Donnerstag, 23. August 2012

Wandertagebuch Hohe Geige (3393 m)

Rüsselsheimer Hütte mit Rofelewand beim Aufstieg auf die Hohe Geige (c) Matthias Kehle


Ist am Gipfel eines Berges eine gewisse Anzahl von Bergsteigern versammelt, findet ein Gipfeltalk statt. Auf der Hohen Geige unterhielt ich mich vorgestern mit Bottropern darüber, wo es schöner ist, in Österreich oder in der Schweiz. Auf einem anderen Gipfel tauschte eine Gruppe junger Mütter die Bonmots ihrer zu Hause gebliebenen Blagen aus, etwa jenes Zitat der kleinen Aurelia-Madonna: "Mama, der Biologie-Unterricht ist heute ausgefallen, weil unsere Lehrerin auf Fortpflanzung war." Treffen deutsche Landsleute aufeinander, etwa Badener, dann geht das ungefähr so:
- "Ha, denn Dialekt kenn ich! Du bisch en Badener! Wo kommsch denn her, aus Kallsruh?"
- "Ha, ned ganz, aus Waldbronn, genauer aus Busenbach."
-  "Des hört ma aber!"
- "So lang mers net riecht, geht's. Haha."
Einwurf von einem norddeutschen Bergsteiger:
- "Sieh an, Badenser!"
Antwort:
- "Des heißt Badener, BADENER! Schließlich sagt mer au net Frankfurtser oder Heilbronnser".
Auf dem Widderstein stellte sich im Folgenden heraus, dass mein Gesprächspartner das gleiche Gymnasium besucht hatte wie ich, weshalb wir Jahrzehnte nach unserem Abitur nostalgisch wurden. Als da war die harmlose, aber zickige Lehrerin, die an ungehorsame Schüler herantrat und drohte: "Die Arrestfaust schwebt über Deinem Haupte, Du kleine miese Ratte!" Oder "der alte Kuhn", ein Mathematiklehrer, bei dem man zu Unterrichtsbeginn aufstehen musste, der leidenschaftlich und intelligent Frontalunterricht hielt mit ermunternden Worten wie: "Kehle, Du Kartoffelmann, soll ich Dir einen Wecker verkaufen?" Der alte Kuhn brachte einem beiläufig aber auch kleine Tricks und Kniffe bei, beispielsweise, wie man anhand des Sonnenstandes und einer Armbanduhr die Himmelsrichtung bestimmen kann (dieser und andere Tipps für Wanderer finden sich hier!).
Um Österreich und die Schweiz ging es also auf der Hohen Geige. Die Landschaften der Schweiz seien schöner, die Berge höher und ästhetischer ("Der schönste Berg der Welt ist die Jungfrau"). Aaaaber: Die Schweizer könnten nicht kochen. Was habe man auf den Hütten schon für einen Fraß vorgesetzt bekommen! Und die Preise! Und unfreundlich sei das Personal in den Hütten! Aber wenigstens seien sie sauber, die Hütten. Apropos: Habe ich schon erzählt, dass die fettesten Murmeltiere aller Zeiten rund um die ehemalige Tracuit-Hütte im Wallis ihr Dasein frissteten? Das lag daran, dass der Koch die Essensreste einfach die Felsen herunter gekippt hat. In Österreich würde das nicht passieren, weil dort die Teller leer gegessen werden!
Die Österreicher also: Tolle, gemütliche Hütten mit Duschen und eine grandiose Küche! "Mann, haben wir gestern Abend auf der Rüsselsheimer Hütte geschlemmt! Drei Gänge, vier Bier, zwei Schnaps! Dann das Frühstück heute Morgen! Mit Übernachtung habe ich alles zusammen gerade mal 50 Euro bezahlt!" Dafür bekomme man in der Schweiz gerade mal eine vertrocknete Pizza ohne Bier und ohne Schnaps.
Nun, ich gestehe, ich bin helveticophil. Das Pitztal ist ja ganz nett, die Sicht von der Hohen Geige ebenso, und Watzespitze, Verpeilspitze und Rofelewand bilden ein hübsches Dreigestirn, aber gegen das Berner Oberland oder das Engadin kommt keine Österreicher Ecke an. Außerdem haben die Österreicher mit Sicherheit das häßlichste Skigebiet der Welt, beginnend in Obergurgl im Osten über sämtliche Gletscher rund um die Wildspitze hinweg bis hin zum Schnalstal. Versehentlich stiegen wir vor einigen Jahren nachdem wir auf der Hintereisspitze waren noch zur Grawand-Bergstation auf, umgeben von dröhnenden und stinkenden Pistenbullys. Dort oben fanden wir dann ein deprimierendes Gipfelrestaurant mit dem grauen-düsteren Charme einer DDR-Mensa. Traurige Gletscherreste, die mit Planen abgedeckt werden, ergänzen das Szenario in Tirol, dazu riesige Parkplätze direkt am Gletscher.
Und wenn man, wie ich, vor vier Wochen auf dem Jungfraujoch war, und jetzt die Tiroler Großbaustelle sieht, die im Augenblick vermutlich höchste Baustelle Europas, dann ist man doch amüsiert: Auf dem Hinteren Brochkogel entsteht in sage und schreibe 3440 Metern Höhe Österreichs höchst gelegenes Café. Da lächeln die Schweizer aber müde, und der Schwob und auch der Badener amüsieren sich bei der Sendung im Tiroler Regionalfernsehen: Da ist nicht etwa von Pioniergeist, Erhabenheit, Fortschrittsstolz und Heldenhaftigkeit die Rede, sondern vom Leiden der Bauarbeiter in der Höhe. Selbst der futuristische Entwurf des Gipfelbauwerks wird nicht überschwänglich gelobt, dabei machen die Computeranimationen einen soliden Eindruck: Das an  Colani-Design erinnernde Bauwerk fügt sich harmonisch in die Natur ein im Gegensatz zu den allermeisten Bauwerken in Hochsölden oder Obergurgl, den beiden womöglich scheußlichsten Touristenorten in den Alpen.
Die Bauarbeiter übrigens sind derzeit allenhalben und überall einquartiert. Angeblich sogar im Rheinland-Pfalz-Biwak. Aber auch in jener Pension in Plangeross, die ich für zwei Nächte bezogen hatte. Leider musste ich nach der Besteigung der Hohen Geige wieder abrücken, weil das Wetter mal wieder schlecht wurde. Aber ich bekam einen Eindruck davon, weshalb die geschundenen Bauarbeiter in 3440 Metern Höhe leiden. Als sie sich mit mir um halb Sieben den Frühstücksraum teilten, wehte mir der betörende Duft von "Alk und Nic, den Zwillingen" (Angelika Maisch) entgegen.
Ach ja, noch ein paar Sätze zur Hohen Geige. Wer, wie ich, nicht in der viel gelobten Rüsselsheimer Hütte übernachtet, muss eine gehörige Portion Kondition mitbringen und 1800 Meter Auf- und Abstieg bewältigen. Schnelle Geher benötigen vom Parkplatz Plangeross aus viereinalb Stunden, fünf bis sechs Stunden Gehzeit sollten Normalos einplanen. Wer nicht schwindelfrei ist und ein wenig Kraxeln mag, sollte den Westgrat meiden. Ich habe ihn gemieden, weil ich allein unterwegs war. Der Normalweg führt größtenteils durch Blockwerk und Schutt - es gibt schönere Zustiege auf einen Gipfel. Objektive Gefahren gibt es bei guten Verhältnissen keine. Außer Steinschlag durch voraussteigende Wanderer.


P.S. Einer der Bottroper meinte, dass die Hohe Geige besser Arschgeige hieße, schließlich trage einer ihrer Nachbarn den schönen Namen Fotzenkarstange.

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