Freitag, 2. August 2013

Wandertagebuch - Piz Corviglia (3083 m)

Nördlich von Sankt Moritz steht eine beindruckende Reihe von Felsriesen. Die bei Hardcore-Wanderern und Bergsteigern beliebtesten, sind Piz Julier und Piz Ot. Auf den Julier sollten allerdings nur Alpinisten steigen, denen es nichts ausmacht, mal ohne Seilsicherung auf einem schmalen Band gehend, 800 Meter in die Tiefe zu schauen. Piz Ot ist ein netter Kletterberg, aber anscheinend auch nichts für Warmduscher, habe ich doch noch ein Ehepaar im Ohr, den Ot und den Julier besteige man nur einmal. Piz Nair und Piz Padella sind für "Geübte", wie es so schön heißt, leicht erreichbar.
Nach einigen heftigeren Touren, gedachten wir am 12. Juli, mal was Kleineres zu unternehmen. Wir nahmen die Seilbahn von Celerina und fuhren in das reichlich verdrahtete Skigebiet nach Marguns (2278 m). Eigentlich, ja eigentlich nehmen wir die Berge immer von ganz unten. Da wir die Strecke Celerina-Marguns-Piz Nair allerdings schon marschiert sind, auch Celerina-Piz Padella komplett zu Fuß gegangen waren, durften wir es uns erlauben, dem Corviglia erstmal mit unfairen Mitteln näher zu kommen. Der Weg führt von der Bergstation Marguns zunächst auf breiten Güterwegen und ausgelatschten Wanderpfaden bis zur geschlossenen Hütte Chamanna Saluver auf 2650 m. Von nun schützten uns für ein Weilchen die Altschneefelder vor dem Geröll. Apropos: Wer sich ebenfalls mal an Piz Corviglia versuchen will und einen Weg sucht: Es gibt keinen - einfach auf die gewaltige und sehr steile Geröllzunge rechts = östlich unterhalb des Gipfelgrates zumarschieren. Wenn der Schnee weg ist, führen wahrscheinlich weitere Güterwege zweihundert Meter höher bis zur Bergstation eines Skilifts. Weshalb steigt man überhaupt auf einen Berg, dessen Umgebung derart verschandelt ist? Erstens ist der Corviglia-Gipfel einsam. Das Gipfelbuch stammt wohl  aus der Zeit von Willhelm Tell und enthält pro Jahr maximal zwei Einträge. Zweitens hat man von hier eine phantastische Sicht in die Bernina und die gesamte "Nordkette" der Sankt-Moritz-Berge und drittens könnte man theoretisch auch gleich noch den östlichen Nachbarn, Piz Glüna, "mitnehmen".
Logenplatz mit Bernina-Blick am Gipfel des Piz Corviglia
(c) Matthias Kehle

Zurück zur Geröllzunge, die einem der Berg entgegenstreckt. Wir hielten uns am Rand der Zunge, konnten noch ein Schneefeld beim Aufstieg nutzen, dann hieß es aber, durch sehr gemischten, mal kleinteiligen, mal grobblockigen Schutt bis zum Joch zwischen Piz Glüna und Piz Corviglia hochzukämpfen. Welche Rolle dabei das Körpergewicht bei der Bewältigung von Schutt und Geröll spielt, erlebten wir auf der Düsseldorfer Hütte. Was fluchte ein 100-Kilo-Bayer über den Schutthang der Tschengelser Hochwand! Ich 60-Kilo-Männchen empfand diesen als regelrecht spaßig. Von der Einsattelung zum Corviglia-Gipfel ist es nicht mehr weit. Und tatsächlich genossen wir dort Einsamkeit und Ruhe. Und der Abstieg durch Schutt ist natürlich einfacher als der Aufstieg, allerdings nur für "Könner". Man muss wissen, wie man sich die eher gröbere oder feinere Struktur des Schuttes zunutze machen kann, um auf ihm "Abzufahren", fast wie auf Altschneefeldern.
(c) Matthias Kehle

Im Bild rechts erscheint der Gipfel des Piz Corviglia etwas unvorteihaft rechts der Bildmitte - die Perspektive ist verkürzt. Gut erkennbar ist der Schutthang rechts des Gipfels. Es scheint, als sei hier mal ein ganzer Kamm einfach abgestürzt.

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