Mittwoch, 24. Oktober 2012

Auf Gummisohlen zurück in die Steinzeit - Zehenschuhe für Wanderer und Läufer

Gelegentlich sind sie mir im Hochgebirge begegnet, die "Barfußwanderer light", mit ihren Kondomen an den Füßen. Am 13. Oktober war dazu eine interessante Reportage in den "Badischen Neuesten Nachrichten". Danke an Sibylle Kranich für die Überlassung des Artikels!

Mal ehrlich: Schön ist anders. Aber gesund sollen sie ja sein, diese Zehenschuhe. Wie Handschuhe für die Füße sehen sie aus und auf den Laufstrecken der Welt ist die neuartige Fußbereifung derzeit ganz offensichtlich auf dem Vormarsch. Gerade in der Läuferszene werden die quietschbunten „Fünf-Zehen-Schuhe“ immer beliebter. Ob auf den Marathonstrecken der Weltmetropolen oder bei kleineren, regionalen Wettläufen durch den Stadtwald – immer mehr Jogger steigen um. Warum eigentlich? „Diese Schuhe kommen dem Gefühl barfuß unterwegs zu sein, am Nächsten“, weiß Patrick Näher. Der Sportmediziner aus Ettlingen bei Karlsruhe schwört auf die gesundheitsfördernde Wirkung der wabbeligen Fußhüllen, die – anders als die High-Tech-Modelle in den Regalen der Läufershops – ganz ohne Fersendämpfung oder Halterungen gegen die Außen- oder Innendrehung des Fußes (Pro- oder und Supination) auskommen. Nicht mehr als einen Sohlenschutz bieten die Zehenschuhe, deren robuste Gummiunterlage nur eine einzige Funktion hat: Sie soll die Fußunterseite vor Verletzungen durch Steinchen, Scherben oder rauen Unterboden bewahren. Viel mehr leisten die Fuß-Handschuhe nicht und doch schenken sie den Füßen ihrer Träger eine – seit dem Ende der Steinzeit – nie mehr gekannte Freiheit. So klein die Ursache, Wirkung: „In diesen Dingern bekommt man plötzlich wieder ein Gefühl dafür, wie viel die Fußmuskulatur im Laufe des Tages eigentlich arbeiten muss“, sagt Philipp Krusch. Jahrelang hatte der 48-jährige Hobbyläufer aus Berlin seine Füße in handelsüblichen Schuhen quasi zur Unbeweglichkeit verdammt. „Barfuß bin ich so gut wie nie gelaufen, sogar in der Wohnung trug ich Hausschuhe.“ Bis Kruschs Arzt dem Amateur-Marathoni einen ausgeprägten Senk-Spreiz-Fuß attestierte und zum Laufen ganz ohne Schuh und auf weichem Waldboden riet. Philipp Krusch war nicht überzeugt: „Erst dachte ich, der spinnt wohl, wie soll ich denn im Wald ohne Schuhe rumspazieren?“ Seine Freundin war es, die bei der Lektüre eines Promi-Blättchens auf ein Bild der Schauspielerin Scarlett Johannson in ulkig aussehenden Zehenschuhen stieß. „Ich habe dann im Internet recherchiert und mir ein paar bestellt“, erinnert sich Krusch. Die Umstellung auf das neue Schuhwerk verlief alles andere als reibungslos. „Am Anfang wollten meine Zehen überhaupt nicht in die vorgesehenen Finger passen. Wenn einer drin war, rutschte der andere raus“, berichtet Krusch. Doch kaum war es geschafft, kam der Aha-Effekt. An die ersten paar Schritte in seinen Five-Fingers erinnert sich Krusch gut: „Es klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, aber plötzlich konnte ich die Erde wieder spüren.“ Vom ersten kleinen Probelauf war er gleich überzeugt. „Man steht gut, man rutscht nicht und man ist viel flexibler beim Einstellen auf neuen Untergrund“, so der Berliner. Doch stehenden Fußes folgte auch ein Rückschlag: „Am Anfang hatte ich tierisch Muskelkater in Regionen meiner Füße, die ich bis dahin nie gespürt hatte.“ Genau darin besteht nach Ansicht vieler Sportmediziner auch der Vorteil der Fünf-Finger-Schuhe oder „Five Fingers“, wie sie von ihren Fans genannt werden. Der gesamte Fuß wird beim Bewegungsablauf wieder in die Pflicht genommen. Bewegungsabläufe, die mit der Erfindung modernen Schuhwerks verloren gingen, werden reaktiviert. Im Zuge der Evolution hat sich der Mensch langsam aber sicher vom Vorfuß-Läufer zum Fersenläufer entwickelt. Während beim Barfußlaufen die Hauptbelastung auf den Zehen und Ballen liegt, verlagert sich der Schwerpunkt beim Laufen in Schuhen auf die Ferse. Dadurch wird das gesamte Körpergewicht vom Hinterfuß abgefedert. Wie hoch diese Belastung ist, macht Patrick Näher mit einem einfachen aber effektvollen Versuch deutlich: „Wenn Sie auf die Zehenspitzen gehen und sich einfach auf die Fersen fallen lassen, spüren sie den Stoß bis in die Backenzähne. Wenn Sie dagegen auf den Zehenspitzen in die Luft springen und das Gewicht mit den Zehen auch wieder abfangen, passiert gar nichts.“ Der so genannte „Heelstrike“ der Rückstoß, der über die Fersen in den ganzen Körper übertragen wird, sei verantwortlich für die zunehmende Zahl von Sprunggelenks- oder Hüftarthrosen. Die Umstellung von normalen Schuhen auf die Five-Fingers dauert mindestens drei Monate und bringt unangenehme Anpassungsprobleme mit sich. „Schließlich muss sich die Muskulatur erst allmählich daran gewöhnen, dass sie nach 40 Jahren plötzlich anders arbeiten soll“, sagt Näher. Rund sechs Wochen dauere es, bis sich der Fuß an die neue Form des Gehens gewöhnt hat. „Dafür muss man die Zehenschuhe aber regelmäßig drei Mal die Woche für mindestens eine halbe Stunde, tragen.“ Und auch dann ist nur die halbe Strecke geschafft. „Bis man auch längere Strecken mühelos laufen kann, dauert es mindestens drei Monate“,  prophezeit der Sportmediziner.
Sibylle Kranich

Kommentare:

  1. Hallo Matthias,
    in meinem Freundes und Bekanntenkreis werden die Zehenschuhe immer öfter getragen. Mittlerweile gibt es ja auch einige Modelle die etwas "alltagstauglicher" sind und eher in den Bereich Barfußschuhe fallen. Ich trage jetzt seit einigen Wochen die Current Glove von Merell und bin sehr zufrieden. Anpassungsprobleme hatte ich jetzt keine: mein nächstes Paar Schuhe wird deshalb ein richtiger Zehenschuh werden um auch mal hier in den Genuss zukommen.
    Ich habe mir selten über meine Schuhe so viele Gedanken gemacht und seit dem ich mich mehr mit den Vorzügen des Barfußlaufens unterhalte, um so mehr achte ich gerade bei Schuhen und Socken (Zehensocken sind ein Traum!) sehr auf Modelle, die den Vorderfußlauf begünstigen.

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  2. Postscriptum: Wer auch nur ansatzweise an Großzehengrundgelenkarthrose leidet, sollte keine Zehenschuhe nutzen!

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    1. Hallo Matthias,
      wie ist es bei Hallux valgus, darf man da diese Schuhe nutzen?
      Gruß Christine

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    2. Hallo Christine,
      grundsätzlich gilt: Nur bei gesunden Füßen. Aber da ich kein Medizinmann bin, der Rat: Frag Deinen Orthopäden.

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