Sonntag, 1. Mai 2016

Wandern im Kraichgau - Buchtipps

Der Kraichgau ist eine recht unspektakuläre Hügellandschaft zwischen Odenwald und Schwarzwald. Begrenzt wird er von der Rheinebene im Westen und im Osten von Heuchel- und Stromberg. Bis zu 333 Meter sind die badischen Buckel hoch. Steinsberg (333 m) und Michaelsberg (269 m)  habe ich als markanteste Erhebungen  in in meine "Badische Bergbibel" aufgenommen, eine unterhaltsame Sammlung von Geschichten, Wissenswertem und Kuriosem rund um die badischen Berge, die im höchsten Gipfel der deutschen Mittelgebirge dem Feldberg im Schwarzwald, kulminieren.

Die Gegend nennt sich gerne "deutsche Toskana", wie übrigens auch das Markgräflerland. Entsprechend der Lage und der bescheidenen Höhe der "Berge" empfiehlt es sich nicht, dort im Hochsommer zu wandern, sondern in sämtlichen anderen Jahreszeiten - Schnee sah man in der Gegend in den vergangenen Jahren so gut wie nie. Es ist ein kleines Wandergebiet mit verborgenen Schönheiten. Baden ist wohlhabend, entsprechend gut erhalten sind die alten Fachwerkgebäude, die Kirchen und Kapellen. Spektakulär sind die Hohlwege, die tief in die in großen Teilen von Löß bedeckte Landschaft eingeschnitten sind, herrliche Ausblicke über die Rheinebene hat man von manchen Kuppen, zwischen Karlsruhe und der Gegend südlich von Heidelberg. Auf dem Markt sind zwei Wanderführer, die beide eines gemeinsam haben: Es sind Mogelpackungen, beide führen den Titel "Kraichgau", aber nur ein Bruchteil der Touren deckt wirklich den Kraichgau ab - zu kleinräumig ist die Gegend. Beide Wanderführer enthalten Routen im württembergischen Strom- und Heuchelberg, im Enz- und Neckartal.
In der 4., völlig neu bearbeiteten Ausgabe des Rother-Führers "Kraichgau" dominieren diese Touren gar, die meisten liegen im Dreieck Bretten - Heilbronn - Ludwigsburg, sind also nur teilweise vom öffentlichen Nahverkehr des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) erreichbar, aber durchaus lohnenswert. Prächtige Aussichten genießt man in den Weinbergen südlich der Hölderlin-Geburtsstadt Lauffen am Neckar, spektakulär sind die Felsengärten bei Hessingheim samt Blick auf die Neckarschlaufen.
Nichtsdestoweniger deckt der Rother-Führer auch die wichtigsten und schönsten Routen im Kraichgau selbst ab. Nachteil des Bandes: Er gibt nur wenige Hinweise auf die Erreichbarkeit der Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln, bekanntermaßen erreicht man fast alle Orte mit den vorbildlichen S-Bahn-Linien des KVV. Die Ziele außerhalb des KVV sind per "Öffis" von Karlsruhe aus schwerer zu erreichen. Der neue Rother Kraichgau ist also nichts für Wanderer aus Karlsruhe, sondern eher für Ausflügler aus der Region Stuttgart-Heilbronn, vor allem wenn sie umweltfreundlich mit Bus und Bahn unterwegs sind.
Eindeutig für Karlsruher ist der zudem deutlich übersichtlichere Band "Wandern im Kraichgau", erschienen als Ausflugsführer bei G. Braun. Nicht irritieren lassen: Der Verlag existiert nicht mehr, das Buch ist aber weiterhin erhältlich bei "Der kleine Buchverlag". Im Gegensatz zum Rother-Führer mit seinen 50 Touren konzentrieren sich die Autoren auf 25. Sämtliche Touren enthalten Hinweise auf Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und zwar meist ausgehend vom Karlsruher Hauptbahnhof, außerdem sind die Wanderkärtchen präziser als bei Rother, die Beschreibungen selbst sind bei beiden Führern gleich gut.
Fazit: Badener kaufen badisch (G. Braun), Württemberger bayerisch (Rother)! Der Kraichgau samt Stromberg ist außerdem als formidables Weinbau-Gebiet bekannt, wobei der Kraichgau als badische Gegend höher klassifiziert ist als der Stromberg. Der Karlsruher Autor Johannes Hucke schreibt nicht nur schräge Krimis, sondern ist auch Verfasser mehrerer Weinlesebücher. Neu in der 3. aktualisierten Ausgabe erschienen ist nun sein "Weinlesebuch Kraichgau Stromberg". Untertitel: "Ein gehaltvoller Routenbegleiter zu Kraichgau- und Stromberg-Winzern in einer Landschaft voller Erlebnisse mit unaufdringlichen Hinweisen auf Spaziergänge, Gasthöfe, Rezepte und Sehenswürdigkeiten."
Richtig verausgaben braucht man sich im Kraichgau nicht, für Alpin-Wanderer ist die Gegend nichts, aber es soll ja immer mehr Genuss-Wanderer, Spaziergänger und Flaneure geben, und diese erhalten von Johannes Hucke nicht nur eine wohl komplette Liste von Weingütern nebst kenntnisreicher Beschreibung von deren Spezialitäten, sondern nahezu endlose Geschichten über Winzer, Besenwirtschaften und Sehenswürdigkeiten. Ein pralles Werk für Genießer, und von denen gibt es ja im Badischen genügend.
So bescheiden die Höhen des Kraichgaus also sind, Burgen, Schlösser, Klöster (Maulbronn), Weinberge, Aussichtspunkte, Besenwirtschaften, Seen - man kann dort einen ganzen Wanderurlaub verbringen. Wenn man nicht das Glück hat, ganz in der Nähe zu wohnen. Es muss nicht immer der Schwarzwald, der Odenwald, die Pfalz oder das Elsaß sein - das Gute liegt so nah!


Links:
"Badische Bergbibel"
Rother Wanderführer Kraichgau
G. Braun Ausflugsführer "Wandern im Kraichgau"
Weinlesebuch Kraichgau Stromberg

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