Mittwoch, 12. September 2012

Der deutsche Weg

Ich bin mir sicher: Weder Italiener noch Franzosen kennen den Heilbronner Weg in den Allgäuer Alpen. Auch bei den Schweizern dürfte er wenig bekannt sein, mancher Österreichische Wanderer und Bergsteiger mag ihn vielleicht kennen, schließlich verläuft der längste Teil der Strecke in Österreichischen Gefilden. Als ich vor einigen Tagen morgens von Holzgau in Richtung Kemptener Hütte aufstieg, also einem Stück des europäischen Fernwanderweges E5 folgte, kamen mir Hundertschaften Deutsche entgegen. Sachsen, Hessen, Badener, Franken, Schwaben, Oberschwaben, gemeine Küchenschwaben. Ich hörte ausschließlich deutsche Dialekte: Kein Grüezi, kein Bongiorno, erst Recht kein Dobberdan. Unterwegs war ich am wohl schönsten Wochenende des ganzen Sommers, und ich war froh, in einer Holzgauer Pension einquartiert gewesen zu sein und in keinem Massenlager. Denn es waren wirklich Massen, die da abstiegen, Deutschlands Massen, ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, sprich zwei Drittel der Wanderer waren übergewichtig bis stark übergewichtig. Bei den älteren Wanderern waren es eher die Männer, unter den jüngeren Wanderern die Frauen, die da einen Pizzafriedhof mit sich herumtrugen. Die älteren Wanderer hatten am Tag zuvor den Heilbronner Weg "gemacht", die jüngeren waren unterwegs auf dem E5. Weshalb eigentlich ist dieser so deutsche Weg nach jener popeligen schwäbischen Stadt am Neckar benannt? Weshalb wurde er nicht nach der Nachbargemeinde Lauffen-am-Neckar-Weg benannt? Schließlich wurde in Lauffen am Neckar ein großer Wanderer geboren, der unter dem Namen Friedrich Hölderlin als Dichter berühmt wurde? Nun gut, Deutschland ist kein Land der Dichter und Denker, schließlich benennt auch die Deutsche Bahn ihre ICEs nicht mehr nach berühmten Menschen, sondern nach Städten. In Geografie scheinen die Deutschen besser zu sein als in Kunst und Kultur. Naja, Städtenamen sind immer noch besser als Zugnamen wie "Kelag-Energie", EuroCity Nummer 731 der Österreichischen Bundesbahn. Die Bahn in unserem Nachbarland läßt sich nämlich ihre Zugstrecken sponsern. Der ÖBB-EuroCity Nummer 861 trägt gar den Namen "Die österreichischen Rechtsanwälte". Gut, andere EuroCitys heißen "Rote Nasen", "Urlaub auf dem Bauernhof" oder sind nach der weltberühmten "Fachhochschule Kufstein" benannt, aber dann ist da auch noch die "easybank", die täglich von Villach nach Wien-Meidling fährt. Am schönsten finde ich den Zugnamen "Kimberly - Clark Hakle", was sich die Deutsche Bahn zum Vorbild nehmen solle, denn Hakle ist bekanntermaßen für den Arsch. Wo war ich stehen geblieben? Beim Heilbronner Weg! Nein, er sollte nicht nach Hölderlin benannt werden, zumal dieser ja unbekanntermaßen nach Bordeaux wanderte, und zwar im Winter. Angesichts der Tatsache, dass sich mindestens jede dritte Wandergruppe über Fußball unterhielt und angesichts der Wanderer-Profile müßte der Weg logischerweise "Reiner-Calmund-Weg" heißen.

Nun, ich brauche den Weg nicht zu loben und nicht zu beschreiben, als Wanderanfänger sollte man ihn nicht gehen. Ich für meinen Teil habe die Hardcore-Variante gewählt, habe das Hohe Licht ausgelassen und bin nicht zur Rappenseehütte, sondern wieder nach Holzgau abgestiegen. Nachahmung nicht empfehlenswert, es sei denn, man ist Masochist.
Ach, eines noch: Auf dem Gipfel der Mädelegabel tauchten drei hübsche junge Menschen auf, überraschenderweise rank und schlank, die alsbald ihre Sportklamotten auszogen und gelb-rote "Pizza-Bob"-T-Shirts überstreiften, sich schwarze Schürzen umbanden und Pizza-Räder sowie anderes Pizza-Besteck auspackten. Nein, sie buken keine Pizza, sie hatten auch keine dabei. Sie posierten am Gipfel mit ihren Mitbringseln und ließen von den Mitwanderern dutzende Fotos, um nicht zu sagen hunderte von Fotos schießen. Ja, sie arbeiteten gerne bei Pizza-Bob. Die Bilder seien für die Website gedacht und für Facebook. Ob ihr Chef das schon wisse? Bis jetzt noch nicht. Natürlich waren die Pizzabäcker keine Italiener, sondern ganz typische Deutsche: Erstmal für Facebook knipsen!

Pizzabäcker auf der Mädelegabel

Lieber Pizza-Bob-Chef: Ich finde, so viel Engagement sollte belohnt werden! Wie wäre es, wenn Sie einen Helikopter charterten, einen Pizza-Ofen auf die Mädelegabel fliegen und ihre hübschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort oben hungrige Bergsteiger versorgen ließen? Nur als Werbegag, versteht sich, und nur vorübergehend, sonst kommt das Zotteltier aus Südtirol namens Reinhold Messner und bekommt einen Wutanfall, wie weiland bei "Verstehen Sie Spaß", als die Truppe um Kurt Felix ein Kiosk am Hörnli-Grat des Matterhorns installieren ließ, justament an dem Tag als Messner das Matterhorn bestieg.


Info:

Heilbronner Weg
(Infos zum Wegverlauf)
Heilbronner Weg bei Wikipedia

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