Sonntag, 27. Januar 2013

Mit dem Teufel ins Paradies - Wandern auf Gran Canaria

Ich werde alt. Wenn mir jemand vor zwanzig Jahren gesagt hätte, dass ich mal Urlaub auf Gran Canaria machen würde, und zwar in einer Touristen-Bungalowanlage in Maspalomas, ich hätte ihn gesteinigt. Oder steinigen lassen. In Anwesenheit von Weibsvolk, von mir aus.
Nun, wir waren die einzigen Wanderer in dieser Anlage. Stur marschierten wir in dieser einen Woche jeden Morgen um spätestens halb Zehn am Pool vorbei, wo sich schon die ersten Fleischberge Bier reinschütteten. Dass die Welt im Wesentlichen aus Klischees besteht, ist auch eine Erkenntnis des fortschreitenden Alters. Dass dieselben Briten jeden Nachmittag am gleichen Tisch saßen mit einer ganzen Batterie leerer Biergläser vor sich - unvorstellbar, aber wahr. Weshalb trinken Menschen und seien sie noch so bescheuert oder wenigstens Briten billiges spanisches Bier, wo man sich doch viel edler und genussvoller voll laufen lassen kann mit spanischem Wein?
Wie dem auch sei: Wir klapperten in dieser einen Woche die üblichen Touristenattraktionen ab. Wie gesagt, wir werden alt! Erstmal marscheirten wir zum Roque Nublo und bestaunten den 80 Meter hohen Felsklotz, dann unternahmen wir eine Mini-Bergtour auf den höchsten Berg der Insel. Ärgerlich für jeden Bergwanderer: Der höchste Punkt der gesamten Insel ist ein steiler, nicht zugänglicher Fels!
Blick zum Roque Nublo und auf Teneriffa
vom Pico de la Nieves (c) Matthias Kehle

Wir wanderten von Stausee zu Stausee, und weil uns das zu langweilig war, kletterten wir noch ein wenig in den Felsen, wir genossen die sensationelle Aussicht vom Gipfel des Altavista auf das Felsenmeer der Inselmitte und zur Nachbarinsel Teneriffa.
Die schönste Wanderung der Welt unternahmen wir jedoch am ersten Tag. Die unspektakulärste. Die einfachste. Eine Wanderung mit viel Schotter- und Teerweg, was normalerweise Igittigitt ist. Was war passiert? Wir standen unter Drogen. Wir waren besoffen. Nicht, dass wir zu viel Gran Reserva gesüffelt hätten. Nein, es war allein die Tatsache, dass wir aus einem grauen, kalten, feuchten Winter in den herrlichsten Frühling katapultiert worden waren. Wir fuhren von Maspalomas ein paar Kilometer in nördicher Richtung und erwischten die falsche Ausfahrt, so dass wir statt auf dem Weg ins Gebirge in einer Sackgasse landeten und plötzlich vor dem Hotel Tagoror im Barranco de Guayadeque standen. Ende der Autostraße. Anja wollte umdrehen, ich öffnete die Beifahrertür, und mir wehte der Duft blühender Obstbäume in die Nase. Die Vöglein zwitscherten mitten im Januar, derweil in Deutschland Blitzeis das Straßenbild beherrschte. "Ist es hier nicht wunderbar?", fragte ich rhetorisch.
Am 20. Jänner im Gebirg (c) Matthias Kehle

 Wir wanderten also los. Erst durch die Kleingärten der Höhlenwohnungen, die heute noch bewohnt sind. Eine kleine Katze ließ sich streicheln, eine Amsel sang. Ich vergaß den Rother-Wanderführer in meiner Hosentasche, wir verpassten sämtliche Abzweige. Am vorläufigen Ende latschten wir über ein geteertes Sträßchen, landeten an einer Hauptstraße und freuten uns voll von körpereigenen Drogen, Vitamin D und weiß-der-Teufel-was (zu dem wir gleich noch kommen werden) des Daseins und der Tatsache, dass wir den wunderschönen Teerweg wieder zurück latschen durften, um den rechten Abzweig zur Caldera de los Marteles zu finden. Am Abend grüßten wir die wackeren Briten, deren leere Biergläser nun auch am Boden verteilt waren und fußlahme Senioren, die mit Nordic-Walking-Stöcken immer wieder den Pool umrundeten. Was es mit dem Teufel auf sich hat? Ganz einfach: Unser Minischterpräsident a.D. Erwin Teufel saß im Flugzeug nebst Gattin hinter uns. Im gleichen Billigflieger nach Gran Canaria. S'isch halt en Schwob. Er präferierte übrigens Pasta und Bier und verschlief fast den ganzen Flug. So lange ihn jedenfalls seine Platznachbarin ließ, denn diese litt offenbar an Logorrhöe.

Post Scripum: Der Rother-Wanderführer "Gran Canaria" ist nicht zu empfehlen. Neben einigen mangelhaften Routenbeschreibungen sind die kleinen Wanderkärtchen und Höhenprofile mangelhaft. Eindeutig besser ist der Kompass-Wanderführer der Region.

1 Kommentar:

  1. Toller Bericht, das muss ja der Hammer sein dort zu Wandern da kann der Harz nicht mithalten!

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