Montag, 5. August 2013

Ich geh mal kurz auf 'nen Viertausender...

Kurz unterhalb des Weißmies-Gipfels
Kann man von Karlsruhe aus an einem Wochenende gemütlich einen Walliser Viertausender machen? Man kann, vorausgesetzt, man läßt das Auto stehen und schafft es, mit der Deutschen Bahn bis nach Basel. Denn ab hier fährt die SBB, und die ist pünktlich. 4:46 braucht man von Karlsruhe nach Saas Grund, genauer 4:45, denn der Bus von Visp nach Saas Grund war überpünktlich.
Wenn an einem schönen August-Nachmittag die Nordschwarzwald-Wanderer in Heerscharen am Bahnhof Baden-Baden stehen und auf den (logischerweise) bereits verspäteten Zug warten, bricht beim Bahnpersonal Panik aus. Bis sich alle in ihn hinein gedrängt haben, hat der Zug fünf weitere Minuten Verspätung. Eher passt ein Mensch in eine Sardinenbüchse als ein weiterer in einen solchen Zug. Was machen die Schweizer Bahnen, wenn sie sämtliche Schweizer Bergsteiger und eine Handvoll Touristen in Visp aufsammeln, um sie in der gesamten Nordschweiz zu verteilen? Sie setzen einen Zug ein, der gefühlte zwei Kilometer lang ist. Ironisch sagte ich zu meinem Sitznachbarn mit Blick auf meine Armbanduhr: "Eine Minute Verspätung." Meint dieser nur: "Es ist halt ein erhöhtes Aufkommen." Wobei immer noch Sitzplätze frei waren. Während in dem einzigen Bus, der vom Mummelsee nach Baden-Baden fährt, sämtliche alten Damen, die dort oben beim Kaffeekränzchen saßen, durchgeschleudert werden, setzen die Schweizer einfach so viele Postbusse ein, bis alle Touristen eingesammelt sind und einen Sitzplatz haben.
Nach einem gemütlichen Frühstück fuhr ich also am Samstag um 8 Uhr nach Saas Grund. Ankunft 12:45. Ich hatte kurzfristig das Hotel "Monte Rosa" gebucht und beim Einchequen versehentlich meinen Beruf geoutet, was Chef und Cheffin sofort per Google überprüften. Das brachte mir eine eine Führung durch die Räumlichkeiten ein. Das ehrwürdige Monte Rosa sei das älteste Hotel am Platze und er, ein Italiener mit Leib und Seele, habe natürlich die beste Küche im ganzen Tal. Seine Küche und seinen Beruf liebe er über alles, jeder Gast sei ihm lieb und teuer, und die Italiener seien ein besonderes Völkchen. Außer die Südtiroler, versteht sich. Er führte mich in die gute Stube, wo sein Aschenbecher und ein leeres Fläschchen Wein standen. Es roch nach sehr altem Holz, ich schnupperte: "Hier riecht es nach Schweiz", sagte ich. "Aber nein, hier riecht es nach Italien, hier wird täglich beste Küche serviert." In diesem Raum speisten sein Personal und manchmal auch Kleingruppen. Das Besondere allerdings sei das Klavier. Auf diesem habe dereinst Johannes Brahms gespielt. Er klappte das wertvolle Stück auf, in dem der Beweis angebracht war: Ein Dank des Meisters:
Der Beweis. Hier Johannes Brahms spielte auf diesem Klavier! (c) Matthias Kehle

Zum Abendessen bekam ich den besten Platz, an einem uralten, reich verzierten Holztisch. Mein Hunger nach einem Tag Zugfahren und auf der Terrasse lümmeln hielt sich stark in Grenzen. Sehr zum Bedauern von Cheffe. Die anderen Gäste, die nicht nur eine Nacht blieben, bestätigten die Lobeshymnen des Chefs auf sein Haus. Tja, nicht immer bekommt man in der Schweiz eine solche Gastfreundschaft geboten. Auf Diavolezza wagte es doch kürzlich ein Ober in einem gähnend leeren Restaurant darauf hinzuweisen, dass man hier normalerweise nur Speisen zu sich nehme und nicht bloß eine Tasse Kaffee. Erfrischend fand ich dann jene Hundertschaft Japaner, die sich kurz darauf auf die Terrasse des Restaurants ergossen und dort ihr Lunchpaket auspackten.

Swissmeteo prophezeite für den nächsten Vormittag den Durchzug einer Front und erst ab Nachmittag Besserung. Tatsächlich standen am frühen Morgen sehr verdächtige Wolken am Himmel (Altokumulus Castellanus), die Gewitter garantieren. Ich sah mein Wochenendtrip dem Scheitern nahe - der Bergführer würde mich und alle anderen Aspiranten nach Hause schicken.

Die Bergtour über den Normalweg startet von der Bergstation Hohsass der Gondelbahn mit Mittelstation Kreuzboden. Da in der Nacht zuvor der Blitz in die Seilbahn zur Mittelstation geschlagen hatte, organisierten die Schweizer unglaublich schnell und zuverlässig einen Pendelverkehr zu dem beliebten Ausflugsziel. Ausgerechnet an einem Sonntag im August zerstört ein Blitz den kompletten Antrieb der Seilbahn, dachte ich. Gut, dachte ich weiter, dass die Naturgewalten es nicht schaffen, die Schweizer davon abzuhalten, ihre Touristen zu befriedigen. Jetzt bleibt nur noch das Wetter, das mir durch diesen 36-Stunden-Versuch einen Strich machen könnte. Zweimal fragte ich den Bergführer, ob er wirklich mit uns starten wolle. Das wiederum machte ihn missmutig, wagte doch ein Tourist die regionale Wettervorhersage in Zweifel zu ziehen. Der Bergführer behielt recht. Wir wurden aber immerhin nass. Allerdings kamen nur ein paar Tropfen. Die Gewittertürme fielen in sich zusammen, eine schwache Front, ein Fröntli, zog binnen einer halben Stunde durch, danach war wieder schönster Sommerhimmel.
Es regnet. Ein "Fröntli" sorgt für einen grauen Gletscher

Dass die reine Gletschertour großartig ist, braucht nicht betont zu werden. Meine drei  Mitbergsteiger waren ebenfalls topfit, so dass wir nach 2,5 Stunden Aufstieg an Gletscherbrüchen und riesigen Spalten vorbei, auf dem Gipfel standen. Weitere 1,5 Stunden später war der Abstieg "erledigt", und ich gondelte der Heimreise entgegen. Der Pendelverkehr zwischen Mittel- und Talstation war inzwischen perfektioniert. Erst rumpelte wieder ein Kleinbus herunter mit mir und ein paar Japanern, dann war ein Pendelverkehr mit den berühmten gelben Postbussen eingerichtet. An der Umsteigestelle hatten die Schweizer Gulaschkanonen, Bierbänke, Tische und Sonnenschirme aufgebaut. Ein Viertele Weißweinschorle gab es für sagenhaft günstige 3,50 Franken.
Um es kurz zu machen: Kurz nach 20 Uhr trudelte ich zu Hause ein. Rechtzeitig zum Abendessen. Hab mir am Wochenende halt mal kurz die Füße vertreten auf einem Viertausender.

Link zum Anbieter der Weißmies-Tagestour über die Normalroute. Danke Carlo für die abermals prima Führung! Carlo und seine Kollegen können auch hier gebucht werden.

P.S. Ein solcher Trip ist nur körperlich fitten Bergsteigern/ Wanderern zu empfehlen, die vorher schon akklimatisiert waren. Ich war vorher drei Wochen lang im Hochgebirge unterwegs, meist über 3000 Metern.
P.P.S: Eigentlich hasse ich Gipfelfotos. Was ich aber gelernt habe, ist, dass man seinem Bergführer nicht widerspricht. Das also bin ich nebst Strahl-, Rimpfisch- und, Allalinhorn sowie Alphubel. Fotografiert von meinem Bergführer Carlo Burgener.
Und noch was: Normalerweise pflege ich, Berge ganz zu besteigen. Vom Tal bis zum Gipfel. Die Strecke Saas Almagell- Kreuzboden bin ich vor ein paar Jahren marschiert. Um noch aufs Jegihorn zu steigen. Aber das ist eine andere Geschichte.


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