Freitag, 2. September 2016

Wieviel Masse verträgt ein Massenlager? Teil 2!

Ich bin halbtaub. Ehrlich: Auf dem linken Ohr höre ich rein gar nichts. Das hat seine Vorteile, was meine Frau allerdings anders sieht, vor allem, wenn sie etwas von mir will. Auf Berghütten, in Massenlagern jedoch, werde ich beneidet. Von jenen Mitschläfern, die wegen Schnarchern, Sägern und Röchlern nachts wachliegen. Ich drehe mich hingegen auf mein rechts Ohr, höre nichts und schnarche. Ab und an jedenfalls. So habe ich leider zum Glück auch jene Episode nicht wirklich mit erlebt, die mir Mario Ludwig erzählte, mein Mitwanderer auf der Turtmannhütte und Co-Autor der Wanderbibel. Das Buch war samt dem Kapitel "Wieviel Masse verträgt ein Massenlager" schon in Druck, als er sich an einem wunderbaren Morgen aus dem Hüttenschlafsack schälte und fragte, ob ich diesen unglaublich debilen Schweizer gehört hatte. Natürlich nicht. Mitten in der Nacht schreckte Mario aus dem Schlaf, weil eben dieser Schweizer ihm mit der Stirnlampe ins Gesicht leuchtete, so als wolle er ihn zum nächtlichen Verhör wecken und anbrüllte: "Ischt schon halb fünf?" Mario sah wohl verdattert auf die Uhr und informierte ihn, dass es erst halb drei sei. Worauf der Schweizer das gesamte Massenlager ausleuchtete und brüllte: "Er sagt, es ischt erscht halb drei!"
Was mich allerdings trotz Taubheit auf einem Ohr garantiert weckt: Das Rascheln im Massenlager! Weshalb raschelt immer ein halbes Dutzend Wanderer oder Bergsteiger unmittelbar nach dem Aufstehen? Was haben sie in ihren Plastiktüten zu suchen, zu verstauen, umzuräumen, wegzupacken, auszupacken? Wenn ich aufstehe, schleiche ich mit halb geschlossenen Augen und schmerzendem rechten Ohr (auf dem ich die ganze Nacht lag), sofort und unmittelbar zum Frühstück, um als allererstes die Rosinen aus dem Müsli zu sortieren.
Schlafplatz an der Fluchttüre der Franz-Senn-Hütte
Eine Nacht werde ich allerdings auch nicht vergessen und mit mir eine Horde holländischer Kinder, die schon knapp in der Pubertät waren. Sie nächtigten mit mir und meiner Frau im Notlager der Hochvernagthütte. Ganz oben, unterm Dach. Wir mussten eine steile Stiege erklimmen, um dort überhaupt hin zu gelangen. Was bedeutete, dass nach zwei Bier Schluss war, denn erstens wollte ich nicht ein Dutzend Mal des Nachts zur Toilette absteigen müssen, und zweitens wäre dies lebensgefährlich gewesen. Wobei mir übrigens einmal ein Hüttenwirt erzählt hatte, dass er die Hochbetten abgeschafft habe, weil ein Gast nachts aus dem Bett stürzte, sich den Fuß brach und mit dem Helikopter abgeholt werden musste.
Die Aufsicht der holländischen Kinder hatte offenbar ihr Nachtlager nicht im Notlager. Weshalb die Kids auf ihren Smartphones allerhand Geräusche ertönen ließen, vor allem quäkende aktuelle Hits, die sich sie auch noch mitsangen. Unterbrochen von Gelächter und kehligen Lauten, die deren Sprache so unglaublich melodisch machen, so dass ich mir wünschte, doch ganz taub zu sein. Jedenfalls für gut eine halbe Stunde. In dieser hatte ich die Kinderchen zweimal gebeten, doch die Hüttenruhe einzuhalten. Was sie nicht im Geringsten scherte, auch als ich beim zweiten Mal etwas nachdrücklicher reagierte. Beim dritten Mal stand ich auf, ging zu den Krawallisten und drohte ihnen lautstark: "Falls Ihr nicht innerhalb von fünf Minuten ruhig seid, sorge ich höchstpersönlich dafür, dass Ihr die ganze Nacht nicht schlafen könnt. Und ich meine die ganze Nacht." In diesem Moment hatte ich noch keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen könnte, weil ich ganz auf die Autorität der Stimme eines schmalen Männchens von 1,70 Metern Körpergröße hoffte.
Die Holländer gaben keine Ruhe. Ich hatte indes den rettenden Einfall: Ich schnarchte. Ich schnarchte, was mein Rachen hergab, die Nasenflügel rasselten, mein Zäpfchen vibrierte, ich röchelte, schnaubte und hoffte, dies nicht allzulange durchhalten zu müssen. Es hätte wohl mit einer Kehlkopfentzündung oder Schlimmerem geendet. Zwei Minuten oder weniger vergingen, als die Kinder mich vorsichtig baten, mit dem Schnarchen aufzuhören: "Gönnen Schie uns verschdehen?" Nein, ich verstand sie nicht und schnarchte weiter. Weitere etwas lautere, dennoch zaghafte, aber verzweifelte Bitten drangen an mein Ohr. Ich reagierte nicht, denn ich schlief ja tief und fest, musste mich aber beherrschen, um nicht lachend loszuprusten. Es vergingen keine fünf Minuten, und alle Kinder hatten sich um mich herum versammelt. Ein Mädchen zupfte am Fußende an meiner Decke und erwischte sogar einen meiner Zehen. Ich jedoch schnarchte weiter. Ich sägte, ich holzte imaginär den kompletten Schwarzwald ab. Die Kinder verkrochen sich bald in ihre Schlafsäcke, ich fällte nach einer gewissen Karenzzeit den letzten Baum und gab Ruhe. Die holländischen Kinder ebenfalls.

Teil 1 von "Wieviel Masse verträgt ein Massenlager" ist in dem Buch "Die Wanderbibel" (zusammen mit Mario Ludwig), erschienen beim Heyne-Verlag nachzulesen. Es kostet 10 Euro, ist in jeder Buchhandlung und signiert bei mir erhältlich!
Zur "Wanderbibel" hier klicken!

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