Donnerstag, 5. September 2013

Die Treppe war mein bester Freund

Hartmut Metz, Redakteur des "Badischen Tagblatts" stellte mir freundlicherweise die folgende Geschichte samt Fotos zur Verfügung. Danke für den Gastbeitrag. Alle Rechte bei Hartmut Metz:

Die Treppe war mein bester Freund
Das größte Fitnessgerät der Welt“ quält mit 3609 Stufen



Von Hartmut Metz

Die Treppe ist dein bester Freund!“, tönen irgendwelche Fitnessapostel vollmundig. Solange ich im Hotel nur mal flott 100 Stufen in die sechste Etage mühelos nahm, glaubte ich diesen Schwätzern. Als Tischtennisspieler und Fitness-Studiogänger hielt ich mich für recht fit – bis das „größte Fitnessgerät der Welt“ rief.
Der Lauf die 1576 Treppen zum Empire State Building hoch? Lächerlich! Das Ulmer Münster (768 Stufen) und den Pariser Eiffelturm (654 Treppen) türme ich auf – und das reicht mit insgesamt 2998 noch immer nicht, um sich mit der Europatreppe 4000 im Vorarlberg zu messen. Die längste gerade Treppe Europas führt über exakt 3609 Stufen von Gaschurn-Partenen auf die Bergstation Trominier.
„Besser nicht so schnell angehen“, rät mein Begleiter Markus Fessler-Jenny, „sonst fehlt später der Atem.“ Der austrainierte Mountainbike-Fahrer, der regelmäßig Touristen im Montafon auf Touren begleitet, gibt noch Techniktipps: „Manche ziehen sich mit den Händen am Geländer hoch.“ So, so, denke ich und tue es innerlich als „kläglich“ ab. Was soll das denn bringen? Nach den ersten 100 der 1500 Meter Wegstrecke bilden sich bereits Schweißtropfen auf der Stirn, obwohl der Wald auf 1048 Metern über dem Meeresspiegel die pralle Sonne kühlt und zuweilen Schatten spendet. Nach den ersten 1000 Stiegen, wie der Österreicher zu sagen pflegt, sind 200 der 700 Höhenmeter geschafft. „Das war noch relativ einfach und flach hier“, trägt mein Guide wenig zur Motivation bei, als er den Finger reckt, „da oben wird es steil!“ Na, danke!
Der Weg entlang der zwei 1,70 Meter breiten Rohre, durch die die Illtal-Kraftwerke das Wasser zur Stromerzeugung ins Tal schießen ließen, wird immer beschwerlicher. Bis zu 86 Prozent Steigung sind auf der belassenen Wartungstreppe zu bewältigen – und damit nicht genug, die Naturstein- und Geländertreppen sind unterschiedlich lang und hoch, ja neigen sich teilweise nach vorne. Ein gleichmäßiger Schritt wird so unmöglich. Stets geht der Blick nach unten, um Fehltritte zu vermeiden. Die Treppe hinaufzufallen, sollte hier tunlichst vermieden werden.
Das erste Pausenplätzchen birgt Romantik: „Das schien für Frischverliebte ideal, so man eine Frau fand, die die 800 Stufen mit Alkohol im Blut mitwankte“, ulkt Fessler-Jenny. Doch die Idylle besitzt abseits des Ausblickes einen gravierenden Nachteil: „Durch die zwei Wasserrohre schallte das Liebesgeflüster runter in die Talstation“, nennt der 42-Jährige den Hauptgrund, warum Paare den Aufstieg inzwischen meiden.
 Das „größte Fitnessgerät der Welt“ nutzen auch Profisportler. „Die österreichische Ski-Nationalmannschaft integriert es in ihren Trainingsplan“, erzählt Fessler-Jenny und lässt erahnen, warum die Alpenrepublik auf den winterlichen Pisten so auftrumpft! Andere „Verrückte“ erklimmen die Europatreppe 4000 „bis zu fünfmal am Tag und müssen sich sputen, damit sie oben die Vermuntbahn ins Tal erwischen“. Zahlreiche Fußballtrainer haben ihre Kicker auch hochgejagt, der SC Freiburg etwa, höre ich aus dem Off, während ich mich aufs Luftschnappen konzentriere.
Gut, dass ich bei diesem Treppenwitz der Geschichte hier immer wieder Pausen einlegen kann. Dienstliches schiebe ich bei Fessler-Jenny vor: Muss mal wieder ein paar Zitate von ihm aufschreiben! Oder dringend Fotos machen! Die Kraft, um die Kamera zu stemmen, reicht gerade noch – während ich keuche, japse, nach Luft ringe und gaaaaaaanz langsam in der Verschnaufpause die Kamera wieder im Rucksack verstaue. Sowieso, dieser verdammt schwere Rucksack! Ohne ihn wäre ich bestimmt eine Stunde schneller, mindestens!
Den Klassiker „Stairway to heaven“ dichte ich in meinem mit Sauerstoff unterversorgten Hirn in „Stairway to hell“ um – zum fröhlichen Summen des Songs fehlt mir allerdings die Luft. Ich pfeife aus dem letzten Loch. Einen freundlichen Gruß ringe ich mir dennoch ab, als eine Frau an mir vorbeistiefelt. „Super!“, feuert sie Fessler-Jenny an, während die Lady in Pink sich den Atem lieber stumm spart und mit ihrer Trinkflasche als einzigem Begleiter enteilt. Super fände ich es jetzt, in die gerade wieder über unsere Köpfe hinwegziehende Vermuntbahn umsteigen zu können ...
Wie lange soll das noch so gehen? Den Streckenrekord beim alljährlichen Montafoner Treppencup hält seit 2007 Gerd Hagspiel mit unglaublichen 20:28 Minuten! „Der spinnt komplett“, meint Fessler-Jenny grinsend mit Blick auf den erfolgreichen Mountainbiker. „Hagspiel ist fast so schnell wie unser Schrägaufzug, der 1,25 Meter in der Sekunde schaffte und 18 Minuten bis nach oben brauchte“, vergleicht Heinz Kogoj, der Betriebsleiter der Vermuntbahn, das unmenschliche Tempo mit dem alten Aufzug, der von 1928 bis 1996 seinen Dienst versah, ehe die Rohrleitungen in den Berg verlegt wurden.
Nach dem achten Stopp brauche ich alle 200 Stufen, die mittlerweile 30 Zentimeter hoch sind, eine Pause. 1000 Stiegen sollen es noch sein – der verschwommene Blick gen Gipfel suggeriert eher 100000. „Schmerzen vergehen, aufgeben bleibt ein Leben lang!“, spornt mich der Guide an, auf die Zähne zu beißen. Ich beiße kurz, ehe schon wieder der Atem rasselt.
Nach dem elften Halt und 650 Höhenmetern kommt das „Höllentor“. „Ab hier sind es noch 20 Sekunden. Du hörst schon die Zuschauer oben und fliegst ins Ziel“, erzählt Fessler-Jenny von seinen Erfahrungen beim Europatreppe-4000-Lauf. Trotz meines „Puma“-Shirts schleiche ich weiter im Schneckentempo. Endlich ist das Ende nahe! Nicht meines, das der Qual auf 1 731 Metern Höhe. Richtig beflügelt mich das aber nicht. Nur der Puls beschleunigt auf 180, obwohl ich mich mittlerweile mit beiden Händen am Geländer hochziehe. Peinlich!
Ausreden für die laue Zeit von 1:56 Stunden habe ich dank der dienstlichen Foto- und Schreib-Pausen. Das ändert aber wenig am mauen Stufenschnitt: 31,11 Stufen – pro Minute! Also nur alle zwei Sekunden schleppte ich mich eine Treppe höher!
Lauer Stufenschnitt
ohne Stöckelschuhe
Stefan Keckeis wuselte beim 15. Montafoner Treppencup im Juli in 23:23 Minuten zur Bergstation Trominier. Macht mehr als 2,5 Stufen die Sekunde bei der Titelverteidigung vor 133 anderen Durchgeknallten! Wahrscheinlich würde der fünfmal so schnelle 37-Jährige selbst mit Stöckelschuhen an mir vorbeisprinten ...

Eine Medaille und eine Urkunde nach der Qual gibt es trotzdem, nachdem ich oben die Stechuhr betätigte, mit der Vermuntbahn hinunterdüste (gottlob ist der Abstieg wegen der schrägen Stiegen verboten!) und die Steckkarte unten im Tourismusbüro in Gaschurn einreiche. Muskelkater bleibt tags darauf aus. Die Waden fühlen sich strammer als sonst an. Im unteren Rücken bemerke ich ein minimales Ziehen – aber vor allem die Lungen arbeiten wieder normal. Dennoch: Die Treppe war mein bester Freund! Überhaupt: Wer braucht schon 4000 Freunde? „Freunde können einem tierisch auf den Wecker gehen“, bestätigt selbst der athletische Fessler-Jenny.
Ab jetzt gilt: Lobpreis und Dank den Erfindern von Gondelbahn und Fahrstuhl! Elisha Otis zeigte vor 160 Jahren in New York den ersten modernen Aufzug. Aufzüge baute er 1931 auch ins Empire State Building ein mit seinen lächerlichen 1576 Treppen.

Infos: Montafon Tourismus GmbH, Montafonerstr. 21, A-6780 Schruns, Österreich,  Telefon: (0043) 5556722530.
www.montafon.at/de/europatreppe

Kommentare:

  1. :) toll geschrieben ... mir sind Berge ohne Treppen lieber :)

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  2. Sehr informativer Blog, herzliche Grüsse aus der Region Hall-Wattens in Tirol

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