Dienstag, 6. August 2013

Kleine Hüttenkunde für Anfänger


Düsseldorfer Hütte (c) M. Kehle

"Meine Bohrhaken, meine Eisschrauben, meine Steigeisen." So stellt man sich eine Berghütte vor. Hier protzen die Spezialisten, überall liegen, stehen oder hängen Rucksäcke, Seile und Pickel. Breitschultrige Männer und Frauen, deren Waden für Miniröcke ungeeignet sind, fachsimpeln über Schwierigkeitsgrade und trinken ein Weißbier nach dem anderen. Die letzten Gesprächsfetzen im Massenlager drehen sich um die Kontaktlinsen, die Frau vergessen hat herauszunehmen, denn mit sieben Dioptrin geht man nicht mit Brille in die Berge. Unter die Rubrik "Nur für Könner, nichts für Penner" fallen nur wenige Berghütten, das Taschachhaus ist so ein Fall, Ausgangspunkt für die Wildspitze und allerlei Klettereien in Fels und vor allem Eis. Als Normalos kamen wir uns in dieser Riesenkantine mit Massenlager schon etwas klein und seltsam vor. Nein, mit diesen Alpinisten können wir nicht mithalten. Doch so viele Könner sind gar nicht unterwegs. Mittags saßen wir noch auf der Hinteren Ölgrubenspitze und bestaunten den Gepatschferner, als wir eine Fünferseilschaft absteigen sahen. Sie marschierten stramm auf eine Spaltenzone zu, und schwupps: Da waren's nur noch vier. Und dieses Quartett rackerte sich eine halbe Stunde lang ab, den Kollegen zu bergen, um sich dann anschließend dochfluggs  aus dem heiklen Gelände zu verziehen.
Ganz andere Könner tummeln sich auf der Heidelberger Hütte in der Silvretta. Hier sitzen Mountainbiker, Wanderer und Bergsteiger einträchtig zusammen am Tisch und süffeln Wein. Die Radler (95% Männer) sind unterwegs auf der Alpentraversale ins Engadin, die Fußgänger steigen auf die Breite Krone, Piz Tasna und Piz Davo Leis oder wandern weiter ins Jamtal. Weshalb diese seltene Eintracht? Hier sind Mountain-Bike-Strecken und Bergwege getrennt, bei unseren Touren kamen wir keinem Radler ins Gehege. Wir waren uns in mehrfacher Hinsicht einig: Die beiden Sportarten müssen schon allein aus Sicherheitsgründen radikal getrennt werden und Wege, auf denen man das Rad tragen muss, sind keine Radwege. Seilbahntouristen verirren sich selten zur Heidelberger Hütte, denn sie ist mehr als zwei Stunden Fußmarsch von der nächsten Seilbahnstation entfernt, vom Talort Ischgl noch weiter.
Heidelberger Hütte (c) M. Kehle
Ein Platz für Anfänger und Bergsteiger ist die Düsseldorfer Hütte oberhalb von Sulden, erreichbar in maximal anderthalb Stunden von der Bergstation der Kanzel-Seilbahn.
Zur Düsseldorfer Hütte bei Sulden flanieren tagsüber die Sommerfrischler von der Seilbahn herüber, abends sind die Bergsteiger unter sich. So etwa Ralf, ein Schwabe, der sich uns bei der Besteigung des Hohen Angelus (3521 m) anschloss, ein Hundertkilo-Hüne, der sich im Fels wenig elegant bewegte. Ein Bergfreund durch und durch war oder der trinkfeste zweite Hundertkilo-Mann Walter, der über den Schutt der Tschengelser Hochwand fluchte und den Ehrgeiz hatte, alle Gipfel dieser Region zu besteigen, von den fehltenden 15 Viertausendern ganz zu schweigen. Nur den Montblanc und das Matterhorn will er auslassen, weil sie ihm zu überlaufen sind. Eigentlich undenkbar: Da besteigt einer alle Viertausender der Alpen, einschließlich solcher Hämmer wie das Lauteraarhorn, läßt aber Montblanc und Matterhorn aus. Die Düsseldorfer Hütte ist für mich die Hütte der trinkfesten Hünen, betreut von einem sanften, stillen und freundlichen Hüttenwirt.
Wer seine Kids bespaßen will, fährt mit dem Auto zum Gepatschhaus im hinteren Kaunertal, denn ganz in der Nähe ist ein Klettergarten mit allen Schwierigkeitsgraden. Das Gepatschhaus gehört zu meinen Lieblingshütten. Nein, nicht weil es die Hütte ist, wo die hübschesten Mädels arbeiten, sondern weil sie urig und gemütlich ist, auch wenn man seine Nachspeise nicht gegen einen Obstler eintauschan kann. Hier sind die waschechten Bergfreunde unter sich. Die Rennradler und Motorräder, die 22 Euro für die Maut der Kaunertalstraße hinblättern, wollen in die mit Fleece abgedeckte Eisgrotte auf der Gletscherleiche am Talende und das scheußliche Skigebiet bestaunen, bevor sie wieder ins Tal rasen. Wer kennt schon die Hintere Ölgrubenspitze, wer will schon auf den Glockturm? Wer diese Gipfel in sein Tourenbuch schreiben will, ist schon ein Freak und knallt abends keine Eisschrauben auf den Tisch, sondern erzählt Anekdoten aus einem schrägen Bergsteiger- oder Wandererleben.

Kommentare:

  1. Ann-Kathrin Busse7. August 2013 um 23:40

    Lieber Matthias, danke für den schönen Bericht. Aber bist du sicher, dass auf dem ersten Bild die Heidelberger Hütte zu sehen ist?
    Wir waren dort und erkennen nur die Ansicht auf dem 2. Bild.
    Herzlicher Gruß...Ann-Kathrin Busse

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Ann-Kathrin, natürlich ist die Düsseldorfer Hütte auf dem ersten Bild zu sehen. Danke für den Hinweis.

    AntwortenLöschen