Montag, 3. September 2012

Die Torte und die toten Bäume - Nationalpark Nordschwarzwald

Ein Gastbeitrag von Rainer Haendle, stv. Chefredakteur der "Badischen Neuesten Nachrichten", in denen der Artikel am Samstag, den 1. September zu lesen war. Herzlichen Dank!


Krasser könnte der Kontrast kaum sein: Hoch über der Straße haben Nationalpark-Gegner am Eingang des Gernsbacher Ortsteils Reichental dürre Baumskelette in den Boden gerammt, um vor der Borkenkäfergefahr in einem Großschutzgebiet zu warnen. Keine 20 Kilometer entfernt – auf der anderen Seite des Kaltenbronn – serviert Sabine Mast ihren Gästen im Hotel Hirsch eine cremige Nationalpark-Torte mit gebackenen Heidelbeeren und knusprigen Streuseln. „Wir sind davon überzeugt, dass wir einen Nationalpark brauchen und ihn auch bekommen werden“, sagt die resolute Hoteliersfrau, die sich auch im mittlerweile mehr als 300 Mitglieder starken Verein „Pro Nationalpark“ engagiert.
Kein anderes Thema hat im Nordschwarzwald in den vergangenen Jahren die Emotionen so hochkochen lassen, wie der Nationalpark. Naturschützer und Tourismusexperten fordern ihn schon seit zwei Jahrzehnten, die alte CDU-/FDP-Landesregierung hatte die ersten Weichen gestellt. Grün-Rot versprach im Koalitionsvertrag, die Einrichtung eines Nationalparks „im Dialog mit allen Akteuren“ anzustreben. Doch die von Überkapazitäten und Existenzsorgen geplagte Holz- und Sägeindustrie ging von Anfang an auf Konfrontationskurs. Seitdem geht in den betroffenen Gemeinden im Enztal, Murgtal, Achertal und Sasbachtal ein Riss durch die Bevölkerung. „Dafür oder dagegen?“ – diese Frage spaltet unzählige Freundeskreise, Unternehmen, Vereine und sogar Familien. Die vom Baden-Badener Unternehmensberater Andreas Fischer gesteuerte Interessensgemeinschaft „Unser Nordschwarzwald“ zählt inzwischen 750 Mitglieder und hat nach eigenen Angaben 23 000 Unterschriften gegen das auf dem Kaltenbronn und entlang der Schwarzwaldhochstraße geplante 10 000 Hektar große Schutzgebiet gesammelt. Die Kampagne der Nationalparkgegner ist unübersehbar: Mehrere zehntausend Flyer und Autoaufkleber brachten Fischer und seine Mitstreiter unters Volk, hinzu kommen mehrere Dutzend Großplakate. Ganz im Gegensatz zum kreativ-bunten Stuttgart-21-Protest wirkt die Anti-Nationalparkfront allerdings äußerst uniform: Alle Protestmaterialien tragen dieselbe Handschrift, der Protestverein wird nach außen ausschließlich vom Kampagnenexperten Fischer vertreten. Die großen Umweltverbände argwöhnen deshalb, der Protest werde von der Holzindustrie finanziell geschürt. Der im Forbacher Ortsteil Hundsbach lebende Fischer erklärt dagegen, die Kosten würden durch Spenden von Bürgern und Mitgliedsbeiträge gedeckt und verweist auf die lokalen Interessengemeinschaften in mittlerweile zwölf Orten. „Im Namen der besorgten Bürger“ kündigt er nach der Sommerpause weitere Aktionen und Maßnahmen an.
Friedrich Erhard vom mehrfach ausgezeichneten Campingplatz Müllerwiese in Enzklösterle hat zwar Verständnis für die Sorgen von Einwohnern, deren Familien schon seit Generationen von der Holzwirtschaft leben, doch die emotionale Kampagne der Gegner schadet nach seiner Meinung dem ohnehin schon angeschlagenen Ruf des Nordschwarzwalds enorm. Erhard berichtet, dass vor allem holländische und englische Gäste bei ihrer Abreise mit Blick auf die vielen Anti-Transparente die Frage stellen würden, warum einerseits so viele Hotels leerstehen und sich der Ort andererseits gegen den Nationalpark stelle. In einem Brief an andere Gastgeber und die Gemeinderäte verweist der Campingplatzbetreiber darauf, dass neben der Waldwirtschaft inzwischen auch der Tourismus die Region präge. Komme es jedoch zu einer Entwicklung „vom Holzfällerdorf zum Tourismusort und wieder zurück zum Holzfällerdorf“ werde die Entvölkerung der Orte weiter voranschreiten.

Im Zentrum des geplanten Nationalparks:
Der Wildsee, größtes deutsches Hochmoorgebiet. Foto: maske


Die Landesregierung hat den von ihr versprochenen Dialog im vergangenen Sommer mit der Versendung von 120 000 Postkarten an die Haushalte der Region gestartet. Es folgte ein Hearing mit 350 Teilnehmern in Bad Wildbad. In dem Diskussionsprozess wurden über 1 600 Fragen gesammelt, die jetzt die Grundlage für ein 400 000 Euro teures Gutachten bilden, das im kommenden Frühjahr vorliegen soll. Begleitend zur Gutachtertätigkeit beschäftigen sich sieben regionale Arbeitskreise mit weit über 100 Experten aus der Region mit allen Aspekten des Themas: Vom Borkenkäfer über das Auerhuhn, die Jagd und den Tourismus. In diese Gremien wurden ebenso Befürworter wie Gegner berufen. Die Protokolle der Sitzungen werden jeweils im Internet umfassend dokumentiert (nordschwarzwald-nationalpark.de) und können von interessierten Bürgern postwendend kommentiert werden. Die Reaktionen sind allerdings an einer Hand abzählbar. „Geht es ins Detail, dann wollen die wenigsten Bürger noch mitreden“, sagt einer der Teilnehmer, der namentlich nicht genannt werden will.
„Wir werden die Ergebnisse des Gutachtens in der Region breit diskutieren“, verspricht der zuständige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne), in dessen Heimatort Baiersbronn die Wogen ebenfalls hochschlagen. Trotz dieser in der Landesgeschichte ziemlich beispiellosen Form der Bürgerbeteiligung sind die Gegner unzufrieden und fordern mit politischem Flankenschutz der Landes-FDP eine auf die Anliegergemeinden begrenzte Bürgerabstimmung. 80 Prozent der Einwohner seien dagegen, so ihre Behauptung. Umgekehrt zeigt sich jedoch, dass mit zunehmender Entfernung vom potenziellen Nationalpark die Zustimmung in der Bevölkerung deutlich wächst, weil viele Menschen auf Auslandsreisen ein äußerst positives Bild von Nationalparks vermittelt bekommen haben: In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der Landesregierung sprachen sich 64 Prozent der Baden-Württemberger für den Nationalpark im Nordschwarzwald aus, 30 waren dagegen und sechs Prozent noch unentschieden.
Um den Druck auf Grün-Rot zu erhöhen und gleichzeitig von sich selbst zu nehmen, haben die Gemeinderäte von Baiersbronn, Bad Wildbad und Enzklösterle eine Bürgerbefragung im Anschluss an das Gutachten beschlossen. Was macht Minister Bonde, wenn der Nationalpark vor Ort auf dem Wahlzettel abgelehnt wird? Im BNN-Gespräch reagiert der Grünen-Politiker gelassen. Er verweist auf die breite Bürgerbeteiligung und erinnert daran, dass der Nationalpark ausschließlich auf Flächen des Landes entstehen soll. Zuständig sei deshalb allein der Landtag, der ein entsprechendes Gesetz verabschieden müsse. Bei einigen Bürgermeistern der Region hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Um nicht den Zorn der Gegner auf sich zu ziehen, geben sie sich nach außen zwar unentschlossen, heben aber hinter verschlossenen Türen bereits die Hand, wenn es um die Verteilung möglicher Nationalpark-Infrastruktur und damit um Finanzmittel des Landes geht. „Wenn der Park kommt, dann wollen wir auch dabei sein“, sagt einer der Rathauschefs. (c) Rainer Haendle

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen