Samstag, 10. September 2016

Wieviel Masse verträgt ein Massenlager? Teil 3!

Dieser Tage war ich im Rätikon wandern. Auf dem Großen Turm, unter anderem. Eine grandiose Tour. Die zwei Nächte in der Lindauer Hütte waren jedoch ein Debakel. Nicht nur, weil die Hütte eine Großbaustelle ist. Die Nachmittage waren mit einem Geräuschpegel erfüllt, wie ihn arme Schwaben von Stuttgart 21 kennen. Das Haus wird komplett umgebaut, den zahllosen Bergfreunden standen nur wenige Lagerplätze zur Verfügung. Doch die Bergfreunde waren offenbar keine Menschenfreunde. Beim Frühstück sang eine Alpenvereinshorde trutzige Lieder aus einem Liederbuch, von dem gebildete Menschen gehofft hatten, es sei in Versenkung verschwunden ("Die Mundorgel"). Selten habe ich mein Müsli so schnell verspeist wie auf der Lindauer Hütte. Die gleiche Beschallung nach dem Abendessen. Mit dem Unterschied, dass die Horde sehr schnell dazu überging, Lieder zu grölen, die ich zum letzten Mal bei meiner Abiturfeier vor 30 Jahren gehört und ganz schnell wieder vergessen habe („Das rote Pferd“). Regel Nummer eins, liebe Bergfreunde: Kollektives Grölen auf einer Berghütte verstößt gegen die UN-Konvention der Menschenrechte.
Abstellraum für Bergwanderer

Meinen Schlummertrunk nahm ich also vor der Hütte zu mir. Ich schlurfte ins Nebengebäude und ging gleich wieder rückwärts, um einen weiteren Schlummertrunk zu nehmen. Das Nebengebäude ist eine Art umgebauter Abstellraum, in dem etwa zwanzig normal gebaute Bergsteiger schlafen können. Zumindest theoretisch. Tatsächlich versuchten dort etwa doppelt so viele zu schlafen. Nach meinem letzten Schlummertrunk musste ich noch eine Stunde warten, denn mir war klar: Einmal in diesem Schuppen würde ich vor dem nächsten Morgen nicht mehr herauskommen, ohne schwerwiegende Verletzungen zu erleiden. Sprich: Die Blase musste vollkommen entleert sein. Verletzungen deshalb, weil der Gang zugestellt war mit Schuhen, Rucksäcken, Wanderstöcken, Seilen, Kletterutensilien jeder Art und zwei Kindertragen. Wäre ich Mitglied der Feuerwehr, ich hätte wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen. Kommen wir zur Regel Nummer zwei des Hüttenknigges: Kleinkinder unter einem Jahr haben in Massenlagern nichts verloren. Mein nächtlicher Wutanfall galt zwei Familien, die ihren Mitmenschen unbedingt beweisen mussten, dass ihre Schreihälse die besten, schönsten und wichtigsten Geschöpfe auf diesem Planeten sind. Der fusselbärtige Vater eines der beiden Großfamilien empfahl mir, draußen zu schlafen. Arschloch. Eine ältere einheimische Wanderin, die das Glück hatte, im eigenen Bett nächtigen zu könen, erzählte übrigens, dass sie einmal in einem Lager zusammen mit einem Hund nächtigten musste. Regel Nummer drei: Nur ein toter Hund ist ein guter Hund.

P.S. Die Kritik gilt zuvorderst dem Hüttenwirt und der Sektion Lindau des DAV.
Zur Ehrenrettung der Hütte ist anzumerken, dass der Koch sein Handwerk versteht und die sanitären Anlagen auffallend sauber waren.

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