraubern war die Rede. "Oh Gott, das ist ja tragisch, das ist ja furchtbar, das ist ja entsetzlich!", deklamierte Anselm sturzbetroffen und hielt Moritzchen einen Vortrag über die Gefahren des Gebirges im allgemeinen und der Heimspitze im Besonderen: "Man muss auf jeden Schritt achten und darf nicht hüpfen und nicht springen". "Ich kann hier oben nichts essen, das ist mir zu gefährlich", rief Susann an einen Stein gekauert, "ich steige schonmal ab und begebe mich in Sicherheit." Die gesamte Gipfelbelegschaft prustete und amüsierte sich über die tragisch-kuriose Geschichte des fliegenden Holländers, der auch noch im gleichen Fünfsternehotel wie Anselm, Mo und Susann untergebracht war. Nur Anselm und Susann nicht. Während sich Mo ein Würstchen erbettelte und dazu widerwillig auch ein Stück Brot nehmen musste, beklagte und beweinte Anselm den fürchterlichen Tod des Bergsteigers.
Susann, Anselm und Mo brachten sich bald in Sicherheit. Nach drei Stunden Gipfelgenuss stieg auch ich ab. In sicherem Gelände stakste Susann der Zivilisation entgegen, Anselm und Mo hüpften über die Bergwiesen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, beim Überholen zu bemerken, dass er auf seinen Sohn besser aufpassen müsse, das Gebirge sei ja, sehr, sehr gefährlich. Jeder Schritt könne der letzte sein. "Aber dann können Sie uns doch retten!", versuchte Anselm zu scherzen, "oder wenigstens unser Gepäck tragen." Susann kroch über ein Blockfeld, ich empfahl ihr dringend, die Höhenangst therapieren zu lassen. Nein das ginge nicht, sie gehe nur dahin, wo sie keine Angst habe. Anselm holte tief Luft, derweil Mo seinen Eltern davon rannte: "Es ist ja so, auch wir haben Bergerfahrung. Ganz ehrlich. Früher haben wir so manchen Dreitausender beklommen."

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