Freitag, 17. August 2012

Wandertagebuch Zischgelesspitze (3004 m)

Schöntalspitze und Grubenwand vom Zischgelesgipfel (c) Matthias Kehle

Ich gehe ja lieber mit meiner Frau in die Berge als allein. Nicht zuletzt wegen der vielen Alpengroupies. Aber Anja darf nun einmal arbeiten, während ich wandern muss. Vergangene Woche bin ich für drei Tage ins Sellrain gefahren. Mit der Bahn, versteht sich. Morgens um halb fünf aufgestanden, um sechs in den Zug nach München, Umsteigen nach Innsbruck, von dort im Bus nach Praxmar. Natürlich kam die Bahn verspätet in Innsbruck an, die Durchsagen wurden immer origineller: "Achtung, eine Durchsage. Die junge Frau, die in der letzten Tür des Zuges steht und raucht, möge die Tür bitte freigeben. Wir möchten weiterfahren, wir haben schon eine halbe Stunde Verspätung." Als ich vier Tage später den Innsbrucker Bahnsteig betrat, stellte ich fest, dass mein Zug schon vor der Abfahrt nach München mit Verspätung ausgewiesen war. Ich fragte den österreichischen Schaffner, der vor dem Zug eine rauchte, ob das stimme, 20 Minuten verspätete Abfahrt. Seine Antwort: "Geh, schauen's, was sind schon 20 Minuten gegen die Ewigkeit."
Ich quartierte mich im Alpengasthof Praxmar ein. Sehr zu empfehlen, denn die Küche ist erste Sahne. Mein Zimmer allerdings war nur zweite Sahne, denn es gab nur eine Badewanne, und nach dem Duschen stand das Badezimmer unter Wasser. Naja, dachte ich, ist ja nicht mein Bad. Am Abend waren sämtliche Tische reserviert. Nix mit Alpengroupies, denn ich bekam einen Katzentisch, löffelte Suppe und schlürfte Bier alleine vor mich hin, ich beobachtete junge Pärchen und alte Stammgäste. Sechs Fünfziger habe man im nächsten Jahr, sechs Paare, die seit fünfzig Jahren jedes Jahr diese Pension heimsuchen.
Am nächsten Morgen das Gleiche: Ich schlürfte meinen Kaffee an meinem Katzentisch. Als erster übrigens, schließlich wollte ich möglichst schnell an die frische Luft. Schöntalspitze (3002 m), Zischgelesspitze (3004 m), Roter Kogel (2832 m) und Lampsenspitze (2895 m) standen auf meiner Liste, die schönste Tour war die auf die Zischgelesspitze und die Lampsenspitze. Beim Aufstieg fluchte ich vor mich hin. Weshalb schon wieder auf einen Berg latschen? Warum ist das Wetter schon wieder schlechter als der Wetterbericht? Warum blüht hier nix mehr? Warum gedeihen hier nur ein paar blöde Schwammerln? Warum ist nicht alles so gut wie ein Fürstenberg? Jetzt ein Bier, und ich muss kotzen. Ich stieg also den gängigen Weg über Kölle- und Dreizeiger, umrundete den Oberstkogel und sah dort eine junge Frau das Blockwerk herunter marschieren. Sie sprach mich auf Englisch an, ich antwortete Englisch. Nein, das sei nicht der Weg auf Zischgeles. "Are you sure?" Yes, jawoll, antwortete ich, ich hätte schon ein paar Hundert Bergtouren auf meinem Buckel. "Just follow me", forderte ich sie auf. Wo sie denn herkomme, wollte ich wissen, wir wanderten gemeinsam weiter. From Innsbruck. Na, dann können wir ja deutsch reden, sagte ich. Ich hätte auf sie den Eindruck gemacht, ein Engländer zu sein. Was mir zu denken gibt, vor zwanzig Jahren, als ich noch hellblond war, hätte man mich allenfalls für einen jungen Schweden gehalten. Meine schlechte Laune war dennoch vorbei, die junge Frau erzählte von ihrem Dasein, ich von meinem, wir stiegen in teilweise hübscher, harmloser Kletterei auf den Gipfel und froren daselbst: Während es zu Hause in Karlsruhe mindestens 25 Grad hatte bei schönstem Sonnenschein, war es hier bedeckt, kalt und windig. Drei junge Männer saßen gut eingepackt am Gipfel und hielten Brotzeit, zwei Mädchen mit Hund kamen hinzu. Was meine Laune wieder verschlechterte: Ich war der Gipfelgruftie. Ich werde alt! Ohne Zweifel! Um mir konditionsmäßig das Gegenteil zu beweisen, beschloss ich, nach Norden abzusteigen, erst auf dem ebenfalls sehr schönen Grat Richtung Pforzheimer Hütte, dann runter auf ca. 2400 m Seehöhe, um dann weglos zum markierten Weg zur Lampsenspitze zu queren. Beim Abstieg glitzerte die Zischgeles prächtig in der Sonne. Meine weibliche Begleitung nahm übrigens wieder den gleichen Weg zurück. Die Lampsenspitze ist genauso beliebt wie die Zischgeles, beide werden an klaren Tagen und vor allem im Winter von Skitourengehern massenhaft bevölkert. Heute war beileibe kein klarer Tag, auf der Lampsenspitze war ich allein. Ich nörgelte wieder vor mich hin: An keinem der vier Tage, auf keinem meiner fünf Gipfel hatte ich eine halbwegs ordentliche Sicht. Weder in die Stubaier noch ins Karwendel, erst recht nicht zum Wetterstein, der Osten war stets ganz dicht. Doch die nahe gelegenen Stubaier glänzten in den Sonnenlücken, mit dem Fernglas bewunderte ich einen Blockgletscher und - welche Überraschung - in einer Lücke lugten in 80 Kilometern Entfernung Kuchen- und Küchlspitze hervor.
Beim Abstieg nach Praxmar nölte ich nicht mehr vor mich hin. Nach vier Touren und über 10000 Höhenmetern hatte ich genug, meine Knie schmerzten. Ich werde alt, früher schmerzten die Knie nie! Alle hundert Höhenmeter starrte ich auf den Höhenmesser, 150 Meter über meinem Quartier stöhnte ich heftig, war aber immer noch so klar im Kopf, dass ich mich rechtschaffen hungrig auf's Abendessen und mein Bier freute, auch wenn das nur ein österreichisches war.

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